Perücke Boris Johnson Kaufen: Ein Politisches Statement?

Frisuren sagen viel über Menschen aus. In der Politik sind sie oftmals ein Statement. Eine solche Beschreibung scheint an den Haaren herbeigezogen, fällt der Blick auf das, was sich auf dem Haupt von Javier Milei abspielt, Argentiniens designiertem Präsidenten.

Nicht nur der überraschende Wahlsieg des 53-Jährigen, der sich selbst als radikalen Liberalen und Anarchokapitalisten bezeichnet, hat weit über das südamerikanische Land hinaus für Aufsehen gesorgt, sondern eben auch Mileis Matte: dicht, wirr, ohne erkennbaren Schnitt. „Peluca“, Perücke, nennen sie ihn deshalb schon seit Jahren.

Das allerdings weckt Zweifel, denn bei näherem Hinsehen scheint das Chaos auf Mileis Kopf dann doch kunstvoll arrangiert, und der sichtbar glänzende Haarfestiger ist gewiss nicht himmlischen Ursprungs. So liegt der Verdacht nahe, dass in dem Schopf eine Botschaft steckt: Seht her, ich bin nicht Teil des Establishments und dennoch authentisch, um mich herum pfeift obendrein für alle sichtbar der Wind der Veränderung.

Irgendwie fällt einem dabei ein anderer Struwwelpeter im Kreis der Mächtigen ein, der ebenso durch krause Ansichten von sich reden machte, bei jeder Gelegenheit wider den Strich bürstete und alte Überzeugungen kurzerhand abrasierte: Boris Johnson.

Dass sich Johnson vom Brexit-Skeptiker innerhalb kürzester Frist zum leidenschaftlichen Befürworter des Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union wandelte - Haarspalterei der Opposition. Dass ihn Fotos während seines Studiums am Eton College, einem der teuersten Internate weltweit, Ende der 70er-Jahre mit perfekt sitzendem Haar zeigen - na und? Dass er irgendwann auf die Idee gekommen sein könnte, die Abkehr von seiner elitären Stromlinienform durch klassenlosen Wildwuchs zu unterstreichen, um dadurch wählbar für die Massen zu werden - reine Spekulation!

Haare sind ein politisches Statement, sogar, wenn sie gänzlich fehlen und etwa mit Springerstiefeln kombiniert werden. Im Iran schneiden sich mutige Frauen immer wieder öffentlich die Haare ab - aus Protest gegen das Mullah-Regime und als Zeichen der Trauer um dessen ermordete Opfer. Im Mittelalter kamen verheiratete Frauen in Deutschland „unter die Haube“, das heißt, sie durften ihr Haar nicht mehr offen tragen.

Für Repräsentanten der Macht haben Haare einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf ihren Erfolg. Richard Nixon soll das von 60 Millionen Amerikanern verfolgte erste Fernsehduell in der Geschichte am 26. September 1960 gegen John F. Kennedy unter anderem auch deshalb den Wahlsieg gekostet haben, weil er schlecht rasiert war.

Angela Merkels Frisur hingegen spiegelt ihre Metamorphose von „Kohls Mädchen“ zur damals mächtigsten Frau der Welt: Aus ihrem anfänglichen Topf-Schnitt wurde ein Top-Schnitt.

Wie es scheint, messen Rechtspopulisten ihren Haaren besondere Bedeutung bei. Neben Javier Milei und Boris Johnson stellen das Donald Trump und Geert Wilders eindrucksvoll unter Beweis. Der amerikanische Ex-Präsident und der niederländische Chef der islamfeindlichen Partei der Freiheit zeichnen sich nicht nur durch aufmerksamkeitsheischende hochtoupierte Frisuren aus, sie treten ebenso wie Johnson noch dazu blond in Erscheinung, eine Farbe, die Jugendlichkeit, Energie und Exklusivität signalisiert.

Wobei Trump die Haare nicht ganz so schön hat: An den Seiten wachsen sie wohl noch wie gehabt, müssen aber offenbar kahle Stellen weiter oben kaschieren. Wilders hingegen verfügt über kräftigen Wuchs, färbt aber auch, was dem Sohn eines niederländischen Vaters und einer indonesisch-niederländischen Mutter die Spitznamen „blonde Dolly“ oder „Mozart“ eingebracht hat. Belächelt werden dürfte der 60-Jährige nach seinem Wahlsieg in dieser Woche, der die Niederlande deutlich nach rechts rückt, allerdings weniger als in den Jahren zuvor.

Helmut Schmidts graue Haare wiederum lagen stets unerschütterlich wie ein Helm um sein Haupt, sorgsam nach hinten gekämmt, keine Sturmflut vermochte daraus auch nur eine Strähne herauszulösen. Das wirkte standfest, geradlinig, verlässlich. Unprätentiös wie Deutschlands First Reihenhaus-Bewohner nun einmal war, veränderte Schmidt seine Frisur nie. Genauso ordentlich gekämmt wirkten die Sätze des SPD-Altkanzlers.

Sorgsam frisierte Haare waren und sind zudem Markenzeichen von Margaret Thatcher oder Ursula von der Leyen. Beide Politikerinnen könnten direkt einer dynamischen Drei-Wetter-Taft-Reklame entsprungen sein.

Bei Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach ist das Gegenteil der Fall: Seine Frisur vermittelt stets jene Spannung, die auch seinem Tonfall eigen ist. Bei so wenig Eitelkeit wundert es nicht, dass Lauterbachs Ressort gar nicht erst in der aktuellen Liste über die Ausgaben der einzelnen Bundesministerien für Visagisten und Friseure auftaucht.

Insgesamt rund 180.000 Euro wurden von Januar bis zum Stichtag 12. Oktober 2023 für die Verschönerung von Kabinettsmitgliedern, Staatssekretären und Parlamentarischen Staatssekretären verwendet, wie aus der Antwort der Bundesregierung von Anfang November auf eine Kleine Anfrage der AfD-Bundestagsfraktion hervorgeht.

Vorbildlich nachhaltig erscheint dagegen der entsprechende Aufwand, den das Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz von Robert Habeck (Grüne) betreibt: Ganze 550 Euro wurden bis dato ausgegeben. Dahinter rangiert das Bildungsministerium unter Bettina Stark-Watzinger (FDP) mit 1739,96 Euro. Beim Umweltministerium von Steffi Lemke (Grüne) sind es schon 5332,69 Euro. 6838,87 Euro wurden im Innenministerium von Nancy Faeser (SPD) fällig. Das Bundeskanzleramt landet mit 23.013 Euro auf Platz zwei, was kaum an der Pflege der spärlichen Haarpracht von Amtsinhaber Olaf Scholz liegen kann.

Mit weiteren 29.416,99 Euro schlägt übrigens die „Inanspruchnahme von Visagisten und Friseuren durch ehemalige Bundeskanzler“ im Berechnungszeitraum zu Buche; hier wird im Besonderen auf die Dienste einer „freiberuflichen Assistentin für Make-up und Frisur“ verwiesen. Prominente Kundin dürfte Altkanzlerin Angela Merkel sein, die noch immer zahlreiche öffentliche Auftritte absolviert.

Die (echte) blonde Mähne von Londons konservativem Ex-Bürgermeister und Brexit-Anführer Boris Johnson ist absolut trendy. Sie erinnert mehr an einen Wischmopp oder die Füllung eines aufgeplatzten Sofas als an eine akkurat gescheitelte Tolle. Sie soll den wilden, ungestümen Mann zum Ausdruck bringen, der sich nicht um Konventionen schert. Johnsons wirklich Rolle ist allerdings die des politischen Hofnarren.

Die golden-rötlich schimmernde Beton-Frisur von US-Präsidentschaftskandidat und Milliardär Donald Trump garantiert unzerstörbaren Halt bei jeder politischen Wetterlage. Die einschüchternde Botschaft: Widerstand ist zwecklos.

Anders als bei seinen politischen Gesinnungsgenossen Donald Trump und Boris Johnson trügt beim niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders der Schein. Sein Blondschopf ist gefärbt. Ob’s seine Politik auch ist?

Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ist von Hause aus ein literarischer Schöngeist. Das wirre rötlich-schüttere Haar samt Rübezahl-Bart passt zum Bild des weltabgewandten Gelehrten. Dabei ist der ostdeutsche Politiker einer der größten Taktiker in der SPD.

Der Mediziner Karl Wilhelm Lauterbach ist Gesundheitsexperte der SPD-Bundestagsfraktion. Seine stets strähnig wirkenden dünnen Haare lassen ihn als den ewigen Oberprimaner-Streber erscheinen, der immer alles besser weiß.

Bei seiner Langhaarfrisur ist Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter dem Jesus-Look und der Hardrock-Mähne der späten 1960er treu geblieben - und wohl auch sich selbst.

Wie sein vater Kim Jong-il gehört auch Nordkoreas jugendlicher Diktator Kim Jong-un zur Beton-Frisur-fraktion. Seine arodynamische, schwarz-(gefärbte?) Tolle ist genauso irre schnittig wie seine Politik.

Neben einem luxuriösen Lebensstil machte Kim Jong-il (1941-2011), Vater und Vorgänger von Kim-Jong-un, die hochtoupierte Fön-Beton-Friseur zu einem politischen Markenzeichen des abgeschotteten kommunistischen Landes. 2012 wurde der der Welt Entrückte postum zum „Ewigen Generalsekretär“ ernannt.

Mao Zedong (oder Mao Tsê-tung, 1893-1976) ist der Vater aller Beton-Frisuren. Von 1943 bis 1976 war sein Wort als Vorsitzender der Kommunistischen Partei in China Gesetz. Seine kulturrevolutionäre Wellen-Frisur machte bei linken Führern Schule (siehe Kim-Jon-il und Kim Jong-un).

Silvio Berlusconi liebt den schönen Schein. Was am italienischen Medienzaren und Ex-Ministerpräsidenten (noch) echt ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Sein Haaransatz jedenfalls ist definitiv eine Fälschung.

An Winfried Kretschmann ist alles echt. Der Politiker mit der grauen Stoppelfrisur amtiert seit 2011 als neunter Ministerpräsident von Baden-Württemberg und als erster Grüner in diesem hohen Amt. Dass er am 12. Mai 2016 wiedergewählt wurde, hat ganz wesentlich mit seinem ehrlichen Äußeren zu tun.

Der Haarspray-Wahnsinn von Margaret Thatcher (1925-2013), Britanniens Premierministerin von 1979 bis 1990 (die mit der Tasche), ist Inbegriff der politisch-haarigen Beton-Frisur.

Als Bundesumweltministerin (1994-1998) gab Angela Merkel nicht viel auf mondäne Figaro-Stile. Mit Beginn ihrer Kanzlerschaft (seit 2005) begannen indes ihre vielen äußeren und politischen Häutungen.

Der gänzlich unprätentiöse Haarschnitt von AfD-Spitzenkraft Beatrix von Storch ist gewollt. Die Botschaft: Nicht das Äußere zählt, sondern nur die rechten (inneren) Werte.

Für Grünen-Aushängeschild Claudia Roth ist vor allem eins wichtig: grell und schrill zu sein. Ihre Haare und Gesinnung variieren zwischen rot, orangefarben und eidottergelb.

Gesine Marianne Schwan ist ein Multitalent - angesehene Politikwissenschaftlerin, Dauer-Mitglied in der SPD und zweimalige Kandidaten für das Amt der Bundespräsidentin.

Politische Frisuren im Überblick

Die folgende Tabelle zeigt einige Beispiele für politische Frisuren und ihre mögliche Bedeutung:

Politiker Frisur Mögliche Bedeutung
Boris Johnson Wuschelige blonde Mähne Wildheit, Unkonventionalität, Nähe zum Volk
Donald Trump Hochtoupiert, golden-rötlich Macht, Dominanz, Unbezwingbarkeit
Angela Merkel Variierende Kurzhaarfrisuren Wandelbarkeit, Anpassungsfähigkeit, Pragmatismus
Karl Lauterbach Strähnige, dünne Haare Intellektualität, Ernsthaftigkeit, Besorgnis
Margaret Thatcher Sorgfältig frisierte Betonfrisur Stärke, Disziplin, Unnachgiebigkeit

Diese Tabelle soll lediglich als Illustration dienen. Die tatsächliche Bedeutung einer Frisur kann von vielen Faktoren abhängen und ist oft subjektiv.

Betrachtet man die Frisuren bekannter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, so fällt auf, dass diese oft mehr sind als nur zufällige Erscheinungen. Sie können bewusst eingesetzt werden, um bestimmte Botschaften zu vermitteln, Zugehörigkeit auszudrücken oder sich von anderen abzugrenzen. Ob nun gewollt oder ungewollt, die Frisur ist ein Teil des öffentlichen Bildes und kann somit auch die politische Wahrnehmung beeinflussen.

Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich die Frisuren der Mächtigen in Zukunft entwickeln werden und welche Geschichten sie uns erzählen.

Javier Milei mit seiner auffälligen Frisur (Quelle: Tagesspiegel)

Einige Beispiele politischer Frisuren (Quelle: t-online.de)

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