Es ist ein weit verbreiteter Glaube, dass rothaarige Menschen eine besondere Beziehung zum Schmerz haben. Doch was ist Mythos und was Realität? Wissenschaftliche Studien haben sich intensiv mit der Schmerzempfindlichkeit von Rothaarigen auseinandergesetzt. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen und beleuchtet die Besonderheiten, die mit dieser Haarfarbe einhergehen.
Eigentlich sind es die Schotten und die Iren gewesen, die mit ihrer Mutation im langen Arm des Chromosom 16 und Ausbildung eines speziellen MC1R-Gens mit Hemmung des braunen Hautfarbstoffes Melanin zur verstärkten Bildung von rotem Hautfarbstoff Phäo-Melanin geführt haben. So entstand das sympathische Gesicht einer Pippi Langstrumpf mit roten Haaren, heller Haut und Sommersprossen vornehmlich im Norden Europas.
Nur zwei Prozent der Menschen weltweit haben rote Haare, aber über 40 Prozent der keltischen Völker Schotten und Iren, die gemeinhin als sehr trinkfest gelten.
Ein Blick ins Erbgut verrät: Für die Haarfarbe ist ein bestimmtes Gen auf Chromosom 16 zuständig. Jeder Mensch hat den Erbgutbaustein MC1R, der die Bauanleitung für den Melanocortin-1-Rezeptor liefert. Vor mehr als 50.000 Jahren ist in diesem MC1R-Gen viele Male unabhängig voneinander eine Mutation, eine kleine Veränderung, aufgetreten.
Mehr als 70 verschiedene Varianten dieses Genes wurden bislang entdeckt, von fünfen ist klar, dass sie zur roten Haarfarbe führen. Auch mindestens ein anderes Gen, das HCL2 auf dem Chromosom 4, scheint eine Rolle bei der roten Haarfarbe zu spielen. Vererbt ein Elternteil eine dieser Varianten, wird der Nachwuchs möglicherweise rote Haare bekommen. Vererben aber beide Eltern eine solche Variante, ist die Wahrscheinlichkeit für einen Rotschopf sehr hoch.
Es ist schon länger bekannt, dass rothaarige Menschen auf Schmerzen anders reagieren. Neue Forschungsergebnisse von Wissenschaftler*innen des Massachusetts General Hospital (MGH) liefern Erkenntnisse darüber, warum rothaarige Menschen eine veränderte Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Arten von Schmerzen aufweisen.
Forscher glauben, dass Varianten des Melanocortin-1 Rezeptor (MC1R) Gens eine Rolle spielen. Während die Beziehung zwischen MC1R und Schmerzsensibilität noch nicht gänzlich verstanden wird, haben Wissenschaftler MC1R Rezeptoren im Gehirn gefunden.
Da auch bei rothaarigen Mäusen die Melanocortin-1-Rezeptorfunktion inaktiv sind, haben die Forschenden ihr Schmerzempfinden genauer untersucht, um mögliche Zusammenhänge zu entdecken. Laut ihrer im Fachmagazin „Science Advances“ veröffentlichten Studie machten sie eine interessante Entdeckung: Die Tiere wiesen einen niedrigeren Spiegel eines Moleküls namens POMC (Proopiomelanocortin) auf.
Dieses wird wiederum in unterschiedliche Hormone zerlegt. Darunter eines, das Schmerzen blockiert und eines, das für Schmerzen sensibilisiert. Bei rothaarigen Mäusen (und daher wahrscheinlich auch bei rothaarigen Menschen) würden sich beide Hormone in geringen Mengen scheinbar gegenseitig aufheben.
Interessant ist, dass rothaarige Menschen offenbar nicht auf die Wirkung von Lidocain und ähnlich wirkenden Lokalanästhetika anspringen. Forschende aus den USA zeigten im Jahr 2006, dass Rothaarige, denen Lidocain unter die Haut gespritzt wurde, empfindlicher auf Schmerz reagieren.
Allerdings wurden nur zehn rothaarige mit zehn dunkelhaarigen Probandinnen verglichen. Dennoch empfehlen die Autorinnen und Autoren der Übersichtsstudie, Rothaarige bei Narkosen und Schmerzbehandlungen eng zu begleiten.
Jeffrey Mogil von der McGill University in Montreal konnte zeigen, dass Mäuse und rothaarige Menschen mit diesen Erbanlagen Schmerz anders wahrnehmen als dunkelhaarige Artgenossen. Ist ihr MC1R-Gen so verändert, dass infolgedessen kaum mehr Eumelanin gebildet wird, so sind sie schmerzempfindlicher.
Sie konnten zeigen, dass rothaarige Frauen empfindlicher auf Kälte- und Hitzereize reagieren. Gleichzeit sprechen sie auf ein bestimmtes Schmerzmittel, ein Morphin, sensibler an. Gegenüber Narkosemitteln aber sind sie unempfindlicher. Ein paradox klingender Befund, den bis heute niemand gänzlich aufgeklärt hat.
Also untersuchten sie 20 gesunde blasshäutige Frauen mit rotem Haar und 20 Frauen mit blondem oder braunem Haar. Bei der Creme-Behandlung reagierten Rothaarige, Blonde und Braunhaarige aber völlig identisch, es gab keinen Unterschied. Das Ergebnis: Die Rothaarigen reagierten ganz klar weniger empfindlich als die anderen Frauen.
Arendt-Nielsen und sein Team schließen daraus, dass Rothaarige für bestimmte Schmerzreize unempfindlicher sind. Sie reagieren weniger auf Nadelstiche oder auf Druck. Drücken, Piksen und Schaben nehmen die Rothaarigen eher gelassen hin, auf Temperaturreize reagieren sie sehr sensibel.
Lange Zeit wurde unter Ärzten auf der ganzen Welt gemunkelt: Rothaarige scheinen schwerer in Narkose zu legen zu sein. Eine Studie aus den USA zeigte, dass Rothaarige tatsächlich einen um 19 Prozent höheren Bedarf an Desfluran (einem Inhalationsnarkotikum) haben als Dunkelhaarige.
Der Untersuchung zufolge benötigen Rothaarige vor Operationen rund 20 Prozent mehr Betäubungsmittel, um nicht mehr auf Schmerzen zu reagieren. Die Studie an Frauen im Alter von 19 bis 40 Jahren stellte das Team auf einer Tagung der American Society of Anesthesiologists in Orlando vor.
Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass Frauen Schmerzen im Durchschnitt intensiver wahrnehmen als Männer. Testosteron senkt das Schmerzempfinden, das weibliche Östrogen steigert es dagegen.
Bestimmte Gene beeinflussen also z.B. wieviele körpereigene Opiate, die sogenannten Endorphine, eine einzelne Person bildet. Je mehr Endorphine jemand bildet, desto weniger Schmerzempfinden hat er.
Seit 1994 müssen deshalb Untersuchungen von Schmerzmitteln in Deutschland an Männern und Frauen durchgeführt werden. Insgesamt ist es somit richtig und wichtig, dass mittlerweile geschlechtsspezifische Untersuchungen durchgeführt werden.
Rothaarige hatten es noch nie leicht. Früher wurde rotes Haar oft mit dem Teufel und übernatürlichen Kräften in Verbindung gebracht. Und auch heute müssen sich Rothaarige mit allerlei Klischees herumschlagen. Es heißt, sie seien temperamentvoll, eigensinnig - und angeblich auch schwer zu betäuben.
70 verschiedene Varianten des MC1R-Gens konnte man entdecken. Nur bei fünf von ihnen ist auf dem Chromosom 16 klar, dass sie sich an der roten Haarfarbe beteiligen. Rothaarige Menschen mit diesen Erbanlagen nehmen Schmerz anders wahr als andershaarige Artgenossen. Sie reagieren etwas sensibler auf thermische Reize im Vergleich zu Menschen mit einer anderen Haarfarbe. Druck, Nadelstiche oder Schnitte tolerieren sie besser.
Es gibt natürlich individuelle Unterschiede zwischen allen, nicht-eineiigen Menschen, aber keine Sorge - die Anästhesie wird nicht nach Haarfarbe durchgeführt. In der modernen Anästhesie wird der Narkose- und Schmerzmittelbedarf für jeden Menschen individuell erfasst und fortlaufend überwacht.
Tabelle: Zusammenfassung der Schmerzempfindlichkeit bei Rothaarigen
| Aspekt | Eigenschaft bei Rothaarigen |
|---|---|
| Reaktion auf Hitze und Kälte | Erhöhte Empfindlichkeit |
| Reaktion auf Druck | Geringere Empfindlichkeit |
| Wirksamkeit von Lidocain | Reduzierte Wirksamkeit |
| Bedarf an Desfluran (Narkosemittel) | Erhöhter Bedarf |
tags: #Rothaarige #Schmerzempfindlichkeit #Studien
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