Udo Lindenberg: Mehr als nur Hut und Sonnenbrille

Udo Lindenberg, geboren 1946, ist eine Ikone der deutschen Musikszene. Seit Jahrzehnten prägt er mit seiner Musik, seinem Aussehen und seiner unverwechselbaren Art die deutsche Kultur. Er ist Kult, musste Kult werden, schließlich scheinen Aussehen, Bewegungen und Sprache bei ihm ritualisiert, so wie es sich für ein richtiges Kultobjekt gehört.

Der Gründer des Hamburger Kult-Plattenladens "Hanseplatte" sagte neulich in einem Interview, dass Udo Lindenberg immer mehr so aussehe wie Karl Lagerfeld. Das stimmt. Udo ist dünn, er trägt einen schwarzen Anzug, in dem er Zigarren rauchend auf dem Sessel rumschlonzt. Andere Menschen in seinem Alter tragen orthopädische Schuhe. Udo trägt knöchelhohe Reebok Classics in Schwarz, dazu neongrüne Socken. Das kann sehr peinlich wirken, wenn man alt ist, aber das tut es bei ihm nicht. Vor Udo auf dem Tisch steht ein Energydrink. Er sagt, er habe abgenommen, weil er viel Sport gemacht habe. In den vergangenen Jahren, von 95 Kilo auf 72, er wollte kein Rock'n'Roll-Mops und Mördersuffkopp mehr sein.

Der unverwechselbare Stil von Udo Lindenberg

Hut, Spiddelbeine in dürrer Hose, der Tanzstil, der aus abgeknickten Knien und rudernden Armen besteht, Sonnenbrille, schmaler Schlips. Und das ist nur die Optik. Dazu die Stimme, die Haltung, das Beinschlackern - all das sind Merkmale eines wahren Stars: Hervorragend imitierbar. Aber unersetzbar. Udo ist ein Prominenter mit authentischen Markenzeichen.

Noch etwas ist angenehm: Es drückt nicht all das Gewicht der Welt, auch nichts Larmoyantes, auf seine Musik. Immer wirkt es leicht und lakonisch, auch das unterscheidet Lindenberg von den pathosbeladenen Sängerinnen und Sängern des Landes. Am Ende empfiehlt Lindenberg, wie in „Bitte keine Love Story“, Hausmittel gegen Kummer: „Dann renn’ ich in die nächste Kneipe und besaufe mich total / Oder ich werfe Beruhigungspillen ein / Das müssen allerdings ziemlich viele sein.“ Das macht ihn sympathisch.

Schaut man sich alte Bilder an, muss man sagen: Die Rolle des Mannes mit Hut und Anzug hat Lindenberg über die Jahre entwickelt. Auch wenn er heute vorgibt, immer genau dieser Mann gewesen zu sein. Aber: Kann man nicht auch der Mensch seiner Gedanken werden? Dichtung und Wahrheit. Zwei Versionen eines Menschen und doch ein und derselbe.

Die Frage steht seit zwei Jahrzehnten im Raum: Was hat Udo Lindenberg da unter seinem Hut? Nun. Wer das Album "Keule" von 1982 besitzt, ahnt es. Auf dem Cover steht der Rocker, mit nichts als einem Fell bekleidet, und sein Haupthaar war schon damals auf dem Rückzug. Experten schätzen, dass Udo seit Mitte der 80er-Jahre nicht mehr ohne Hut gesehen wurde. Das war dann wohl der Moment, als sich sein lichtes Haar in eine Halbglatze verwandelt hatte. Die Haare im Nacken trotzdem überschulterlang zu tragen ist für einen echten Rocker mehr als angemessen.

Die musikalische Karriere von Udo Lindenberg

Udo machte sich zunächst als Trommler einen Namen, kam über Umwege nach Hamburg. 1971 erschien das erste Album, auf dem er sang. Rock’n’Roll. Auf Englisch. Ein Flop. Danach sang Udo nur noch Deutsch, was er eh besser konnte: "Alles klar auf der Andrea Doria", "Wofür sind Kriege da?", "Sonderzug nach Pankow", "Wir wollen doch einfach nur zusammen sein (Mädchen aus Ost-Berlin)". In weiten Teilen eine Erfolgsgeschichte. Obwohl: Auf Platz eins der Charts kam Udo erst mit seinen letzten Alben. Vielleicht also: der lange Weg zu einer Erfolgsgeschichte.

An Lindenbergs Solokarriere haben illustre Gestalten wie der TV-Produzent Horst Königstein geschraubt. Trotzdem steckte er viele Klatschen ein: Beim Agitprop klang es oft unbeholfen sozialdemokratisch. Ohne viel Aufhebens hat er für Kollegen gedichtet. Das spätpsychedelische Kleinod „Unser freies Lied“ (1978), ein Album mit deutschen Versionen von Songs des italienischen Cantautore Lucio Battisti, geht auf sein Konto. Es lief im „Gastarbeiterradio“, hinterließ bleibenden Eindruck beim Autor. „Stell dein Motorrad doch bitte mal leiser / Das fänd ich schön“, fängt Battisti zart zu singen an. Denkt an das Mädchen Lucia, das einen Streifenwagen angemalt hat: renitent, unbeschwert, ein wenig angetörnt. Sprachlich bleibt der Macho abgerüstet, dank Panik-Udos Mosaiklyrik.

Zu Lindenbergs Sound gehören auch Texte. Nur er konnte in der Bundesrepublik über „so ein ganz heißes Mädchen aus Pankow“ singen, das er gern treffen würde, wären da nicht „Nervereien“ mit dem „Tagesschein“ und so, „ey“. Kleinigkeiten in Performance und Sprache machen die Songs unverwechselbar.

Udo Lindenberg ist von der Arbeit des Regisseurs sehr beeindruckt. "Uli Waller arbeitet nicht mit den üblichen Musical-Attributen, er macht etwas sehr Spezielles. Würde die Inszenierung in Hamburg gezeigt, kämen wegen der Größe nur das Operettenhaus, das Schauspielhaus oder das "König der Löwen"-Zelt infrage. "Ich sitze auf den Proben wie auf einem Kommandostand von einem Ufo", sagt der Regisseur. "Etwa 40 Leute sind um mich herum, die mit Kopfhörern am Computer sitzen, telefonieren und alles gleich technisch regeln. Auf der Bühne fahren Wagen wie von selbst. Das muss programmiert werden. Und dauert. Den Schauspielern schreibe ich nach jeder Probe einen Brief über das, was auf der Probe gut und weniger gut lief. Waller und Lindenberg haben sich vor zehn Jahren im Flugzeug kennengelernt.

Serkan Kaya, ein in Leverkusen geborener Deutsch-Türke, der nicht nur eine Musical-Ausbildung hat, sondern auch Rock-Musiker ist, scheint ein perfekter Lindenberg-Darsteller, denn er ist eben kein singender, nuschelnder Hutträger, sondern man kann seinem Udo auch in die Seele blicken. "300 Schauspieler haben wir wochenlang gecastet", sagt Waller. Aber dazu gehören natürlich auch die anderen Rollen, darunter Udos Leibwächter Eddy Kante, der auf der Bühne ebenfalls wie ein Zwilling seines Vorbildes aussieht. "Wir haben für fast alle Rollen Schauspieler, die gut singen können, keine Musical-Darsteller. Die Mehrzahl von ihnen stammt aus dem Osten Deutschlands. Die erzählen hier ihre eigene Lebensgeschichte." Jeder Schauspieler hat 32 Vorstellungen pro Monat.

Udo Lindenberg - der deutsche Rockpionier | DW Dokumentation

Udo Lindenberg und die Politik

Lindenberg stand aber immer schon nicht nur für seine Musik, sondern für eine Haltung. Seit Jahren besingt er die bunte, offene Welt, in der die Toleranz regiert und die Menschenrechte an oberster Stelle stehen. Keine Grenzen, make love, not war. Gegen Nazis, für Abrüstung. Sicherlich auch ein Grund, warum Udo generationenübergreifend für gut befunden wird. Klar, der Rückfall in nationalstaatliche, rassistische Zustände mache ihm Sorgen. Er überlege, bald mal das deutsche Grundgesetz zu rappen. Damit alle sich wieder daran erinnerten, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.

Mit dem „Sonderzug nach Pankow“ verärgerte Udo allerdings Erich Honecker, den er „Honey“ nennt. Zwei junge Männer, die den Song auf einer Disko in Guben spielten und erwischt wurden, entkamen daraufhin nur knapp einer Haftstrafe. Im Oktober 1983 spielte Lindenberg, wie im Lied gewünscht, im Palast der Republik in Ostberlin. Nicht unbedingt eine Sternstunde seiner Karriere.

Die Panikfamilie

Ich glaube, Udo Lindenberg kann man am besten über die Menschen beschreiben, die ihn umgeben. Rund ein Dutzend Leute gehört zum engeren Kreis der Panikfamilie. Regierungsform: Basisdemokratie. No Chef. Only Udo, der wie ein Guru über allen thront. Das prominenteste Mitglied der Familie ist der Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre. 35 Trucks benötigt sie, um voranzukommen. Beim Echo brauchen sie fünf Wagen, um Udos Begleitschaft zum roten Teppich zu chauffieren. Neuerdings trägt er einen langen schwarzen Mantel, der ihn von hinten aussehen lässt wie den Wanderer über dem Nebelmeer. Während er Fernsehteams-Interviews gibt, stöckeln neben ihm ehemalige "Germany’s Next Topmodel"-Gewinner und aktuelle Youtube-Stars. Udo wirkt wie ein Gemälde inmitten von Snapchat-Videos. Und auch wenn seine Panik-Begleiter nur im Hintergrund bleiben, er braucht sie. Die meisten, sagt er, seien ihm zugelaufen. Als ich ihn frage, woher er wusste, dass sie gut sind, klopft er auf sein Herz. Er ist der Trauzeuge seines Anwalts, der ihm seit Jahren die Verträge aufsetzt. Beim Echo lerne ich die Panikfamilie näher kennen. Udo, so scheint es, hat wirklich nur Leute um sich gesammelt, die das Herz auf dem rechten Fleck haben. Interessante Typen, die alle eins eint: Sie leben das, was sie lieben. Udo.

Da ist zum Beispiel Schwessi, seine Social-Media-Managerin, die schon immer Udo-Fan war. Oder Frank, auch Ober-Udo-Fan und früher Bankangestellter, der jetzt für Lindenberg ein bisschen Technik macht, das Archiv und seine Immobilien verwaltet. Tine Acke, Fotografin und Freundin von Udo. Die Zarin, seine Haare-Make-up-Frau.

Udo Lindenberg, der Hunderte Songs geschrieben hat und seit Jahrzehnten Musik macht, ist bei jungen Leuten genauso beliebt wie bei der Generation, die ihn begleitet hat. "Udo eiert nicht rum", erklärt Ulrich Waller Lindenbergs Kultstatus. "Er redet Klartext, benennt Dinge beim Namen. Er ist neugierig und hat unglaubliche Fähigkeiten zu erkennen, was im Schwange ist, was die Menschen bewegt und interessiert. Er kann Menschen berühren. Ohne pathetisch zu sein. Man glaubt ihm, dass er von Sachen redet, von denen er Ahnung hat." So einer ist er auch auf der Bühne.

Udo Lindenberg: Ein Vorbild?

Er ist ein Träumer und Trommler, der in die Welt zog und bewiesen hat, dass man so leben kann, wie man es für gut und richtig hält. Er ist der einzige Mensch, dem ich nachsehe, wenn er Sachen sagt wie: "Lass rocken" oder "Das fetzt". Man kann von ihm lernen, dass man nicht das Modell "Mutter, Vater, Kind, Haus mit Einbauküche" leben muss, wenn man nicht dafür gemacht ist. Und dass sich Träumen lohnt. Immer noch, immer mehr. Bestimmt kann man gut mit ihm auf dicken Hotelzimmer-Teppichen liegen, Musik hören und Welten erfinden, in denen die Spinner regieren, wo man auch ohne Fluggeräte fliegen kann und wo Frieden herrscht.

Je länger ich mit ihm rede, ihn beobachte, desto mehr verstehe ich, warum Menschen Udo genial finden. Er ist das letzte Einhorn, die Realversion von Pippi Langstrumpf. Er lebt in einer selbst erdachten Villa-Kunterbunt-Sphäre, aber er kann auch rausspazieren und in der gemeinen Welt ein bisschen abhängen. Kein Problem, doch wenn es ihm zu langweilig wird, widdewiddewitt, alles easy, dreht er noch 'ne Runde im Raumanzug durchs Weltall. Und nachts malt er die Sterne mit Eierlikör an.

Sein neues Album widmet er der Freundschaft und dem Leben, und wahrscheinlich kann man auch das nur wirklich überzeugend tun, wenn man eben mal fast gestorben wäre an den mehr als vier Promille, mit denen er damals ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Das würde er generell jedem raten: nicht so viel zu saufen. Es gehe einem nicht besser davon, "man macht nur Mist und benimmt sich scheiße". Er jedenfalls möchte kein moderner Werther sein, nein, nein.

Lindenberg säuft schon lange nicht mehr, er trinkt. Er hat sich in Gelassenheit geübt und eine Gruppe guter Menschen um sich geschart, denen er die Treue hält.

tags: #udo #lindenberg #haare #aussehen

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