Die Satmar sind die größte chassidische Gruppe Amerikas und die stillste.
Nach dem Zweiten Weltkrieg zog der Satmar-Rebbe mit seinen Getreuen nach Williamsburg. Von weltweit 150 000 Satmar drängen sich allein 40 000 in diesem Viertel Brooklyns, einem Schtetl mit Ziegelstein-Häuschen und engen Treppen, mit koscheren Krämerläden, Talmud-Schulen und vielen Geschäften für Schwangerschaftsmoden.
Deborah wird 1986 in New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren. Sie leben in Williamsburg, einem Viertel von Brooklyn, in einer jüdischen Gemeinde, die sich nach Satu Mare ‒ jiddisch Satmar ‒, einer Stadt an der ungarisch-rumänischen Grenze, benannt hat.
Joel Teitelbaum, der Rabbiner von Satu Mare, war 1944 von dem Rechtsanwalt und Journalisten Rudolf Kasziner vor den Nationalsozialisten gerettet worden und 1946 in die USA emigriert.
Als der Satmarer Rebbe seine Pläne für eine Kehillah, eine Gemeinde, in Williamsburg verkündete, gelobte Zeidi Gehorsam, bevor er überhaupt wusste was das nach sich ziehen sollte, und indem er so handelte, band er seine ganze Familie und all deren nachfolgende Generationen an die Gemeinde.
Damals in Europa lebte Zeidis Familie nicht so.
Bubby - sie heißt eigentlich Fraida - hat elf Kinder geboren und damit einen wichtigen Teil der Pflichten einer Frau erfüllt, denn die Satmarer Chassiden setzen alles daran, sich zu vermehren.
Zeidi steht jeden Morgen um 4 Uhr auf, um noch vor dem Tageswerk in der Synagoge die Thora zu studieren. Er gilt als Gelehrter und Kaufmann zugleich.
Die Satmar sind die Fundamentalisten unter den Chassidim. Sie sind eingeschworene Antizionisten. Sie halten die Gründung des Staates Israel für Gotteslästerung.
Jedes Jahr, wenn die meisten Juden die Ausrufung des Staates Israel am 14. Allein die Vorstellung, dass wir unsere Erlösung aus dem Exil selbst herbeiführen könnten, wie anmaßend!
Aus diesem Grund sind Israel-Reisen verboten. Nicht einmal Verwandte dürfen dort besucht werden.
Wir lernen in der Schule, Gott habe Hitler gesandt, um die Juden dafür zu bestrafen, sich selbst erleuchtet zu haben. Er kam, um uns zu reinigen, um alle assimilierten Juden zu vernichten, alle frejen Jidden, die dachten, sie könnten sich selbst vom Joch, die Auserwählten zu sein, befreien.
Deborah ist inzwischen elf Jahre alt und besucht die Satmar-Schule.
Obwohl in der Gemeinde Satmar nur Männer Bücher lesen und besitzen dürfen, treibt Deborah sich heimlich in der Stadtbibliothek herum und schließlich kauft sie sich von dem beim Babysitten verdienten Geld die Schottenstein Edition, den ins Englische übersetzten Talmud, und das, obwohl Zeidi ihr eingeschärft hat, dass die englische bzw. amerikanische Sprache unrein sei und die Seele vergiften würde.
Als Deborah Blut in ihrer Unterwäsche entdeckt, gerät sie in Panik und wendet sich Hilfe suchend an die Großmutter. Jedes Mal, wenn ein Mann den Anblick irgendeines Teils eures Körpers erhascht, von dem die Torah besagt, er sollte bedeckt sein, sündigt er. Schlimmer aber ist, dass ihr ihn dazu verleitet habt zu sündigen.
Deborah ist 14, als sie erstmals Simchat Tora feiern darf. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 fällt der Schulunterricht aus. Heimlich kauft Deborah eine Taschenbuchausgabe des Romans „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen.
Als Mrs Berger zu Beginn des Schuljahrs in unser Klassenzimmer kommt, schaut sie uns abschätzig und gelangweilt an. „Und nun?
Tante Chaya beauftragt dann auch eine Ehestifterin, für ihre 17-jährige Nichte einen Ehemann zu finden.
Sobald sich die Erziehungsberechtigten über eine mögliche Verbindung verständigt haben, wird Deborah von der Mutter und der Schwester Shprintza des 22-jährigen Eli begutachtet.
Während eines Familienfestes unterschreiben die Parteien den Verlobungsvertrag.
Deborah besucht drei Ehevorbereitungskurse, die sich alle auf die von Mann und Frau zu beachtenden religiösen Gesetze beschränken, beispielsweise die im Verlauf des weiblichen Zyklus jeweils geltenden Reinheitsgebote (Nidda). Zum Abschluss des Hochzeitsunterrichts heißt es, die Körper von Mann und Frau würden wie Puzzle-Teile zusammenpassen. Deborah kann es nicht glauben, dass ihr Körper die entsprechende Öffnung aufweist. Das müsste sie doch längst bemerkt haben.
Weil nur der eigene Ehemann das Haar seiner Frau sehen darf, lassen sich die Frauen der Satmar-Gemeinde nach der Hochzeit den Kopf rasieren und tragen Perücken.
Früher trugen sie Kopftücher, an die eine Haarlocke angenäht war. Die Perücken, die der neue Rebbe gestattete, halblange, gelackte Dauerwellen, kamen einer kleinen Revolution gleich.
Ausgerechnet vor Deborahs Hochzeit werden Echthaar-Perücken verboten, weil sich herausgestellt hat, dass das Material aus indischen Tempeln stammt.
In der Hochzeitsnacht ahnen die Braut und der Bräutigam zwar, dass sie sich vereinigen sollen, wissen aber nicht so recht, wie sie das anstellen sollen.
Am nächsten Morgen erkundigt sich Elis Vater nach dem Vollzug der Ehe, und kurz darauf erfahren auch andere Verwandte des Paares von der misslungen Hochzeitsnacht. Eli und Deborah werden zu einem Sexualtherapeuten-Ehepaar geschickt. Elis Mutter verlangt, dass ihre Schwiegertochter alle Bücher wegwirft, denn sie hält Lesen für die Ursache dafür, dass die Ehe nicht vollzogen werden kann. Deborah versucht es mit Biofeedback und Hypnotherapie. Schließlich erfährt sie, dass Vaginismus bei ihr die Penetration erschwert, und sie besorgt sich ein von der Gynäkologin empfohlenes Dilatoren-Set, mit dem sie drei Monate lang übt, bis es Eli ein Jahr nach der Hochzeit gelingt, in sie einzudringen.
Weil die Wohnung für ein Ehepaar mit Kind zu klein ist, verlassen Eli und Deborah Williamsburg und ziehen in einen Ort nördlich von New York City, wo Satmarer mit anderen Chassiden zusammen leben und Deborah sogar den Führerschein machen darf.
Elis Bruder Cheskel, ein Notfallsanitäter, wird zu einem Jungen gerufen, den der Vater beim Masturbieren erwischte. Als Cheskel eintrifft, ist der Junge bereits tot.
Deborah ist im siebten Monat schwanger, als Eli mit ihr seine Schwester Shprintza in Kiryas Joel besucht. Ausgerechnet am Sabbat (Shabbes) erbricht sie sich heftig und ihr Bauch verkrampft sich. Als die Ärzte bald darauf feststellen, dass die 19-Jährige an einer für den Fetus gefährlichen Präeklampsie erkrankt ist, leiten sie die Wehen vorzeitig ein. Das Kind erhält den Vornamen von Zeidis totem Bruder Yitzhak Binyamin („Yitzy“).
Bald darauf diagnostiziert die Gynäkologin bei der jungen Mutter eine Infektion im Intimbereich.
Heimlich bewirbt sich Deborah am Sarah Lawrence College nördlich von Manhattan und belegt einen Poetik-Kurs. Eli sagt sie, sie bilde sich in Buchhaltung weiter, um einen besser bezahlten Job zu bekommen. Er ahnt auch nicht, dass sie als Studentin Jeans trägt.
Deborah freundet sich mit ihrer Kommilitonin Polly an und lässt sich von ihr zu einem Essen in einem nicht koscheren Restaurant überreden, wo sie über die Speisen der Nichtjuden staunt und nach ein paar Bissen Schweinefleisch zur Toilette eilt, weil sie aufgrund ihrer Erziehung befürchtet, sich übergeben zu müssen.
Früher führte Deborah ein Tagebuch, aber das hält sie längst für zu riskant. Um ihre rebellischen Gedanken dennoch schriftlich formulieren zu können, beginnt sie als „Chassidische Feministin“ anonym mit einem Blog. Polly macht schließlich Verlage und Literaturagenten darauf aufmerksam. Eine Agentin trifft sich mit den beiden Frauen, und am 10.
Am Tag zuvor, am 9.9.09, überlebte sie einen schweren Verkehrsunfall nahezu unverletzt. Nach fünf Jahren beenden Eli und Deborah ihre Ehe.
Nach dem Kriege, so Wiesel, hätte man für einen Bannfluch gegen die Deutschen die Unterstützung durch Rabbiner gehabt. Heute sei dies aus politischen Gründen nicht mehr durchsetzbar.
Um die Blutreinheit des auserwählten Volkes und um die reine Lehre geht es den Satmar auch in den alltäglichen Kämpfen mit anderen chassidischen Gruppen.
Da sind die Lubawitscher von Crown Heights, nur ein paar Kilometer südlich von Williamsburg. Eine Heirat mit Lubawitschern? Ausgeschlossen.
Noch heute erinnert man sich an die Schande des Rabbi Mendel Wechter, eines Satmar, der zu den Lubawitschern überwechselte. Er wurde von einer Gruppe von Eiferern überwältigt, die ihn verprügelten und ihm den Bart abschnitten. Die Täter wurden nicht ermittelt.
Um die Reinheit der Linie kämpfen die Satmar auch nach innen. Es tobt ein Erbfolgekrieg. Der 1979 verstorbene Rebbe Joel Teitelbaum wurde als Wundertäter verehrt. Dessen Nachfolger und Neffe Moshe Teitelbaum wurde von der Rebbezn, der Frau des verstorbenen Rebbe, nie richtig anerkannt. Nun bereiten sich die beiden Parteien auf einen Gerichtsstreit vor. Die Rebbezn soll ein Haus verkauft haben, das Gemeindeeigentum ist. Der neue Rebbe wird vor einem weltlichen Gericht aussagen - peinlich, denn natürlich haben die Chassidim normalerweise für Vergehen innerhalb der Gemeinschaft ihre eigene Gerichtsbarkeit.
Die fugendichte Welt der Satmar hat notwendige Berührungen mit der des modernen Amerika. Da hatten sich 1984 Busfahrerinnen im Bezirk Monroe über den Gleichheitsgrundsatz das Recht auf größere, lukrativere Touren erstritten. Pech, daß diese Touren auch die Satmar-Ansiedlung umfaßten - die Jeschiwa-Schüler dort weigerten sich, zu einer Frau in den Bus zu steigen.
Derzeit liegt ein Satmar-Fall vor dem Obersten Gerichtshof. Da die chassidischen Eltern sich weigerten, ihre Kinder in öffentliche Schulen zu schicken, wurde für die Satmar-Siedlung ein eigener Schuldistrikt gegründet.
Aaron Friedmann, Chef des Yid, Leibblatt der Satmar, gibt der eigenen Sache gute Chancen. »Schon daß wir gehört werden, ist ein Erfolg.«
Doch selbst wenn die weltlichen Gerichte gegen die Satmar entschieden - er persönlich würde stets das religiöse über das säkulare Recht setzen: »Nie würde ich meine Kinder dem öffentlichen Schulsystem aussetzen.«
Die Traditionsgläubigkeit der Satmar-Orthodoxie kann umschlagen in einen Belesenheitskult, in eine zerebrale Auslegungsprotzerei, in eine zwanghafte Olympiade der Besserwisserei, welche Opfer fordert.
In einem kulturellen Umfeld, in dem eine auf Buchwissen spezialisierte Intelligenz höchste Tugend ist, gelten geistig behinderte Kinder als Schandfleck. Sie, die »Meschuggenen«, wurden noch vor nicht allzu langer Zeit versteckt und nur nachts auf die Straße geführt, wie Hunde, mit denen man Gassi geht. Sie schmälerten die Heiratschancen der Geschwister als Zeichen für schlechtes Erbgut in der Familie.
Vor zwölf Jahren gründete Rabbi Chaim Stauber die psychiatrische Hilfsorganisation Pesach Tikvah (Tor der Hoffnung), die sich um die Opfer dieser Zuchtgesellschaft kümmert. Chaim Stauber ist ein Mann, dessen Klugheit wohltuend wirkt in einem Hexenkessel aus Verdrängung und Hyperaktivität und pathologischer Rechthaberei - er strahlt Güte und Freundlichkeit aus und Verständnis für die Schwachen unter seinen Mitmenschen.
»Früher hatten wir Exorzisten, die den Dibbuk, den bösen Dämon, vertrieben«, sagt der Rabbi. »Heute haben wir modernere Methoden.«
Derzeit bearbeitet er 500 aktive Fälle. Doch auch er kann nur bis zu einer gewissen Grenze helfen. Darüber hinaus überweist er an weltliche Therapeuten.
Was soll er einer Frau sagen, die zu ihm kommt, weil sie keine Kinder mehr haben möchte? Verhütungsmittel empfehlen, die streng verboten sind?
»Ich kann mir das Elend oft nur anhören«, sagt er, »doch schon das Zuhören hilft vielen Patienten.«
Chaim Stauber ist psychologisch geschult, aber er ist auch Rabbi. Das Homosexuellenproblem beantwortet er zunächst als Psychologe: »Ein moderner Therapeut würde sagen - vergiß diese Schuldgefühle, lebe dich aus.« Doch dann gewinnt der Rabbi in ihm die Oberhand. »Nicht alles, was die moderne Therapie empfiehlt, ist richtig. Soll ich einem Verdurstenden auf dem Meer empfehlen, Salzwasser zu trinken?«
Dennoch: In der verschwiegenen Kesselsituation des Satmar-Ghettos ist Chaim Stauber einer, der die Schwachen bemitleidet und Frauen ernst nimmt.
Für Maud Weiss ist Chaim Stauber einer der Gründe, warum sie von den Satmar, trotz aller Demütigungen, fasziniert ist.
Auch mit Many, dem Sohn des Mohel, des Beschneiders, sind die Fotografen befreundet. Er führt eine Autowerkstatt. Seinen eigenen Jeep nennt er liebevoll sein 007-Auto. Er kann es über Fernbedienung starten, was wichtig ist, falls »der Gegner eine Autobombe deponiert hat«.
Welcher Gegner? »Egal, irgendeiner findet sich immer.«
Many, 31 Jahre alt und Vater von fünf Kindern, erinnert an ein erwachsenes Kind, das sich die Welt als Abenteuerspielplatz wünscht. Er hat sich einen Pressepaß besorgt, seinen Wagen mit Funkgeräten und Telefonen gespickt und Blinklichter und Sirenen installiert. So kommt er schnell durch alle Polizeisperren.
Stolz berichtet er, wie schnell und effizient das Satmar-Netzwerk funktioniert. Sie konnten einen FBI-Agenten blockieren, der über die Satmar recherchierte. Gegen einige der orthodoxen Gemeinden laufen Ermittlungsverfahren - sie sollen, so sagt es ein Senatsbericht, vom Staat für Scheinstudenten Studiengebühren in Millionenhöhe kassiert haben.
Ob Manys Intervention nötig war, wird sich erst herausstellen - gegen die Gruppe wird weiter ermittelt. Many war nie in seinem Leben im Kino. Wie kommt es, daß er 007 kennt? Er wird rot. Sein Freund, sagt er, habe ein Videogerät. Auf die Idee, sich selber einen Fernseher zuzulegen, käme er nie.
»Ich möchte nicht, daß meine Kinder mit der Verdorbenheit der Welt in Berührung kommen«, sagt er, ganz Satmar. Er selber hält sich für gefestigt genug. Ob er einen Lebenstraum habe? Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. »Ich wäre gern FBI-Agent«, sagt er schließlich verträumt. »Aber dazu hätte ich eine College-Ausbildung gebraucht. Und die habe ich leider nicht.«
Zwei Tage später arbeiten Maud Weiss und Michel Neumeister, die mit ihren Fotos ein Buch und eine Ausstellung vorbereiten, auf der Feier zum Gedächtnis an den verstorbenen Rebbe ein letztes Mal unter den Satmar. 10 000 Männer mit schwarzen Hüten und langen schwarzen Mänteln strömen in den späten Abendstunden zusammen, um den Rebbe zu ehren und Geld für die Schulkosten der 17 000 Satmar-Schüler zu sammeln: Eine Million Dollar kommen in dieser Nacht zusammen.
Die Satmar sind bekannt für ihre strengen religiösen Praktiken und Traditionen. Hier ist eine Tabelle, die einige ihrer bemerkenswertesten Bräuche zusammenfasst:
| Brauch | Beschreibung |
|---|---|
| Antizionismus | Die Satmar lehnen die Gründung des Staates Israel ab, da sie glauben, dass nur der Messias das Volk heimführen und den Tempel in Jerusalem wiedererrichten kann. |
| Kleiderordnung | Frauen tragen Perücken, nachdem sie sich nach der Heirat den Kopf rasieren. Ihre Mäntel sind bodenlang, und es gibt strenge Regeln bezüglich der Durchsichtigkeit ihrer Strümpfe. |
| Ehe | Ehen werden über Heiratsvermittler angebahnt, wobei Blut- und Erblinien peinlich genau verfolgt werden. Ehen mit Ungläubigen sind ausgeschlossen. |
| Bildung | Die Satmar betreiben eigene Schulen und legen großen Wert auf die religiöse Bildung ihrer Kinder. Sie zensieren Unterrichtsmaterialien, um ihre Jugend vor äußeren Einflüssen zu schützen. |
| Geburtenfreudigkeit | Satmar-Frauen sind bekannt für ihre hohe Geburtenrate. Alle sieben Jahre verdoppelt sich die Satmar-Population. |
Es sind die 613 Mizwot, die Gebote und Verbote der Tora und des Talmud und ihrer Myriaden von Ausdeutungen.
Die Frauen tragen Perücken - nach ihrer Heirat, so sagt es eine ihrer Vorschriften, muß der Kopf der Frau geschoren werden.
Ihre Mäntel sind bodenlang. Über die Frage, wie durchsichtig ihre Strümpfe sein dürfen, wurde monatelang mit verschiedenen Talmud-Auslegungen diskutiert.
Tora und Talmud sind Männersache, Herrschaftswissen. Der Mann denkt, die Frau schweigt.
»Was soll ich mir über diese Spitzfindigkeiten Gedanken machen«, sagt Frau Herschkowitz, die den Sabbat vorbereitet. Ihre Wohnung ist im DDR-Biedermeier möbliert - Deckchen und Schonbezüge auf jeder freien Fläche. »Ich bin glücklich mit meiner Rolle.«
Doch selbst wenn sie es nicht wäre, sie würde es nicht zeigen, denn in einen »Get«, eine Scheidung, muß der Mann einwilligen. Ein Get ist hier nahezu ausgeschlossen.
Die moderne Welt der Popmusik, der Gleichberechtigung, der Drogen, der Videos wird ausgesperrt. Auf Außenstehende wirkt Williamsburg bisweilen wie ein trister fundamentalistischer Zuchtverein, neben dem die Hisb Allah wie ein fröhlicher Karnevalshaufen erscheint.
Zwar verdienen viele Satmar ihr Geld in den Foto- und Elektronikläden Manhattans, arbeiten als Juweliere oder im Immobiliengeschäft, doch abends kehren sie zurück in eine Gemeinde, in der die Zeit stillgestanden ist. Es gibt kaum Abtrünnige.
Rabbi Taub, der eine Jeschiwa leitet, ist 41 Jahre alt und hat 17 Kinder. 6 davon unterrichtet er in seiner Schule. Jetzt, kurz vor Beginn des Sabbat, hat er die trampelnde Horde von Pennälern mit Schläfenlocken und Kipas in die gelben Schulbusse verfrachtet und sitzt für einen Moment allein im Klassenzimmer. Wie er seine Kinder auf die Welt draußen vorbereitet? »Ich hoffe, daß sie nie mit ihr in Berührung kommen.«
Allerdings passiere dies leider Gottes manchmal doch. Dann werde »Schmutz« hereingeschleppt. Was für ein Schmutz? Rabbi Taub wird ein Bollwerk sein gegen den Schmutz. Und bald wird der Messias kommen, da ist er sich sicher. Er wird ihn noch zu seinen Lebzeiten sehen. Was seine Kinder bis dahin machen sollen? »Sie sollen Rabbiner werden.« Und die Mädchen? »Die sollen Rabbiner heiraten.«
Ausnahmslos alle Ehen werden über Heiratsvermittler angebahnt. Peinlich genau werden dabei Blut- und Erblinien verfolgt. Eine Rabbiner-Linie gilt als prestigereich. Nie würden Ehen mit Ungläubigen gestattet, und zu denen zählen selbst die Reformjuden.
Hertz Frankel, ein Schulleiter, spricht über die Geburtenfreudigkeit der Satmar-Frauen mit dem stolzen Wahnsinn eines erfolgreichen Züchters. Am letzten Freitag hat er 14 Beschneidungen erlebt. Alle sieben Jahre, so hat er errechnet, verdoppelt sich die Satmar-Population.
Er berichtet, wie er die Jugend auf Kurs hält: »Durch Zensur selbstverständlich.« Er zeigt Unterrichtsbücher der New Yorker Schulbehörde, aus denen Seiten herausgerissen sind. Bei manchen genügen Retuschen. Auf einem Bild, das einen kleinen Jungen zeigt, der einem kleinen Mädchen die Hand reicht, ist der Junge übermalt.
Frankel schwärmt: »Bei uns gibt es keine Drogen. Wir verteilen keine Kondome. Bei uns gibt es keine Teenager-Schwangerschaften. Keine Abtreibung. Religion und Demokratie vertragen sich nicht, das haben wir mit unserem Experiment bewiesen.«
Mit unverkennbar rassistischen Untertönen verdammt Hertz Frankel das Übel der Mischehen. Bei ihm klingt das Konzept des auserwählten Volkes wie eine Variante zum Herrenmenschentum. Er spricht über Erbgut und genetische Linien, die geschützt und »rein« gehalten werden müßten. Von Konvertiten hält er nichts. Erst recht nichts von deutschen Konvertiten.
Eine Deutsche, die konvertiert, um einen Juden zu ehelichen - Teufelswerk. Er, der Jahrgang 1934 ist und den Nazi-Terror in Verstecken überlebte, hält die Deutschen für »genetisch böse«.
Tatsächlich wird dieser Wahn - nicht nur von Hertz Frankel, sondern auch von anderen Rabbinern - mit dem Alten Testament untermauert. So wie Gott verfügte, daß die Nachfahren der sündigen Amon und Moab in alle Ewigkeit gehindert werden sollten, dem auserwählten Volke anzugehören, so sei der Deutsche für die von ihm begangenen Verbrechen für alle Zeiten verflucht.
Hertz Frankel hat selbst Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel darüber reden hören.
Satmar Synagoge in Kiryas Joel
Wochenlang fuhren die beiden Fotografen durch das Viertel, bis sich die ersten Kontakte herstellten. Die Gespräche liefen über Michel Neumeister. Maud Weiss hatte demütig ihren Kopf zu neigen - die Satmar sprechen nicht mit fremden Frauen, selbst Blickkontakte sind untersagt. Doch auch Michel Neumeister, der eine jüdische Mutter hat, rannte oft gegen Mauern.
Die beiden Fotografen sitzen bei »Gottlieb's«, dem koscheren Restaurant am Westende des Viertels, und essen gebratene Leber, eine der Spezialitäten. »Da geht Selig«, sagt Michel Neumeister und deutet durchs Fenster auf die Straße. »Der lebt von Almosen. Er taucht an hohen Feiertagen auf Friedhöfen auf und auf Hochzeiten, um zu betteln.« Der Alte draußen in dem abgeschabten schwarzen Rock bückt sich nach Brotresten auf der Straße.
Es war das Obdachlosenproblem unter den Chassidim, die Verdrängung der Schwachen und Geisteskranken an den Rand dieser stolzen Gesellschaft, was die beiden zunächst irritierte. »Da war diese Frömmigkeit, die uns faszinierte - und manchmal eine unglaubliche Bigotterie.«
Immerhin: Es ist ihnen gelungen, was bisher niemand schaffte - in die hermetische, geheimnisvolle Welt der Satmar vorzudringen. Sie fotografierten Beschneidungen und das Purim-Fest, eine Art jüdischen Karneval. Sie besuchten den alten Diamantenschleifer, der bei der Arbeit über Kopfhörer die Tora lernt, und sie sprachen mit dem Buchhändler, der Auschwitz überlebte und den internen Satmar-Sicherheitstrupp in Williamsburg gründete, die Shomrim. Sie schlossen Freundschaft mit Mathes, dem Schneider, der, wie er erzählt, nur durch ein Wunder des alten Rebbe überhaupt geboren wurde. Sie saßen in den Jeschiwas und in der Tora-Schule der Senioren. Sie fotografierten die Verbrennung des Chamez, des gesäuerten Backwerks, vor dem Passah-Fest. Und sie waren bei den Kapores dabei, die am Vorabend des Jom-Kippur-Tages vollzogen werden, wenn Hühner über dem Kopf geschwungen und anschließend geschlachtet werden, als Sühneopfer für unwissentlich begangene Sünden.
Nun wirken sie wie Verirrte, verloren und ratlos zwischen zwei Welten, fasziniert und abgestoßen, und bereiten sich auf ihren abschließenden Einsatz vor.
Unorthodox Netflix series
»Unorthodox“ ist eine „autobiografische Erzählung“ ‒ so der Untertitel - von Deborah Feldman, die um die Jahrhundertwende in einer fanatischen Glaubensgemeinschaft aufwächst, mit 17 verheiratet wird und zwei Jahre später einen Sohn zur Welt bringt.
Der Darstellung in „Unorthodox“ zufolge musste sich die Ich-Erzählerin die Freiheit schwer erkämpfen. Deborah wirkt klug und kritisch, mutig und selbstbewusst, energisch und zielstrebig. Schon deshalb ist „Unorthodox“ kein großer literarischer Wurf. Aber es handelt sich um ein wichtiges, aufschlussreiches Buch über ein brisantes Thema.
Zu den Pluspunkten gehört außerdem, dass Deborah Feldman sachlich und unpolemisch, unaufgeregt und ohne Effekthascherei schreibt.
Dass sich Deborah Feldman 2012 mit der Veröffentlichung von „Unorthodox“ den Zorn der Chassiden zuzog, kann nicht überraschen.
Aufgrund des enormen Erfolgs verfasste Deborah Feldman mit „Exodus.
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