Schamhaarperücke im Mittelalter: Einblicke in die Geschichte der Intimfrisuren

Die Welt der weiblichen Schamfrisuren ist vielfältig: ganz glatt, stoppelig oder eher naturbelassen.

Wie folterte man im Mittelalter und der Frühen Neuzeit? | History Quest | Terra X

Schon seit Jahrtausenden kämpfen wir gegen den genitalen Wildwuchs an. Intimrasur ist mal angesagt, mal wieder nicht, je nach Zeitalter, Epoche und Kultur.

Venus Pudica, eine Darstellung des Schönheitsideals der Antike (Quelle: Wikimedia Commons)

Die Anfänge der Intimhaarentfernung

Bereits 4.000 bis 3.000 v. Chr. nutzten die Menschen geschliffene Steine und Muscheln in Kombination mit Harzen, Eselfett oder Fledermausblut, um untenrum nackter zu sein. Grabmalereien aus dieser Zeit zeigen Frauen, die außer viel Schmuck gar nichts trugen; auch keinen Busch. Auf ägyptischen Hieroglyphen sind Frauen mit Rasiermesser und kleinem Schamhaar-Dreieck zu sehen. Die Intimhaarentfernung der Römerinnen war Teil ihrer Bade- und Körperkultur.

Durch römische Eroberungen außerhalb des Schambereichs wucherte sich der Trend zum Trimmen auch nach Nordeuropa, -afrika und den Orient. Neben gängiger Rasurmethoden mit Bronzemesser, Zucker- oder Bienenwachs war es üblich, unerwünschte Haare mit groben Handschuhen oder schleifpapierähnlichen Scheiben abzureiben. Damals wurde der Intimhaarschnitt noch überwiegend aus hygienischen Gründen praktiziert, damit sich keine Parasiten oder anderes Ungeziefer wie Läuse oder Milben festsetzen. Starke Behaarung galt als unzivilisiert.

Das Mittelalter: Tabu und Rückkehr zur Natürlichkeit?

Nach der Römerzeit bis zum frühen Mittelalter musste das Badewesen und die damit verbundene Schamhaarentfernung in Europa pausieren. Zumindest offiziell. Sämtliche Auseinandersetzungen mit dem eigenen Körper wurden von der Kirche nicht nur abgelehnt und tabuisiert, sondern auch verfolgt. Ob und wie sich Damen dieser Zeit tatsächlich untenrum behaarten, ist nicht hinreichend überliefert.

Erst durch den Aufstieg des Bürgertums und die Rückkehr der Kreuzritter im 12. und 13. Jahrhundert wurden die Badekultur in Europa und somit eine haarlose Scham wieder trendy. Dann kamen die Hexen. Ab dem 15. und 16. Jahrhundert galten Narben oder Leberflecke als böse Male, Luzifer höchstpersönlich hätte sie auf die Frauenkörper geteufelt. Frauen, die verdächtigt wurden, verwunschen zu sein, wurden bei Untersuchungen am ganzen Körper rasiert. Diese sogenannte Nadelprobe ging naturgemäß fast immer negativ aus, weil wohl niemand lupenreine Haut besitzt.

Intimfrisuren im Wandel der Zeit

Im Frankreich des 18. Jahrhunderts mussten Schamhaare weg, bevorzugt wurde jugendliches, gar kindliches Aussehen. Zur Zeit des Nationalsozialismus' hatte die "deutsche Frau" dem Ideal entsprechend volle Schambehaarung zu tragen. Haare hin oder her.

Die Entwicklung der Rasur

Bis ins 19. Jahrhundert war die Rasur keine angenehme Sache. Sie war lästig, schmerzhaft und manchmal auch gesundheitsgefährdend. Dann wurde Elektrizität entdeckt und Rasur ein großes Stück einfacher und schmerzfreier. Die rasierte Scham wurde Mode. Zurechtgestutzte Härchen galten nach wie vor als reiner als gänzliche Glätte, die nicht regelmäßig gewaschen wurde. Der erste Rasierer mit Wegwerfklingen von Gillette speziell nur für Frauen aus dem Jahr 1915 und die Erfindung des Bikinis im Jahre 1946 taten ihr übriges. Mit Elektrolyse, Heißwachs, Laser, Elektrorasierern sind der südlichen Frisur quasi keine Grenzen mehr gesetzt. Bikinis und Badeanzüge wurden kürzer, Bilder in den Medien nackter.

Verschiedene Intimfrisuren im Überblick (Quelle: Dr-Fellmer.de)

Schamhaarperücken: Ein Zeichen von Gesundheit und Status

Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert galt üppiges Haar untenherum schließlich als Zeichen der Gesundheit. Damals war die Syphilis stark verbreitet. Häufig sind dann auch die Intimhaare ausgefallen. Um nach außen hin Gesundheit zu signalisieren, trug man deshalb Intimhaarperücken. Auch bei "Damen des horizontalen Gewerbes" waren sie beliebt. Denn die Freier brachten gerne mal Ungeziefer wie Läuse und Milben mit.

Die Vielfalt der Intimfrisuren heute

Was untenrum alles möglich ist, zeigt uns Caroline Selmes in ihrem Buch Pussycuts. Vom Charlie Chaplin bis hin zum Blitz, mit ein wenig Geschick lassen sich richtig kreative Dinge mit der Naturfrise anstellen.

  • Die Glatte: Keine Zeit und leichte Pflege? Zack, zack weg damit!
  • Die Landebahn: Frauen mit geradem Strich wissen genau, was sie wollen und zeigen dir das auch.
  • Die Buschikose: Sind Ausdruck von Weiblichkeit, egal wo, sie gehören zu mir!
  • Die Künstlerin: Ein Schnörkelchen hier, ein Kreis da. Unter dem Slip der Künstlerin versteckt sich Selbstfindungs-Schamhaar.
  • Die Stoppelige: Stoppeln sind der Dreitagebart unter den Intimfrisuren. Ihre Trägerin lebt in den Tag hinein - wer weiß schon, wer da kommt?

Historische Methoden der Haarentfernung

Rasur und Entfernung von Körperhaar haben eine sehr lange Geschichte. Es wird manchen erstaunen, dass bereits in der Steinzeit vor über 25000 Jahren Menschen mit Muscheln oder scharfen Steinen ihre Haare abgeschabt haben. Die Haarentfernung durch Wachs und das Ausziehen gehören zu den ältesten noch immer angewandten Praktiken. Die Entfernung der Körperbehaarung hat also Tradition, allerdings erfolgt dies nicht immer aus ästhetischen Gründen. So kann kann sie als äußeres Zeichen einer Zugehörigkeit zu einer Gruppe verwendet werden wie heute beim Militär. Neben religiösen Gründen gab es früher den hygienischen Aspekt, da Parasitenbefall allgegenwärtig war. Gerade in heißen Gegenden war Wasser zum Waschen oft kostbar.

Haarentfernung im alten Ägypten

Im Ägypten der Pharaonen galt der haarlose Körper als Schönheitsideal. Abbildungen aus dieser Zeit zeigen die Menschen ohne jegliche Körperbehaarung. Frauen und Männer rasierten sich also auch die Köpfe, trugen aber Perücken. Aufgrund des sehr warmen Klimas Ägyptens hatte dies auch hygienische Gründe und war eine vorbeugende Maßnahme gegen Infektionen. Die lästigen Haare wurde man im alten Ägypten mit Bienenwachs und Bimsstein los, aber auch bronzene Rasiermesser sind überliefert. Die arabische Enthaarungspaste Halawa hat ebenfalls ihren Ursprung in Ägypten. Halawa besteht aus Zucker, Zitronensaft und Wasser und eventuell werden noch Rosenwasser oder Olivenöl zugegeben. Die zu enthaarende Stelle wird dünn bestrichen, anschließend wird ein Stoffstreifen auf die Paste gelegt und dann mit einem Ruck abgerissen.

Weitere historische Methoden

Auch die Fadenmethode zur Haarentfernung von Gesichtsbehaarung kommt aus Ägypten und soll von Kleopatra benutzt worden sein. Sie hat sich wie Halawa im gesamten nahen Osten verbreitet. Der Faden wird mit jeweils beiden Händen und dem Mund so über die zu enthaarenden Stellen geführt und verzwirbelt, dass die jeweils verdrillte Stelle des Fadens die Haare entfernt. Die Mesopotamier im heutigen Irak haben überflüssiges Gesichtshaar gezupft. Bei Ausgrabung von Ur, der Hauptstadt der Chaldäer, wurden in einem Grab aus der Zeit um 3500 v. Chr. Aus dem nahen Osten stammt ebenfalls die seit etwa 4000 vor Christus bekannte Enthaarungspaste Rhusma Turcorum (auch rusma oder depilatorium turcicum), bestehend aus einer Mischung aus Orpiment (auch Auripigmet, früher: Arsenblende), gelöschtem Kalk und Stärke. Die ätzenden Bestandteile von Rhusma Turcorum sorgen dafür, dass die Haare nach einiger Zeit der Anwendung schwächer oder gar nicht mehr wuchsen. Rhusma Turcorum fand seinen Weg über Ägypten nach Griechenland, ins mittelalterliche Europa bis in Apothekerhandbücher des 19. Jahrhunderts.

Im der alten Kultur Indiens wurden Brust- und Schamhaare enthaart, und das Haar an Kinn und Oberlippe jeden vierten Tag. In Griechenland galt Körperbehaarung als barbarisch, zumindest in bestimmten Epochen. Auch Abbildungen und Skulpturen aus griechischer Zeit zeigen ausschließlich Menschen ohne Körperbehaarung. Eine glatte, haarlose Haut war auch bei den Römern ein Schönheitsideal. Männer rasierten ihre Gesichter bis Kaiser Hadrian, Julius Caesar soll seine Gesichtshaare gezupft haben. Nicht nur in römischer Zeit, sondern bis in das 20. Jahrhundert, wurden Körperhaare durch das Reiben mit Bimsstein entfernt.

Auch im bei uns häufig als „finster“ benannten Mittelalter sind Abbildungen nackter Körper in der Regel ohne Körperbehaarung. In den Badestuben des Mittelalters kamen verschiedene Methoden zur Haarentfernung zur Anwendung. Einer Schrift aus dem 13. Nicht alle diese Methoden waren allerdings verträglich. Aus der Zeit kommen auch die Rezepte, die Fledermausblut und Kröten enthalten. In der „Oeconomia Ruralis“, einem Hausbuch aus dem Mittelalter, sind 19 Rezepte für Haarentfernungsmittel aufgeführt. In den Rezepturen werden außer Pflanzensäften auch Hundeblut, Kalbsurin oder Schwalbengalle aufgeführt. Noch im 18.

Die Entwicklung im 20. Jahrhundert

Populär und als Zeichen ihrer Femininität breitete sich die Entfernung der Körperbehaarung in den USA bei Frauen insbesondere zwischen den Jahren 1915 und 1945 aus. Frauen fingen ab 1910 an, sich unter den Armen zu rasieren und die Beinrasur begann nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, als die Kleider kürzer wurden. Die erste moderne Rasierer für Frauen wurde im Jahre 1915 hergestellt und Einwegrasierer für Frauen folgten im Jahr 1975. In islamisch geprägten Ländern und in den USA ist das Rasieren des ganzen Körpers noch heute weiter verbreitet als in Europa, wo das Entfernen der Haare am gesamten Körper mittlerweile aber auch im Trend der Zeit liegt. Sehr gängig in Deutschland ist mittlerweile die Rasur in den Achseln, an den Beinen und immer häufiger im Intimbereich. In der westlichen Welt ist die Armrasur noch nicht so weit verbreitet, dafür rasieren sich immer mehr junge Männer das Brusthaar ab.

Die Schutzfunktion der Körperbehaarung

Dabei muss sich die Natur doch etwas gedacht haben, als sie uns mit Körperhaaren ausstattete. "Also die wachsen da nicht einfach nur, weil sie vergessen worden sind im Laufe der Evolution, sondern Haare haben eine Schutzfunktion", sagt die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu Sanyal. Sie sind eine natürliche Barriere für Krankheitserreger und verhindern, dass es zu Verletzungen kommt. Insofern hält sie die Begründung für vorgeschoben, Intimhaarschnitt gerade in Wüstenregionen mit Wasserknappheit aus hygienischen Gründen zu praktizieren. Sanyal hat sich intensiv mit der Geschichte des weiblichen Genitals beschäftigt und sogar ein Buch darüber geschrieben "Vulva.

Kulturelle Unterschiede und moderne Trends

Ob "Landebahn" - der längliche Streifen ist weltweit als Brazilian Cut bekannt - , Symbole wie Herzen oder Blümchen, der Bikini-Cut, bei dem lediglich die Haare getrimmt werden, die sich aus dem Höschen stehlen könnten, oder - neuester Trend - die Briefmarke, ein kleines, längliches Rechteck: Der gestalterischen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.Trockenrasur, Waxing oder gleich lasern? In manchen Ländern allerdings, vor allem im Orient, gilt Behaarung als unzivilisiert, man liebt es glatt. In einigen Kulturen in Afrika oder der Südsee hingegen gilt die Intimbehaarung auch heute noch als Zeichen für Fruchtbarkeit.

"Was man auch sagen kann", ergänzt Saynal, "dass in Ländern, in denen genetisch bedingt weniger Intimbehaarung sprießt, wie zum Beispiel in Thailand oder Japan, das volle Intimhaar als begehrenswert galt. In Europa, wo die Römerinnen einst der Badekultur frönten und dabei auch die Intimrasur praktizierten, wurde der Eingriff ab dem Mittelalter tabuisiert. Zumindest offiziell, denn die katholische Kirche verbot den sündhaften Umgang mit dem eigenen Körper. Ob und wie die Damen jener Zeit darauf reagierten, ist nicht hinreichend überliefert.

Der Einfluss der Medien und Body Positivity

Mittlerweile haben die Medien, aber vor allem das Internet dazu geführt, dass die Gestaltung des Intimbereichs sich weltweit immer mehr vereinheitlicht. "Als der Brazilian Cut das erste Mal in einer dieser großen beliebten Fernsehserien auftauchte in den 1990er-Jahren, in 'Sex and the City', ging daraufhin die Nachfrage nach Brazilians durch die Decke. Auch in Deutschland, wo die Schamhaare in den 1980er-Jahren noch ungehindert wachsen durften. Die französische Frauenrechtlerin und Journalisten Florence Hervé kommentierte in einem ihrer Bücher, man könne die deutschen Frauen an ihrem "germanischen Urwald" erkennen.

In den Großstädten dieser Welt schossen Waxing-Studios wie Pilze aus dem Boden, um ihre Kundschaft des unerwünschten Gestrüpps zu entledigen, Achselhaare inklusive. Mittlerweile rasieren sich auch immer mehr Männer, zumindest die der jungen Generation. Wer sich dem Mehrheitsgeschmack nicht beugt, muss mit einen Shitstorm rechnen. So auch Madonna, die 2014 auf Instagram ein Foto von sich postete - mit Achselhaaren. "Es ist ja fast eine politische Aussage, weil sie so eine große Vorbildfunktion hat, auch gerade für jüngere Frauen", sagt Sanyal. Sie findet es erstaunlich, dass Menschen Haare als ekelhaft empfinden, die ja eigentlich ganz natürlich sind.

Immer wieder, so die Kulturwissenschaftlerin, gebe es "Bush-is-back"-Bewegungen. US-Stars wie die Sängerin Lady Gaga, Rapperin Doja Cat oder Schauspielerin Cameron Diaz bekannten sich öffentlich zum Wildwuchs. In ihrem "Body Book" schrieb letztere schon 2013: "Seien wir mal ehrlich: Wie jedes andere Teil Ihres Körpers sind Ihre Schamlippen nicht immun gegen die Schwerkraft. Auch die mittlerweile verstorbene deutsche Schauspielerin Christine Kaufmann sprach sich 2014 in ihrem Buch "Lebenslust" vehement für Intimbehaarung aus: "Ich bin regelrecht bestürzt, wie erwachsene Frauen aus sich wieder präpubertäre Mädchen machen wollen. Zu meinem Schönheitsbild gehört Schambehaarung dazu", schrieb sie. Und weiter: "Sie soll… wie ein kleiner Garten gepflegt werden. Damit äußerte sie sich ganz im Sinne von Body Positivity. Oder sollte es zumindest sein.

"Es ist ein bisschen erschütternd", sagt Sanyal, "Untersuchungen sind zu dem Ergebnis gekommen: Wenn wir normschöne Körper haben, also jung und schlank sind, dürfen wir mehr Intimbehaarung zeigen in den sozialen Medien, als wenn diese Körper aus einer Norm herausfallen. Die Kulturwissenschafterin plädiert dafür, dass jeder Mensch selbstbestimmt entscheiden können muss, wie er oder sie Körperhaare tragen oder nicht tragen will. Ohne dafür im Netz niedergemacht zu werden.

tags: #Schamhaar #Perücke #Mittelalter #Informationen

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