Marianne Rosenberg: Mehr als nur eine Schlagerlegende

Seit über einem halben Jahrhundert steht Marianne Rosenberg (69) schon auf der Bühne und hat sich als eine der erfolgreichsten Schlagersängerinnen Deutschlands etabliert. Mit Hits wie „Er gehört zu mir“ und „Marleen“ eroberte sie in den 1970er-Jahren die Herzen der Fans. Doch Marianne Rosenberg ist mehr als nur eine Schlagersängerin. Sie ist eine Persönlichkeit, die sich für Minderheiten einsetzt, offen über das Älterwerden spricht und sich von Konventionen nicht einschränken lässt.

Marianne Rosenberg bei der Verleihung des SWR4 Musikpreises für ihr Lebenswerk (Quelle: SWR)

Eine Karriere voller musikalischer Experimente

Marianne Rosenberg hat im Laufe ihrer Karriere immer wieder neue musikalische Wege beschritten. Gerade ist Marianne Rosenbergs neues Album erschienen, über das sie sagt: „Dua Lipa und Miley Cyrus haben mich inspiriert“. Sie scheut sich nicht, mit verschiedenen Genres zu experimentieren und sich von anderen Künstlern inspirieren zu lassen. Ihr Bruder Janosch Rosenberg nahm in den 1970ern selbst Platten auf - mit Frank Farian als Produzent. „Den Stress im Musikbusiness wollte er sich auf Dauer nicht antun“, sagt die Schwester. Der Bruder ging in die Immobilienbranche - sie aber hielt dem Druck nicht nur stand, sondern schaffte es, mit immer neuen Ideen und musikalischer Experimentfreude über fünf Jahrzehnte eines der bekanntesten Gesichter der deutschen Unterhaltungsbranche zu bleiben.

Gemeinsam mit Schlagersänger Joachim Witt, der in den 1980er Jahren mit seinem Song "Goldener Reiter" einen Riesenerfolg feierte, singt die Künstlerin den Song "In unserer Zeit". Dieses Jahr überraschte sie sogar in der Musik-Show "The Masked Singer" als Pilz. "Es war unglaublich anstrengend, in diesem Kostüm zu performen, selbst Laufen war schwierig, aber es hat mir auch ungeheuren Spaß gemacht, mein Stimme zu verstellen und mich mit fremden Tonarten und anderen musikalischen Genres zu tarnen.

Mit ihrem zuletzt erschienen Album „Im Namen der Liebe“ hat sie erstmals die Chartspitze erreicht. Ihr 27-jähriger Sohn Max Rosenberg hat daran mitgewirkt. Beide arbeiten an einem neuen Album, das im nächsten Jahr erscheint - wieder tanzbar soll’s werden, elektronisch und disco-stark. Auf jedem Dancefloor sollen die Stücke bestehen. Die Poster von Diven wie Diana Ross, Gloria Gaynor oder auch Grace Jones hingen in ihrem Kinderzimmer, erzählt Marianne Rosenberg - sie selbst ist von einer Diva und von exzentrischen Allüren weit entfernt, zumindest am Telefon. Die Berlinerin lacht viel, erzählt eher wie eine alte Freundin amüsant von den Gefühlen, die sie mit 14 Jahren hatte, als sie für große Stars schwärmte.

Engagement für Minderheiten

Marianne Rosenberg setzt sich seit vielen Jahren für die Rechte von Minderheiten ein. Ihr Vater Otto Rosenberg, ein Sinto, wurde in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert und überlebte. Er war Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma. Der Vater, sagt seine 1955 geborene Tochter in unserem Telefoninterview, hat einen wesentlichen Anteil daran, warum sie sich zeitlebens für Minderheiten einsetzt. Ihr Hit „Er gehört zu mir“ von 1975, der zur Schwulenhymne geworden ist, sollte ursprünglich „Du gehörst zu mir“ heißen.

Wenige Jahre davor war die junge Marianne Rosenberg bei einer großen Party für Homosexuelle aus allen Teilen der Republik im Pims Club am Kudamm aufgetreten - und die vielen Männer waren völlig aus dem Häuschen. Der Discochef riet, stets Lieder zu singen, die bei Schwulen ankommen. So kam das „Er“ in den Refrain. Die Songschreiber erkannten das Potenzial dieser treuen Fans, denen sich Marianne Rosenberg bis heute sehr nahe fühlt. „Letztendlich liegt es nicht an mir, sondern an der Szene, wen sie auserwählt.“ Dass die Berlinerin für die Rainbow-Community nun das ist, was in den USA Cher oder Madonna ist, empfindet sie als Ehre.

Marianne Rosenberg setzt sich für die Rechte von Minderheiten ein (Quelle: tag24.de)

Die Sinti-Familie Rosenberg

Die Sinti-Familie Rosenberg ist längst in Deutschland sesshaft geworden. Sie leben schon länger in Hamburg als die Autorin - und doch werden sie von vielen als „die Anderen“ wahrgenommen. Dafür, dass die Sinti und Roma in einigen Punkten anders leben als die Mehrheit, weil manche von ihnen Wahrsagerinnen und Musiker sind oder im Wohnwagen leben, werden sie diskriminiert. Die Rosenbergs und ihre Vorfahren wurden in den Konzentrationslagern der Nazis gequält und getötet, sie werden bis heute als „Zigeuner“ angefeindet.

Auch die „Zigeunernamen“, die man meist schon als Kind von seinen Eltern oder Großeltern bekommt, sind etwas Wunderbares, denn sie beschreiben das Wesen und die Besonderheit eines Menschen so viel liebevoller und treffender als der offizielle Name, der im Ausweis steht. Und sie sind Erinnerung und Würdigung von Verwandten, die in den KZ umgebracht wurden - damit deren Namen in der Familie nicht verlorengehen.

In Deutschland leben heute schätzungsweise 120.000 Sinti und Roma, zirka 70.000 davon haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Die deutschen Sinti sind eine von vielen Gruppen in Europa: Da gibt es noch die ungarischen und polnischen Lovara, deren Name sich vom Pferdehandel herleitet, russische, die spanischen Kalé und die französischen Manouche. Und das sind längst noch nicht alle.

Was erstmal unübersichtlich klingt, ist im Grunde ganz einfach: Es gibt die eigene Kultur, die Sprache, die auch immer sehr von der Sprache des Heimatlandes beeinflusst ist, die jeweiligen Besonderheiten. Und dann natürlich das Land, in dem man zu Hause ist, dessen Sprache man außerhalb der Familie spricht. In Deutschland ist man also Sinto oder Sinteza. Und deutsch natürlich sowieso. Aber vielleicht ist man auch Lovara und trotzdem deutsch. Oder hat Eltern, von denen einer Sinto und der andere Kelderasch ist.

Einige Schwarze mögen sich auch gegenseitig „N...“ nennen - das gibt mir noch lange nicht das Recht, das ebenfalls zu tun. Obwohl sich manche Sinti zwar selbst als „Zigeuner“ bezeichnen, würde ich sie aber immer zuerst fragen, wie sie denn von mir genannt werden wollen. „Weißt du, was mir Leute zuallererst sagen, wenn sie hören, dass ich Sinto bin?“, fragt Wolkly. „Ist doch nicht schlimm - sind doch auch Menschen!“ Dass es in ausnahmslos jeder Volksgruppe auch ausgemachte Arschlöcher gibt - darüber müssen wir nicht reden. Aber dass man ganz sicher nicht qua ethnischer Zugehörigkeit automatisch eines ist, hoffentlich auch nicht.

Jede Sinti-Familie in Deutschland kennt die Geschichte von der „Loli Tschai“, der „roten Frau“, wie die rothaarige Eva Justin von den Sinti genannt wurde. Sie sprach Romanes und hatte sich vorgenommen, in der „Rassehygienischen Forschungsstelle“ der Nazis Karriere zu machen und zwar anhand einer mehr als widerwärtigen „Zigeunerforschung“.

Dabei leisteten die Sinti und Roma jahrhundertelang einen wichtigen Beitrag zur Versorgung der ländlichen Bevölkerung mit mobilem Handwerk und Kulturprogramm wie Musik, Wanderkino und Puppentheater. All diese Schikanen führten direkt in den Holocaust, den die Sinti und Roma „Porajmos“ nennen, den Völkermord an ihren eigenen Leuten. Es gibt keine Familie, die davon verschont geblieben ist.

Und die Diskriminierung ging nahtlos weiter. Die Behörden und Länderpolizeien übernahmen nach 1945 die von den Nazis zusammengetragenen Informationen und legten sogenannte „Landfahrerzentralen“ an, mit deren Karteien die Sinti und Roma weiterhin bis Anfang der 80er Jahre völlig legal diskriminiert werden durften.“ 1956 unterteilte der Bundesgerichtshof: „Die Zigeuner neigen, wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität (..), es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe der Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen, wie primitiven Urmenschen, ein ungehemmter Okkupationstrieb zu eigen ist.“ Mit diesem skandalösen Urteil wurde jede Form von Entschädigung abgebügelt...

Flagge der Sinti und Roma

Gelassenheit im Umgang mit dem Älterwerden

Mit dem Älterwerden hat Marianne Rosenberg kein Problem. Rosenberg: „Bei Namensnennung in der Presse steht sofort in Klammern dahinter, wie alt man ist. Insofern gebe ich mich da gar keiner Illusion hin, mich jünger machen zu wollen. Warum auch? Ich finde die Tatsache, wie lange wir uns auf diesem Ball befinden, der im All schwebt, nicht relevant. Doch auch wenn Rosenberg kein Problem mit dem Älterwerden hat: 100 Jahre will sie dann doch nicht werden.

Das Gerede über Best Ager hält Rosenberg sogar für ziemlich daneben. „Bei Cher ist das harte chirurgische Arbeit, dass sie so aussieht. Das erinnert mich an Michael Jackson. „Ich fühle mich gut, da wo ich jetzt bin“, erklärt Rosenberg weiter. „Ich habe diese wunderbaren Gene von meiner Mutter. Die ist 90 Jahre und eine schöne Frau.

Doch der Schein trügt, wie sie nun selbst in der ARD-Sendung "Brisant" zugibt.Marianne Rosenberg: "Oft mit meiner Kraft leider nicht gehaushaltet"In der ARD-Sendung "Brisant" sprach Schlagerstar Marianne Rosenberg über ihr Alter. Doch anstatt darüber aufzuklären, warum sie mit 68 Jahren noch immer frisch und attraktiv aussieht, erklärte die Sängerin, warum sie sich so zerbrechlich fühle: "Ich glaube, dass ich zerbrechlicher bin, als ich wirke. Und ich weiß, dass ich oft mit meiner Kraft leider nicht gehaushaltet habe", gab sie überraschenderweise zu. Dass hätte wohl niemand von so einer taffen Karrierefrau wie Marianne Rosenberg erwartet.

Vorm Älterwerden wird kein Mensch verschont, sagt die Sängerin am Telefon. Als sie hörte, dass es Howard Carpendale war, der im vergangenen Jahr den SWR-4-Preis fürs Lebenswerk erhielt, sagte sie zu. Und froh ist sie obendrein, mal wieder live singen zu können vor einem Kreis von Gewinnern.

Thema Details
Karrierebeginn 1970er Jahre
Bekannteste Hits "Er gehört zu mir", "Marleen"
Einsatz für Minderheiten Sinti und Roma, LGBTQ+ Community
Vater Otto Rosenberg, Auschwitz-Überlebender und Aktivist
Aktuelles Album "Im Namen der Liebe"

Marianne Rosenberg - Er gehoert zu mir (ZDF Disco 05.07.1975)

tags: #perücke #marianne #rosenberg

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