Lars Eidinger: Haare, Schauspielkunst und die ständige Veränderung

Lars Eidinger ist einer der bekanntesten und vielseitigsten Schauspieler Deutschlands. Seine Karriere umfasst Theater, Film und Fernsehen, und er ist bekannt für seine intensiven und oft unkonventionellen Darstellungen. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte von Eidingers Leben und Arbeit, von seiner Sicht auf die Schauspielkunst bis hin zu persönlichen Überzeugungen und Erfahrungen.

Die ständige Veränderung als Lebensprinzip

Ein zentrales Thema in Eidingers Leben und Werk ist die Idee der ständigen Veränderung. Er glaubt, dass Leben Bewegung bedeutet und dass Stillstand den Tod repräsentiert. Deswegen umgibt den Versuch, etwas festzuhalten, immer ein morbider Charme, ein Memento mori. Das könnte man als Credo nehmen.

Eidinger vergleicht dies mit der Erotik oder der Sinnlichkeit, die mit der Geste verbunden ist, Topfpflanzen oder einen Strauß Schnittblumen zu schenken. Eine Topfpflanze erhebt den Anspruch auf immerwährendes Leben, während die Schnittblumen schon vergangen sind. Aber ewiges Leben widerspricht dem Leben, das seinen Sinn erst durch den Tod erfährt.

Er zitiert den Besitzer seines Stammcafés in Berlin: "Nur wer sich verändert, bleibt sich treu." Von der Elterngeneration kenne ich noch die Formulierung: "So bin ich halt." Aber ich möchte eben als Charakter nicht stillstehen. Wenn ich ein starrer Charakter bin, dann prallt alles an mir ab.

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Diese Philosophie der Veränderung spiegelt sich auch in seiner künstlerischen Arbeit wider. Er lehnt es ab, sich auf eine feste Persönlichkeit festzulegen, da er glaubt, dass sich Menschen ständig weiterentwickeln. Man kann mich zwar auf Film aufnehmen, aber es entspricht nur dem Lars Eidinger in dem jeweiligen Moment. In der Zwischenzeit bin ich ein ganz anderer geworden. Wenn ich einen Film oder ein Foto ansehe, dann ist das also etwas Vergangenes.

Denn Persönlichkeit ist eben etwas, was sich bewegt, sodass man im besten Fall jeden Morgen als jemand anderes aufwachen kann. Wir tun uns keinen Gefallen, indem wir denken, wir sind der und der und so bleiben wir unser Leben lang. Deshalb kann ich auch keine eindeutige Antwort auf die Frage geben, welchen Charakter ich in einem Film spiele.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod

Eidinger setzt sich intensiv mit dem Thema Tod auseinander. Letztlich geht es bei dem ganzen Thema um Zeit. Ein guter Freund von mir hat einmal gesagt, man solle nicht über Zeit nachdenken, da würde man verrückt. Zeit lässt sich nicht erfassen, wir können sie nicht begreifen. Man darf sich Zeit nicht als Linie vorstellen, sondern als Punkt.

Er versucht, seinen Frieden damit zu machen, dass der Tod ständig präsent ist. Ein guter Freund von mir hat einmal gesagt, man solle nicht über Zeit nachdenken, da würde man verrückt. Zeit lässt sich nicht erfassen, wir können sie nicht begreifen. Man darf sich Zeit nicht als Linie vorstellen, sondern als Punkt.

Auf die Frage, ob er durch seine künstlerische Arbeit dem Tod ein Schnippchen schlagen könne, antwortet er: Nein, denn sie ist eben auch nur eine Momentaufnahme. Wir tun uns keinen Gefallen, indem wir denken, wir sind der und der und so bleiben wir unser Leben lang. Deshalb kann ich auch keine eindeutige Antwort auf die Frage geben, welchen Charakter ich in einem Film spiele.

Die Bedeutung von Verletzlichkeit in der Kunst

Eidinger betont die Bedeutung von Verletzlichkeit für Künstler. Es ist generell bei Künstler:innen der große Konflikt, dass man sich exponieren und zeigen muss und dabei Gefahr läuft, getroffen oder verletzt zu werden. Aber wenn ich nicht bereit bin, mich verletzen zu lassen, dann hat mein Spiel keine Intensität. Man kann als Künstler:in keine Wirkung erzielen.

Er zitiert seinen Schauspielkollegen Gustav Peter Wöhler, der ihn als "waidwund" bezeichnet, ein angeschossenes Tier, das verletzt herumirrt. Auf der Bühne fühle ich mich auf jeden Fall nicht sicher. Ich lasse mich auch verletzen und treffen. Darüber entsteht Empathie seitens des Publikums. Die Zuschauer:innen projizieren ja immer das Schicksal der Figur auf sich. Wenn ich mich verletzt zeige, erkennen sie ihre eigene Verletzung in mir.

"Sterben": Eine Rolle der Zurückhaltung

In seinem neuen Kinofilm "Sterben" spielt Eidinger einen Dirigenten, der sich mit dem Tod seines Vaters und den Problemen seiner Familie auseinandersetzen muss. "Sterben" ist ein Beispiel für die zurückhaltende Seite des Lars Eidinger. In seinem neuen Kinofilm spielt er einen Dirigenten, der aus Orchesterproben gerissen wird, damit er seinen sterbenden Vater noch einmal sehen kann. Es ist ein schonungsloser Film, der seinen Titel ernst nimmt. “Sterben” romantisiert über seine drei Stunden Laufzeit nichts, sondern zeigt die Härten einer tödlichen Krankheit und des Abschieds voneinander.

Der Film zeigt die Härten einer tödlichen Krankheit und des Abschieds voneinander. Es sind Fragen, in denen sich Konflikte vieler Familien spiegeln. Der schmale Grat zwischen dem Wunsch, gesehen zu werden, und dem, den anderen Familienmitgliedern dabei nicht zu viel Raum zu nehmen. Was haben die Kinder versäumt und was die Eltern?

Im Film gibt es eine Szene, in der Eidingers Charakter Tom seiner Mutter gegenüber sagt: “Ich dachte, heute geht es um Papa.” Ja, um wen geht es in dieser Familie? Um den Tod des Vaters oder um das Leid der Mutter? Um das ungeborene Baby, dessen Ersatzvater Tom bald werden soll? Oder geht es um Toms Schwester, die gar nicht erst versucht, pünktlich zur Bestattung des Vaters zu kommen?

Die Vielseitigkeit des Lars Eidinger

Lars Eidinger ist nicht nur Schauspieler, sondern auch DJ und Künstler. Er legt Hits der Neunziger- und Nuller-jahre auf: Chemical Brothers, Underworld, Madonna. Jeden neuen Track begrüßen die tanzenden Gäste mit Jubel. Eidinger lächelt in die Menge. In dieser Nacht werden in Berlin viele Partys gefeiert.

Diese Vielseitigkeit ermöglicht es ihm, sich immer wieder neu zu erfinden und seine Persönlichkeit in verschiedenen Ausdrucksformen zu präsentieren. Ich gehe auf die Bühne aus reinem Selbstzweck. Er wolle ein Verständnis davon erlangen, wer er sei. Und er hoffe, dass auch die Zuschauer:innen nicht seinetwegen kämen, sondern ihretwegen. Um sich selbst zu erkennen.

Kritik und Kontroversen

Eidinger hat im Laufe seiner Karriere auch Kritik und Kontroversen erlebt. Mit einer Ledertaschen-Kollektion im Aldi-Look zieht er harsche Kritik auf sich. Ihm wird vorgeworfen, mit der Kampagne Obdachlose zu verhöhnen. Kurz darauf, im Februar 2020, spricht er bei der Pressekonferenz zu dem Film “Persischstunden” unter Tränen über Hass und Missgunst, über eine “vergiftete Gesellschaft”.

Diese Erfahrungen haben ihn jedoch nicht davon abgehalten, seinen Weg weiterzugehen und sich treu zu bleiben. Ich habe versucht, mich zu erklären, aber keiner hat sich dafür interessiert. Ich bin von Leuten kritisiert worden, die sich moralisch überlegen fühlen und selbst Werbung für McDonald’s und Magenta-TV machen.

Frühe Karriere und Ausbildung

Von klein auf war für Lars Eidinger klar, dass die Schauspielerei seinen Lebensinhalt bestimmen sollte. Mitte der 70er in Berlin Tempelhof geboren, liebte er es schnell, in andere Rollen zu schlüpfen: Als Zehnjähriger spielte er die beliebten Hörspiele der kleinen Hexe Bibi Blocksberg nach, etwa zeitgleich sammelte er erste Schauspielerfahrungen in der Jugendsendung "Moskito - Nichts sticht besser", die von 1987 bis 1995 vom Sender Freies Berlin ausgestrahlt wurde.

Mit nur 19 Jahren gelang ihm der Sprung an eine der besten Schauspielschulen Deutschlands - die "Ernst Busch" nahm ihn 1995 gemeinsam mit Nina Hoss, Devid Striesow, Fritzi Haberlandt und Mark Waschke auf, die heute ebenfalls berühmte Schauspieler sind. Schon in den fünf Jahren seiner Schauspielausbildung erkannten Intendanten und Regisseure Eidingers Talent und boten ihm Gastaufträge an den Kammerspielen und am Deutschen Theater an.

Engagements und Erfolge

Inspiriert durch den Inszenierungsstil des Theaterregisseurs Thomas Ostermaier wollte Lars Eidinger ein Engagement an der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz bekommen. Ein Wunsch, der tatsächlich in Erfüllung gehen sollte und Eidinger durch Rollen in Henrik Ibsens "Nora" oder Shakespeares "Sommernachtstraum" zum Durchbruch auf dem Theaterparkett verhalf.

Vielen dürfte Eidinger spätestens seit seinem brillanten Auftritt in der "Polizeiruf"-Folge "Die Kinder von Schwerin" von 2008 nicht mehr aus dem Kopf gegangen sein. Dort mimte er an der Seite von Fritzi Haberlandt eindringlich einen mordverdächtigen Familienvater. Es folgten Auftritte in diversen "Tatort"-Episoden, die ihm seitens der Kritiker stets Lob einbrachten.

Auch auf der Kinoleinwand gelang Lars Eidinger der Durchbruch, als er 2009 in Maren Ades Beziehungsdrama "Alle anderen" neben Birgit Minichmayr spielte. 2012 konnte man ihn als Marko in Hans-Christian Schmids Drama "Was bleibt" bestaunen und bejubeln.

In jüngerer Zeit überzeugte Eidinger im TV mit seiner Rolle des Strafverteidigers Biegler in dem ARD-Fernsehfilm "Terror - Ihr Urteil", welcher auf einem Theaterstück von Ferdinand von Schirach basiert, und der von Kritikern gefeierten TV-Serie "Babylon Berlin". Nicht nur hierzulande sind Fans und Kritiker begeistert vom Spiel des talentierten Mimen.

2013 war er in einer Folge der britischen TV-Serie "Foyle's War" als ehemaliger SS-Offizier zu sehen. Im Jahr darauf spielte Eidinger an der Seite von Juliette Binoche und Kristen Stewart in dem preisgekrönten Spielfilm "Die Wolken von Sils Maria" und brillierte wiederum zwei Jahre später erneut neben Kristen Stewart in dem Thriller "Personal Shopper".

Egal, was Lars Eidinger anpackt - es wird ein voller Erfolg. 2015 war er in der Tragikomödie "Familienfest" als Max zu sehen, der seiner Familie nach einem Zusammenbruch auf der Feier seines Vaters offenbart, dass er an Krebs erkrankt ist und nur noch wenige Tage zu leben hat. Fans und Kritiker waren begeistert und der Film räumte kurzerhand den Deutschen Fernsehpreis ab.

Dann wurde Lars quasi befördert - und saß im darauffolgenden Jahr selbst in der Jury der 66. Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Noch im selben Jahr spielte er in "Terror - Ihr Urteil" einen Verteidiger. Die Erstausstrahlung in der ARD kam mit fast sieben Millionen Zuschauern auf einen stolzen Marktanteil von 20,2 Prozent.

2018 ergatterte er als Bertolt Brecht dann direkt die Hauptrolle im deutsch-belgischen Spielfilm "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm" und mit der Hauptrolle im Roadmovie "25 km/h", bei dem es auf klapprigen Mofas quer durchs Land geht, feierte er im selben Jahr seinen bis dahin größten Publikumserfolg im deutschen Kino.

Als Schauspieler mag Eidinger düstere Rollen, die dem Zuschauer an die Substanz gehen, lieben. Im echten Leben dürfte er damit aber wenig am Hut haben: Mit der Opernsängerin Ulrike Eidinger und der gemeinsamen Tochter lebt er im beschaulichen Charlottenburg.

Eine Übersicht seiner Filmografie:

Jahr Titel
2005 See You At Regis Debray
2007 After Effect
2009 Alle anderen
2009 Mörder auf Amrum
2010 Tatort: Hauch des Todes
2011 Hell
2011 Fenster zum Sommer
2012 Was bleibt
2013 Du bist dran
2014 Die Wolken von Sils Maria
2015 Familienfest
2016 Personal Shopper
2017 Mathilde - Liebe ändert alles
2018 Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm
2018 25 km/h
2019 All My Loving
2019 Dumbo
2019 Proxima - Die Astronautin
2020 Persischstunden
2021 Nahschuss
2021 Tatort: Murot und das Prinzip Hoffnung
2021 Faking Hitler
2022 Weißes Rauschen
2022 Lars Eidinger - Sein oder Nichtsein

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