Die Liedermacherin Ronja Maltzahn (29) geriet 2022 aufgrund ihrer Dreadlocks in den Fokus der Öffentlichkeit. Dies führte zu einer Auseinandersetzung über kulturelle Aneignung, die ihren Höhepunkt fand, als sie von einem Konzert von 'Fridays For Future' ausgeladen wurde.
Ronja Maltzahn. Foto: Zuzanna Badziong
„Kulturelle Aneignung?“ - Wegen ihrer Dreadlocks wurde Ronja Maltzahn 2022 von 'Fridays For Future' von einem Konzert in Hannover wieder ausgeladen.
Die hannoversche Ortsgruppe der Klimaschutzbewegung „Fridays für Future“ hat eine für den Klimaprotest am Freitag gebuchte Musikerin ausgeladen, weil sie Dreadlocks trägt. Die Klimaaktivisten hätten ihr mitgeteilt, dass Dreadlocks „bei weißen Menschen eine Form der kulturellen Aneignung“ seien, erklärte Maltzahn. Der Sängerin zufolge hatte die Initiative ihr mitgeteilt, sie dürfe nur dann auftreten, wenn sie bis dahin ihre Dreadlocks abschneide.
Die Begründung: Es sei nicht mit dem "antikolonialistischen und antirassistischen Narrativ" vertretbar, "eine weiße Person mit Dreadlocks auf unserer Bühne zu haben". Das sei "eine Form von kultureller Aneignung", heißt es in dem Ausladungsschreiben, das Maltzahn auf ihrem Instagram-Account geteilt hat. Denn Dreadlocks seien "in den Zeiten der Sklaverei von weißen Menschen als ein Zeichen der Unterdrückung" genutzt worden.
„Dreadlocks wurden erst durch die Versklavung Schwarzer Menschen aus afrikanischen Ländern und Indien in die USA gebracht, wo sie später in Bürgerrechtsbewegungen Schwarzer Menschen zum Widerstandssymbol wurden“, argumentieren sie. Eine weiße Person, die Dreadlocks trage, müsse sich dagegen aufgrund ihrer Privilegien nicht „mit der Geschichte oder dem kollektiven Trauma der Unterdrückung auseinandersetzen“. Vielmehr bekomme sie für dieselbe Frisur Komplimente, für die schwarze Menschen rassistisch angefeindet würden.
Maltzahn zeigte sich enttäuscht über die Absage. Zugleich betonte sie, dass sie keinen Konflikt anzetteln wolle, da sie die Werte des Bündnisses teile. „Ich hoffe, dass es für diese eigentlich tolle Organisation ‚Fridays for Future’ nicht zu viel blöden Pressewind geben wird.“
Der Kern des Problems ist der Begriff der "kulturellen Aneignung". Das Thema wird in der englischsprachigen Welt als "cultural appropriation" schon länger diskutiert. Dahinter steht ein Konflikt, der unter dem Begriff Identitätspolitik immer wieder durchschimmert: Rechtsextreme Identitäre vertreten schon lange ein kulturelles "Reinheitsgebot". Aber auch das linke identitätspolitische Denken vertritt die Auffassung, dass nicht jede Kultur jedem offensteht.
In den zurückliegenden Jahren wurden diese Debatten wiederholt geführt. Sie entzündete sich an Fragen wie: Dürfen weiße Menschen den Blues spielen? Kann ich noch Eminem hören? Und darf ich zum Mexikaner essen gehen, auch wenn er in Wahrheit Europäer ist?
Um die starren Fronten aufzulösen, gibt es seit einiger Zeit das Bemühen, begrifflich stärker zu differenzieren. Demnach müsste man das Motiv des "Aneignenden" hinterfragen: Reflektiert er seine eigenen Kultur? Berücksichtigt er den Kontext der entlehnten Kultur? Und gibt er etwas zurück?
Tahir Della vom Verband der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) betont gegenüber Utopia, wie wichtig es sei, den Ursprung von Musik zu benennen. Er verweist auf unterschiedliche Möglichkeiten, mit Privilegien umzugehen, zum Beispiel das Rampenlicht mit musikalischen Inspirationen zu teilen.
Der weiße Reggae-Musiker Gentleman spricht in einem Interview über kulturelle Aneignung. Im Interview mit dem Zeit-Magazin sprach er nun über kulturelle Aneignung, der sich immer mehr Künstler:innen konfrontiert sehen.
Grundsätzlich findet Gentleman die Debatte um kulturelle Aneignung wichtig - er sieht darin allerdings auch „die Gefahr, dass sie uns beschneidet und dass wir auf einmal nichts mehr dürfen und uns nicht mehr austauschen können.
Wenn es um Reggae-Singen geht, findet der Künstler einen „gewissen Respekt“ wichtig, sowie Anerkennung und Wertschätzung der Herkunft. Allerdings beschäftige es ihn, dass es in Jamaika „hunderttausend Artists“ gäbe, die talentierter und lyrisch besser seien als er, aber nicht seinen Erfolg haben. „Als schwarzer Jamaikaner wäre ich nicht so erfolgreich“, gibt Gentleman zu. „Die weißen Fans identifizieren sich mit mir vielleicht stärker.“
Gentleman. Foto: Promo
Mit Blick auf den heutigen Zeitgeist habe sich vieles geändert. Der Musiker weiß nicht, ob er heute anfangen würde auf Patois Reggae zu machen.
Gentleman geht im Interview lediglich darauf ein, dass er Songs wie Dem Gone, Superior und Leave Us Alone mit jamaikanischen Produzenten aufgenommen habe und die Songs teils mit jamaikanischen Künstlern geschrieben habe, die dann auch an den Gema-Einnahmen beteiligt wurden.
Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob Dreadlocks bei Weißen tatsächlich ein mieses Zeichen kultureller Aneignung sind. Als politisches Statement könnten sie auch als Zeichen der Solidarität, gegen die Unterdrückung von Schwarzen, durchgehen.
Allerdings ist nicht mal klar, wer die Locken zuerst verfilzt hat und was er damit sagen wollte. Die Rastafari, eine Bewegung auf Jamaika, die dem Christentum entsprungen ist, liebte ihre Zöpfe verfilzt. Andere Quellen wissen zu berichten, dass schon die Priester der Azteken ihre Haare gerne zu Zöpfen filzten. Als Erkennungszeichen.
Überhaupt verweisen die Filzhaare der Sängerin weniger auf antikolonialistische Freiheitskämpfe, viel mehr sind sie ein Bekenntnis zu einer älteren linksalternativen Szene, lange bevor man dort strenge Zöpfe trug.
Aus meiner Sicht ist das Thema nur eine willkommene Entschuldigung für Machtdemonstration und um sich vermeintlich bei bestimmten Gruppen, die extremen Wert auf Exklusivität legen, einzuschleimen.
Perfide „Gutmenschen“, agitieren pauschal nun sogar gegen Dreadlocks, nach Blackfacing, russische Identitäten etc. Es ist unfassbar: blindwütiger „positiver Rassismus“ spaltet Gesellschaften!
Ronja Maltzahn jedenfalls, die musikalisch dem Genre Worldpop zugeordnet werden kann, bevorzugt es bunt und kosmopolitisch. Sie mischt verschiedene Stile und Kulturen munter durcheinander. Sie tritt mit 15 Musikern aus verschiedenen Nationen auf, das Ensemble singt auf sieben Sprachen, wie sie in einem auf Instagram veröffentlichten Video erklärte.
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