Rezo, ein junger Mann mit blauen Haaren, ist in Deutschland zu einer bekannten Figur geworden, insbesondere durch seine kontroversen YouTube-Videos, in denen er politische Themen kritisch hinterfragt. Seine Videos haben eine breite Debatte über die Rolle von Influencern in der Politik und die Glaubwürdigkeit traditioneller Medien ausgelöst. Dieser Artikel beleuchtet das Phänomen Rezo, seine Hintergründe, seine Kritiken und die Reaktionen darauf.
Rezo auf der re:publica 2019
Rezo ist 26 Jahre alt, kommt aus Wuppertal und betreibt zwei YouTube-Kanäle mit über 679.600 bzw. 1,5 Millionen Abonnenten. Bemerkenswert ist, dass man auf seinem Youtube-Kanal ansonsten eher Videos mit seichtem Inhalt findet. Sein richtiger Name ist nicht bekannt.
Rezo wurde vor allem durch sein Video "Die Zerstörung der CDU" bekannt, das kurz vor der Europawahl 2019 veröffentlicht wurde. In diesem 55-minütigen Video kritisierte er den Kurs der Bundesregierungen der vergangenen Jahre scharf. Darin geht Rezo fast eine Stunde lang auf den Regierungskurs der letzten Jahre und Jahrzehnte in Deutschland ein. Seine Wahrnehmung: Die Ungleichheit steigt, die Klimakrise wird kleingeredet, Minister machen ihren Job nicht ordentlich, die USA können auf der Welt machen, was sie wollen - und Deutschland schaut dem Treiben des Verbündeten lethargisch zu.
Rezo untermauert seine Argumente allesamt mit Belegen. Über 250 Quellen listet er in einem zum Video gehörenden Dokument auf. Innerhalb von nur drei Tagen wurde sein "CDU-Zerstörungsvideo" 3,4 Millionen mal angeklickt. Das Video brachte besonders die CDU-Spitze um Annegret Kramp-Karrenbauer ins Schlingern.
Am Ende war es weniger Rezo, der die CDU zerstörte, als die CDU-Führung selbst, da sie keine Antwort auf Sprache, Argumente, Stil und Tonlage von Youtube-Bloggern hatte. Dabei hat Angela Merkel bei der letzten Bundestagswahl doch gezeigt, wie einfach es sein kann, Influencer einzuladen und sie dann durch rhetorische Stoik zu zerstören. Niemand erinnert sich heute mehr an die damaligen Jugendstars.
Rezos Argumente sind teilweise richtig und gut, teilweise aber auch verknappt und generell tendenziös. CDU-Generalsekretär Paul Zimiak bezeichnet es als "Mischung aus ganz vielen Pseudofakten". Rezo selbst sagt dazu im Interview mit der Online-Plattform Bento, er wisse, "dass auch andere Mächte und Faktoren da mitspielen". Das Video sei eher als generelle Kritik an den regierenden Parteien zu verstehen.
Auf Youtube kommt das Video ziemlich gut an. 450 000 Bewertungen sind positiv, gerade einmal 16 500 negativ. Auch viele Kommentatoren äußern sich lobend. Das zeigt: Youtube ist wichtig geworden.
Monika Holhlmeier, von der CSU bezeichnete die Proteste als "Fake-Kampagne". Das klang nicht, als wolle sie "die Sorgen der Bürger ernstnehmen", wie es in Debatten immer wieder gefordert wird. Viele junge Menschen hat das frustriert. "Das ist doch kein respektvoller Umgang mit Bürgern", sagt Rezo dazu in seinem Video. "Ihr sagt doch immer, dass die jungen Leute mehr Politik machen sollen.
In seinem neuen Video nimmt sich der Youtuber Rezo erneut die Klimapolitik der großen Koalition vor. Wie in seinen vergangenen politischen Videos „Zerstörung Teil 1“ oder „Zerstörung der CDU“ ist die Union Hauptzielscheibe seiner Kritik, der er ein Komplettversagen im Zukunftsthema Klimapolitik vorwirft.
Die Partei falle bei der „Wissenschaftsleugnung extrem negativ auf“, CDU-Politiker stünden auf der Gehaltsliste von Konzernen wie RWE und verhinderten nicht nur eine wirkungsvolle Klimapolitik, sondern auch die ökonomische Entwicklung, indem sie Zukunftstechnologien wie die Solarindustrie ausbremsten.
Die Sozialdemokraten erscheinen bei Rezo wie ein bloßer Anhang der Union, der die miese Klimapolitik die ganze Wahlperiode lang lediglich brav mitgetragen hat.
Interessant ist, worüber Rezo in seinem 33-minütigen Video nicht spricht: Die Grünen kommen genauso wenig vor wie Fridays for Future, obwohl sich der Beitrag wie ein einziger riesiger Wahlwerbespot für die Grünen anhört. Rezo tritt als Solitär auf.
Geschickt streut er Worte der Jugendsprache ein, wie „sus“ (verdächtig), tanzt und quatscht sich mit einer ungeheuren Zahl an Anglizismen durch seinen Text. Es ist amüsant. Der knapp 30-Jährige besitzt durch sein Auftreten, die sozialen Medien, in denen er publiziert und durch seine Sprache ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit - für Ältere.
Sie möchten doch bitte das Richtige wählen, um den Kindern und Jugendlichen eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen, die sich den Älteren gegenüber während der Corona-Epidemie so solidarisch verhalten haben.
Sein neuestes Werk heißt „Die Zerstörung der Presse“ und ist - anders als der martialische Titel vermuten lässt - eine differenzierte Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien sowie diversen Fehlleistungen der Presse. Der 27-Jährige erläutert durchaus kenntnisreich wie das eine mit dem anderen zusammenhängt.
Allerdings gibt es auch einen Abschnitt der „Falsche Behauptungen“ heißt. Dieser Teil wirft Fragen auf. Im Kern geht es in ihm darum, dass Rezo Medien jeglicher Provenienz auf den Prüfstand stellt. Er will herausfinden, wie häufig sie fehlerhafte Berichte verbreiten.
Der YouTuber hat zu diesem Zweck Berichte von Zeitungen, Zeitschriften und Online-Plattformen gecheckt, die ihn selbst betreffen. Aussortiert hat er Stücke, in denen er nur ganz am Rande vorkommt. Die übrigen Texte hat Rezo einem Wahrheits-Check unterzogen und danach für jedes Medium eine sogenannte „Falschbehauptungs-Quote“ errechnet.
Die von Rezo angegebene Fehlerquote ist falsch, weil er nur einen Bruchteil der Rezo-Artikel aus der Berliner Zeitung ausgewertet hat. Es wird noch abwegiger, wenn man sich die „Fehler“ in den sechs beanstandeten Texten genauer anschaut.
Da ist etwa das Stück „Protest in Zeiten von Politik 4.0“ von Jörg Hunke vom 22. Mai 2019. In ihm stellt der Autor fest, dass Rezos CDU-Video drei Tage nach seiner Veröffentlichung bereits 1,9 Millionen Mal angeklickt worden sei. Dies sei „für den deutschen Markt … ein Höchstwert“. „Fehler“ schreibt Rezo dazu in seiner Excel-Tabelle. Es gäbe „eine Reihe von Videos“, die höhere Werte erreicht hätten. Das mag sein. Nur widerspricht dies nicht Hunkes Text. Er hatte „ein Höchstwert“ und nicht „der Höchstwert“ geschrieben, was ein gewaltiger Unterschied ist.
Höchst seltsam ist auch Rezos Bewertung eines Kommentars von Harry Nutt mit dem Titel „Wenn Jugend es krachen lässt“ vom 24. Mai 2019. Kommentare werden in der Excel-Datei mit dem Begriff „Meinung“ gekennzeichnet. Seltsamerweise hat Rezo Nutts klar als Kommentar erkennbares Stück als „Zusammenfassung“ charakterisiert. Das ist nicht unwichtig. So kann in einem Kommentar eine bestimmte Äußerung anders ausgelegt werden, als sie von ihrem Urheber intendiert war.
Nicht ganz so eindeutig liegen die Dinge beim Text „Schlumpf nervt die Politik“ von Jörg Hunke und Marina Kormbaki vom 23. Mai 2019. In ihm beziffern die Autoren die Zahl von Rezos damaligen Abonnenten auf 2,2 Millionen. Der YouTuber moniert, dass die „Abonnenten mehrerer“ von ihm betriebenen Accounts „zusammengezählt“ worden seien. Dabei sei nicht berücksichtigt worden, dass es auch Abonnenten gebe, die mehr als nur einen seiner Accounts abonniert hätten. Folglich stimme die Zahl 2,2 Millionen nicht.
Recht hat der Webvideoproduzent, wenn er beanstandet, dass in einer kurzen dpa-Meldung vom 22. August 2019, die in der Berliner Zeitung unter dem Titel „Vorsitzender des DJV entschuldigt sich bei Rezo“ erschien, behauptet wird, der Chef des Deutschen Journalisten-Verbands habe bei dem YouTuber Abbitte „für seine Kritik an dessen jüngstem Video“ geleistet. Tatsächlich war Rezo nicht in einem selbst produzierten Video zu sehen gewesen, sondern in dem Video eines anderen YouTubers.
Richtig schlecht sieht die Berliner Zeitung im Fall der Meldung „Rezo nach CDU-Video: ‚Ich bin nicht der Grund für die wenigen jungen Stimmen‘“ aus, die am 30. Mai ausschließlich in digitalen Medien erschien. Das ist falsch. Er hatte zuvor bereits mehrfach Interviews gegeben - auch der Berliner Zeitung.
Es gibt tatsächlich eine Online-Version des Textes, in dem statt des Begriffs „Politik“ das Kürzel „CDU“ steht. Hintergrund: 2019 wurden überregionale Politikthemen für die Online-Ausgabe der Berliner Zeitung noch von einer Redaktion der Dumont Mediengruppe in Köln produziert. Dort wurde aus nicht nachvollziehbaren Gründen das Wort „Politik“ in der AFP-Meldung durch die „CDU“ ersetzt.
Rezo wollte zu seinen Berechnungsmethoden nicht Stellung beziehen. Sein Management von der Agentur ALL IN - Artist Management Gmbh, teilte uns mit, dass man eine Beantwortung unserer Fragen „aus zeitlichen Gründen leider absagen“ müsse.
| Medium | Anzahl ausgewerteter Artikel | Anzahl vermeintlich fehlerhafter Artikel | "Falschbehauptungs-Quote" (Rezo) |
|---|---|---|---|
| Berliner Zeitung | 18 | 6 | 55% |
Das Phänomen des Influencers ist ja nicht neu, es funktionierte nur vor allem zuerst analog. Einst waren es die Alphamännchen an den Stammtischen. Und wir kennen die intellektuellen Influencer wie Dieter Hildebrandt im Kabarett oder als Schriftsteller, die SPD-Ikone Günter Grass, die linke Ideale in einer aufbruchsbegeisterten Jugend verbreiteten.
Provokation, Subversion und Fakten, gemischt mit medialer Innovation - all das gab auch ihnen den Habitus der moralischen Überlegenheit. Aber es wäre idiotisch, das Phänomen Rezo als „groteske Überschätzung“ zur Seite zu wischen, wie Jan Fleischhauer es in seiner Spiegel-Kolumne getan hat.
Für Parteienforscher Karl-Rudolf Korte ein Paradigmenwechsel: „Wir haben unterschiedliche Generationen von Öffentlichkeit, die sich auch unterschiedlicher Formate des Politischen bedienen wollen. Sie formen eine Volksparteien-Demokratie in eine Bewegungsdemokratie.“
Gleichzeitig gibt es immer mehr Leute wie Rezo, die gar nicht erst fragen, was sie mit einer „Zerstörung der CDU“ verdienen - sondern sie einfach ins Netz stellen. Übrigens mit jenen Mitteln, auf die sich die altehrwürdigen Medien berufen: Faktenchecks, Quellenangaben und eine Mischung aus Fakten und emotionaler Erzählweise, die bekanntlich zuletzt für den Spiegel zu einem massiven Glaubwürdigkeitsproblem geriet.
In Wahrheit sind Influencer inzwischen eine beachtliche wirtschaftliche Größe. Der „Bundesverband Influencer Marketing“ geht davon aus, dass der Branchenumsatz in Deutschland, Österreich und der Schweiz im kommenden Jahr bei rund 990 Millionen Euro liegen wird. Schon jetzt verdienen 165.000 Menschen Geld mit Instagram, Blogs oder Youtube-Videos im deutschsprachigen Raum.
Die Strategie, neue Medientrends in alte Medienformate zu übersetzen, scheitert in der Regel - allein wegen der Street Credibility.
Tatsächlich sind es derzeit nicht linke Parteien, die in der neuen Medienwelt zu Hause sind, sie profitieren höchstens von der Solidarität junger Leute wie Rezo. Es sind die Rechten, die erfolgreich sind.
Es geht darum, dass Politiker selbst keine medialen Übersetzer und Einordner für ihre Botschaften mehr brauchen. Und dass Politiker, die noch immer glauben, dass man allein mit Glotze und Bild Wahlen gewinnt, mittelfristig kaum eine Chance haben werden. Politik und Medien sind sich näher, als sie glauben. Ihr Ziel muss es sein, eine unabhängige Medienlandschaft aufrechtzuerhalten, die nicht in Blasen abdriftet und Glaubwürdigkeit über Interessen- und Parteiengrenzen hinaus zurückgewinnt. Dafür wird es nötig sein, die alten Grundsätze möglichst schnell in neue Medien und Formate zu übersetzen.
tags: #rezo #braune #haare #fakten
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