Kopflausbefall ist meist mit negativen Gefühlen verbunden und kann ungünstige Folgen haben, wie Isolation, Überbehandlung oder Verschiebung von Operationen. Da sich, vermutlich wegen des massiven Gebrauchs neurotoxischer, pedikulozider Substanzen, zunehmend Resistenzen entwickeln, soll diese Arbeit den aktuellen Sachstand darstellen.
Die Ausbreitung der Kopfläuse hängt von räumlichen und zeitlichen Variablen ab (unter anderem Anzahl empfänglicher Wirte, Dauer der Infestation, Dauer und Art des „Haar zu Haar“-Kontakts). Hierdurch entstehen Kleinepidemien im Kindergarten oder in der Schule.
Bevölkerungsbasierte Studien über Inzidenzen gibt es nicht. Aus vielen Teilen der Welt liegen Prävalenzstudien vor. Diese sind aber nicht direkt vergleichbar weil:
Die Prävalenzstudien reflektieren daher nicht die wahre Häufigkeit dieser Parasitose in der Bevölkerung.
Am häufigsten erkranken Kinder zwischen dem 5. und 13. Lebensjahr. Eine Reihenuntersuchung in Braunschweig, in der im Zeitraum von 10/2006 bis 7/2007 bei 1 890 Schulanfängern im Alter von 5-6 Jahren der Kopf mittels visueller Inspektion nach Läusen und Nissen abgesucht wurde, ergab eine errechnete Inzidenz von 598/10 000 (Punktprävalenz 0,7 %).
In einer fragebogenbasierten Studie aus Norwegen fand sich in einer Grundschule eine Punktprävalenz von 1,6 %, aber in jedem dritten befragten Haushalt war früher ein Kopflausbefall aufgetreten. Es zeigte sich, dass dichter besiedelte Ortschaften eine höhere Prävalenz bezüglich früherem Kopflausbefall aufwiesen als weniger dicht besiedelte Städte. Die Prävalenz war zudem abhängig von der Anzahl der Kinder in einem Haushalt beziehungsweise, wie sich aus einer weiteren Untersuchung ergab, erhöht sich bei einer Haushaltsgröße von mehr als 6 Personen die Prävalenz.
In einer großen Studie in Belgien, in der 6 169 Kindergarten- und Schulkinder (2,5-12 Jahre) mittels der sensitiven Methode des „feuchten Durchkämmens“ untersucht wurden, zeigte sich eine Punktprävalenz von 8,9 % (sowie 4,6 % mit Nissen als Zeichen einer früheren Infestation). Die besuchte Einrichtung beziehungsweise Klasse hatte einen größeren Einfluss auf die Prävalenz als individuelle Charakteristika. Ein höheres Infestationsrisiko bestand bei niedrigerem sozio-ökonomischem Status, mehr Kindern in der Familie und längeren und braunen Haaren. 14 Tage nach der Screeninguntersuchung wurden trotz adäquater Therapieempfehlungen bei 41 % der Kinder noch immer Kopfläuse nachgewiesen. Ursache war vermutlich eine ausbleibende, fehlerhafte oder fehlende synchronisierte Behandlung. Mangelnde Körperpflege wurde in keiner Studie als Risikofaktor erwähnt.
Abhängig vom Endemiegebiet waren Mädchen häufiger von Kopfläusen betroffen als Jungen. Die Läuse und Nissen bleiben in den längeren Haaren der Mädchen häufig länger unbemerkt und sind schwieriger zu therapieren. Bei kurzen Haaren war das Infestationsrisiko halb so groß. Die höhere Prävalenz lässt sich hierdurch und durch geschlechtertypische Verhaltensweisen (engeres Zusammensein bei Mädchen und nur kurzer Kontakt beim Spielen bei Jungen) erklären und reflektiert keine biologisch determinierte höhere Empfänglichkeit von Mädchen. So wurden einzig die Haarlänge und die Haarfarbe „braun“ beziehungsweise „braun und rot“ als unabhängige Risikofaktoren für einen Kopflausbefall identifiziert. Es wurde vermutet, dass Läuse in diesen Haaren wegen ihrer Eigenfarbe länger unbemerkt bleiben können.
Kopflausbefall war assoziiert mit dichter besiedelten Ortschaften, mehr Kindern/Personen in einem Haushalt, längeren Haaren, weiblichem Geschlecht sowie brauner Haarfarbe.
Man vermutet, dass sich saugende Läuse von Primaten im Sinne einer Ko-Evolution mindestens 25 Millionen Jahre gemeinsam entwickelt haben. Die menschlichen Läuse haben sich vor etwa 2 Millionen Jahren in 3 verschiedene, geografisch unterschiedlich verteilte Gruppen differenziert.
Der Entwicklungszyklus von Kopfläusen ist relevant für die Behandlung.
Die Eier werden an die Basis der Haare in unmittelbarer Nähe zur Kopfhaut geklebt. Von der Eiablage bis zum Schlüpfen der ersten Nymphen vergehen durchschnittlich 8 Tage. Kürzlich wurde berichtet, dass diese Zeit bei 1,2 % der untersuchten Proben bis zu 13 Tage dauerte. Variationen sind vermutlich durch Unterschiede von Haardichte, Temperatur und Feuchtigkeit an verschiedenen Stellen der Kopfhaut erklärbar. Die Eiablage erfolgt bevorzugt an beiden Schläfen, hinter den Ohren und im Nacken. Pro Tag produzieren Weibchen durchschnittlich 5 Eier. Kopfläuse leben etwa 21 Tage. Bereits Nymphen der ersten Generation können sich fortbewegen, allerdings signifikant langsamer als ausgewachsene Läuse. Die Eihüllen („Nissen“) an den nachwachsenden Haaren in einem Abstand > 1 cm von der Kopfhaut sind leer und kein Zeichen einer aktiven Infestation.
Lebenszyklus von Kopfläusen
In Mitteleuropa findet man in der Regel weniger als 10 Läuse pro Kopf. In Australien war die Anzahl in einer Studie signifikant höher [Mittelwert n = 30/Kopf].
Die meisten Kopfläuse sterben ohne weitere Blutaufnahme innerhalb von 30 Stunden nach dem letzten Blutsaugakt. Infektionsepidemiologisch ist allerdings nur relevant, wie lange sie infektiös bleiben. Es ist davon auszugehen, dass Kopfläuse ohne Kontakt zu Köpfen wegen der Dehydrierung nicht mehr in der Lage sind, Speichel zu produzieren, Blut zu saugen und damit infektiös zu sein. Auch wenn es keine Daten zur Überlebensrate von Eiern gibt, die abseits des Wirts abgelegt worden sind, ist es wenig wahrscheinlich, dass aus den dehydrierten Eiern noch Nymphen schlüpfen können. Empfehlungen zur Quarantäne der Aufenthaltsräume von 10 Tagen sind daher nicht rational zu begründen. Daher ist zur Infektionskontrolle die Behandlung infestierter Köpfe und nicht die der Umgebung essenziell.
Das Immunsystem der Kopfläuse besitzt eine geringere Phagozytosefähigkeit als das von Kleiderläusen. Es wurde allerdings nachgewiesen, dass Kopfläuse Rickettsia prowazekii (Erkrankung: klassisches Fleckfieber) und Bartonella quintana (Erkrankung: Wolhynisches Fieber [„trench fever“]) vermutlich aber alle für Kleiderlausbefall beschriebenen Infektionserreger tragen können. Ihre Relevanz wird gegenüber Kleiderläusen aber als gering angesehen, da aufgrund der geringeren Anzahl an Läusen geringere Mengen an Sekreten übertragen werden.
Pediculosis humanus capitis ist ein hochspezifischer Parasit der menschlichen Kopfhaut. Der Hauptübertragungsweg von Läusen ist daher der enge Kontakt von Kopf zu Kopf. Dieser findet vor allem bei Kindern während des Spielens statt. Übertragungen durch Gegenstände sind seltene Ausnahmen und infektionsepidemiologisch irrelevant.
Dies wird allerdings kontrovers diskutiert. Während sich die „Pro“-Seite auf In-vitro-Versuche stützt, die nicht den natürlichen Bedingungen entsprechen, wie Übertragung durch Föhnen, Kämmen oder das Abrubbeln der Haare mit einem Handtuch, Eiablage unter anderem auf synthetische Textilien, kann die „Contra“-Seite zahlreiche Daten aus klinischen Feldversuchen anführen. So wurde keine einzige Kopflaus in 1 000 Kopfbedeckungen von Schülern mit Kopfläusen (n = 5 500 Läuse auf den Köpfen) gefunden. Ebenso fanden sich keine Kopfläuse auf dem Fußboden von Klassenräumen in einer Schule mit einer Kopflausepidemie. Lediglich bei einzelnen Personen mit hoher Infestationsintensität wurden am nächsten Morgen einige wenige Nymphen auf dem Kopfkissen gefunden, so dass ein geringes, vernachlässigbares Infestationsrisiko besteht, das durch Waschen des Kopfkissenbezugs noch weiter minimiert werden kann. Auch eine Übertragung durch gemeinsam benutzte Bürsten ist zwar möglich, aber wenig wahrscheinlich. Kopfläuse überlebten in vitro bis zu 20-minütige Aufenthalte im Wasser, unabhängig von der eingesetzten Wasserart (25 °C, deionisiertes Wasser, Meerwasser (100 %), Salzlösungen (30, 60, 120, 240 g/L) und Chlorwasser (0,2, 2 und 5 mg/L). Während dieser Zeit waren sie völlig immobilisiert. Bei einem 30-minütigen experimentellen Schwimmbadaufenthalt wurden weder erwachsene Läuse noch ältere Nymphen von den Haaren entfernt. Insofern ist eine Übertragung im Schwimmbad unwahrscheinlich.
Je nachdem, wo sich die Laus zum Kontaktzeitpunkt aufhält, variiert die Zeit bis zur Infestation. Sie liegt wahrscheinlich in der Größenordnung weniger Minuten. Die menschliche Kopflaus kann sich auf einem Haarmodell mit einer Geschwindigkeit von 9,5 ± 1 bis zu 23 cm/min fortbewegen. In-vivo-Daten fehlen hierzu. Die Übertragung ist von zeitlichen und räumlichen Variablen abhängig. So wanderten Läuse leichter auf ein benachbartes Haar, wenn dieses langsam, von hinten und parallel zur Körperachse präsentiert wurden. Bei einem Winkel von 90° fand keine Übertragung statt.
Die Übertragung ist abhängig vom Lebenszyklus der Läuse. Synchronisierte Behandlungen sind daher essenziell, um zeitlich versetzte Infestationen innerhalb einer Gruppe zu verhindern.
Als greifbares Symptom eines Kopflausbefalls gilt der Juckreiz. Dieser entsteht durch eine allergische Reaktion gegen den Speichel der Kopfläuse. Er tritt daher nicht direkt bei einer Erstinfestation auf sondern erst dann, wenn nach vier bis sechs Wochen eine Sensibilisierung stattgefunden hat. Bei Reinfestation juckt es bereits nach zwei Tagen.
Im Nacken entsteht dann das exkoriierte „Läuseekzem“, welches sekundär durch Staphylococcus aureus oder Streptokokken infiziert wird. Die Haare verkrusten und verkleben, die zervikalen Lymphknoten können anschwellen. Der Juckreiz entwickelt sich allerdings nicht bei allen Betroffenen (lediglich 14-36 %), häufig führt auch erst die zufällig entdeckte Laus zur Diagnose. Nur bei massivem Kopflausbefall ist eine Anämie vorstellbar.
Kopfläuse erkennen
Die reine Inspektion ist auch bei Durchmustern des gesamten Kopfes zur Diagnostik unzureichend. So fand man in einer israelischen Studie (7- bis 10-jährige Schulkinder) mittels direkter Inspektion nur bei 6 % Kopfläuse, beim Kämmen mit Nissenkamm bei 25 % der Kinder. Eine aktive Infestation wird daher am besten mit der Technik des „feuchten Kämmens“ mit Hilfe eines Läusekamms (Zinkenabstand 0,2 mm) erkannt. Dabei scheinen Läusekämme aus Metall mehr Läuse, Eier und Eihüllen (bis zu dreifach mehr) aus dem Haar zu entfernen als solche aus Plastik. Will man eine durchgemachte Infestation erfassen, das heißt nur Eihüllen oder nicht entwicklungsfähige Eier detektieren, ist die visuelle Inspektion dem feuchten Durchkämmen überlegen.
Zur Diagnosestellung reicht der Nachweis einer lebenden Laus. Allerdings kommt es häufig zu Fehlinterpretationen. In den USA enthielten nur 59 % der zu einem Expertenzentrum versandten Proben typische Läuse oder Eier. In 35 % nachuntersuchter Proben waren Schuppen und in 5 % andere Arthropoden als Läuse fehlinterpretiert worden. Nur 53 % des als lebend interpretierten Materials zeigte das entsprechende lebende Parasitenstadium. Dementsprechend wurden 62 % der Patienten fälschlicherweise mit potenziell gefährlichen Substanzen „überbehandelt“.
Technik des feuchten Auskämmens
Die Tabelle fasst die Ergebnisse randomisiert kontrollierter Studien von in Deutschland zugelassenen Lokaltherapeutika gegen Kopfläuse zusammen.
Neurotoxische Pedikulozide (Organophosphate: Malathion, Carbamate [Carbaryl], Pyrethrine [Chrysanthemenextrakt]) oder Pyrethroide (synthetische Derivate: Permethrin, Phenothrin, Deltamethrin) führten wegen des großzügigen Gebrauchs zu resistenten Populationen von Kopfläusen auf allen Kontinenten.
Dabei zeigten sich Doppel- und Kreuzresistenzen, die durch eine Punktmutation im Bereich der alpha-Untereinheit der neuronalen Natriumkanäle beruhen (kdr-Gen). So sank die Wirksamkeit von Permethrin von 97 % in den 1990er Jahren auf 30 % im Jahr 2010.
In der Regel werden die neurotoxischen Substanzen gut vertragen. Sie werden aber wegen möglicher Resorption, Hypersensitivität sowie neurologischer Komplikationen nach akzidenziellem Verschlucken und einem möglicherweise erhöhten Leukämierisiko kritisch diskutiert.
Im direkten Vergleich waren Dimeticone wirksamer als Permethrin. Dimeticone sind synthetische Silikonöle. Sie können sehr gut auf Oberflächen spreiten und wirken rein physikalisch durch den Verschluss der Atemöffnung der Kopfläuse. Daher ist die Entwicklung von Resistenzen nicht zu erwarten. Sie sind nichttoxisch.
Bei 4 % Dimeticon und 96 % Cyclomethicon konnte eine Effektivität von 97 % erzielt werden. Die Substanz ist für Kinder ab dem Säuglingsalter zugelassen und kann auch in der Schwangerschaft und Stillzeit angewendet werden.
Für eine erfolgreiche Behandlung der Kopfläuse ist es wichtig, dass alle Behandlungsschritte zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden, der den Entwicklungszyklus von Kopfläusen berücksichtigt.
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