Jeff Beck: Mehr als nur eine Perücke?

Einst war es eine beliebte Debatte, wer von den drei englischen Gitarrengöttern, die aus den Yardbirds hervorgegangen sind, der Einzige und Wahre sei: Eric Clapton, Jimmy Page oder Jeff Beck? Heute sind derartige Glaubenskriege längst ausgestanden, zumal alle drei der vormaligen Gitarrenreligionsstifter sehr unterschiedliche Wege gegangen und an ebenso unterschiedlichen Punkten ihres Schaffens angelangt sind. Page verwaltet seit der Auflösung von Led Zeppelin deren Erbe, Clapton ist Superstar mit bieder braven Blues-Artigkeiten.

Und Beck? Er ist vielleicht der letzte wirkliche musikalische "Überlebende" der glorreichen Drei, der immer noch Spaß an neuen Ideen zu haben scheint.

Mit seinem berühmten, nach wie vor rabenschwarzen Haar sieht Jeff Beck für einen 67-Jährigen fast schon unerhört fit und schlank aus. Schlank und drahtig und mit vollen Haaren wie früher - oder hat er denselben Perückenmacher wie Ronnie Wood?

Fragt man Beck, wie es ihm gehe, antwortet er mit einem charakteristisch augenzwinkernden „3 von 10“. Ganz ernst kann er das nicht meinen, denn er ist ganz offensichtlich gut in Form und spricht gerne über seine Karriere, die ihn mühelos durch R&B, Heavy-Rock, Jazz-Fusion und sogar Klassik geführt hat.

Jeff Beck performs at the Rock and Roll Hall of Fame's Induction Ceremony 2009

Eine musikalische Reise

Jeff Becks unglaubliche Karriere begann 1965, als er Eric Clapton höchstpersönlich bei den Yardbirds ersetzte und dafür sorgte, dass man ihn kein bisschen vermissen musste. Ausgerechnet Jimmy Page war es dann doch, der Jeff bei den Yardbirds ersetzen sollte, aus denen später Led Zeppelin hervorging.

Sogar schon vor den Yardbirds, bei meiner früheren Gruppe, The Tridents. Ich weiß nicht, warum die Lucas-Brüder (John und Paul, Bassist und Gitarrist bei The Tridents) mich wollten, denn ich spielte keinen Chicago Blues. Sie liehen mir ein paar Bo Diddley-Platten. Bei ihm kannst du nicht viel anders machen, denn er bleibt meistens bei einer Tonart, also erfand ich Wege, die Leute zu unterhalten, indem ich seltsame Geräusche machte.

Als ich eines Abends von einem Gig nach Hause fuhr, sahen die Tridents, dass Eric Claptons Bühnenanzug in meinem Auto hing - ein Anzug, der bald meiner sein würde. Sie sagten: „Wem gehört der? Du trägst doch keine Anzüge.“ Nun, ich tat es eben doch. Ich trug Erics Anzug und seine Schuhe. Und ich borgte mir seine Gitarre. Der erste Abend (im Mai 1965) war schwer. Ich hörte all die Gerüchte über Eric - dass er ein knarrenschwingendes, launisches Genie war. Aber das machte mich noch entschlossener. Ich fuhr alles auf, was ich auf Lager hatte.

Giorgio kam in den „100 Club“, wo ich zwei Sets mit den Tridents spielte. Ich kam von der Bühne, und da standen Giorgio und (dessen rechte Hand) Hamish Grimes. Sie eskortierten mich zur Bar wie zwei Polizisten. Sie sagten: „Morgen wirst du in einer Top-Band sein.“ Ich dachte: „Was? The Who? Beatles? Stones?“ Sie wollten mir nicht sagen, wer es war. Ich trank ein halbes Bier, ging für das zweite Set auf die Bühne - und sie verschwanden.

Vor dem abgemachten Ort stand ein schmutziger Ford Transit, auf dessen Front „Yardbirds“ stand. Ich kehrte fast um. Ich hatte gehofft, es würden die Stones sein. Das Vorspielen war lächerlich, voll von hoffnungsfrohen Gitarristen. Ich dachte: „Ich werde hier nicht lange bleiben. Den Job kriege ich nie. Ich werde die Erniedrigung über mich ergehen lassen und abgelehnt werden.“

Die Liste derer, mit denen er zusammengearbeitet hat, liest sich wie ein Who‘s Who des Rock: Rod Stewart, Jimmy Page, David Bowie, Kate Bush, Morrissey, Paul Rodgers, Roger Waters (Pink Floyd sollen einst erwogen haben, Beck als Ersatz für Syd Barrett anzuheuern) …

Heute erzählt er davon, dass er endlich seine Autobiografie in Angriff genommen und ein brandneues, für reichlich Aufsehen sorgendes Album mit zwei Komplizen, die er noch nicht nennen will, in der Mache hat. EMOTION COMMOTION, sein vor Gästen strotzendes Orchester-Rock-Crossover-Album von 2010, war sein größter Erfolg seit Jahren.

Stil und Innovation

Jeff Beck, der selber nicht singt, und für dessen frühere "Jeff Beck Group" Ende der Sechziger Rod Stewart diese Aufgabe erledigte, überlässt seitdem in seinen Konzerten das Singen und Sprechen überwiegend seiner Gitarre. Und zweifellos hat sie über die Jahre höchst eindrucksvolle Eloquenz, großes Gefühlsspektrum, einzigartiges Phrasing, traumhafte Dynamik und einen unglaublichen Tonumfang ausgebildet.

"Emotion & Commotion" heißt das neue Album - Gefühl und Lärm - was die Sache mit einem Augenzwinkern auf den Punkt bringt. Mit lyrisch weichem Gitarrenton interpretiert Beck Benjamin Brittens "Corpus Christi Carol", dreht die an- und abschwellenden Noten aus dem Lautstärkeregler, dosiert den Klang sehr fein und ausgewogen mit leichtem Druck auf den Vibrato-Arm.

Um gleich darauf überzugehen in "Hammerhead" mit wabernden Wahwahen, einem freundlichen Wink zu Jimi Hendrix' "Vodoo Chile", um schließlich in schweres Hardrockgeriffe zu wechseln, mit berauschendem rhythmischen Raffinement.

Beck windet seinen ganzen Körper in die Töne, biegt das Kreuz durch und die Saiten, reißt und tupft sie mit Daumen und Fingern der rechten Hand, streckt sich hoch und reckt die Stratocaster, schüttelt rasante Jazz-Skalen aus der Hüfte und dirigiert seine Band lässig mit dem Gitarrenhals.

Vom Keyboarder Jason Rebello wünschte man sich allerdings mehr warme Hammondorgel-Sounds statt der etwas altbacken wirkenden Synthie-Synthetik. Vom Drummer Narada Michael Walden wiederum hörte man lieber etwas sparsameres Rockschlagzeug, statt seines überlauten schwermetalligen Rumgefichtels auf unzähligen Trommeln, Becken und zwei Bassdrums.

Rhonda Smith knattert, puckert, schnalzt und slappt ein rasantes Basssolo. Brillantes Gefunke und Gefunkel, bis auch das irgendwann zuviel wird.

Zum Glanzpunkt des Abends wird die umwerfende instrumentale Interpretation des Beatles-Songs "A Day In The Life".

In der Zugabe hängt sich der notorische Fender-Stratocaster-Spieler Beck erstaunlicherweise eine schwarze Gibson Les Paul um. Eine respektvolle Geste zum Gedenken an den im letzten Jahr gestorbenen 94-Jährigen Gitarrenerfinder, Musiker und Songschreiber Les Paul. Ihm zu Ehren zelebriert Beck munter swingend Les Pauls Song "How High The Moon", mit Paul selbst und dessen Frau Mary Ford als Sänger aus der Konserve.

Mit Giacomo Puccinis Opernarie "Nessun Dorma" als Gutenachtlied verabschiedet sich ein unnachahmlicher Gitarrist von seinen verzückten Fans. Ob Blues, Heavy Metal, Jazz, Bebop, Swing, Musical oder Oper - Jeff Becks Gitarre hat eine Stimme für alles.

Das Aussehen und die Perücke

Ronnie Wood sitzt an diesem Nachmittag, zumindest meistens, der Schalk im Nacken. Aber auch nur ihm. Ronnies Entourage wirkt im Gegensatz dazu angespannt und läuft mit der sprichwörtlichen Stoppuhr durch die Gegend.

Irgendwann im letzten Drittel des 20-minütigen Treffens beginnt Ronnie Wood, sich selbst an den Haaren zu ziehen, und zwar kräftig. „Alles Perücke", sagt er und lacht so herzig, als habe er sich diesen Spaß gerade nicht zum vermutlich tausendsten, sondern zum allerersten Mal gegönnt.

Der künstlerisch anspruchsvoll in alle Richtungen frisierte Schopf ist aus echtem, freilich nicht mehr so ganz naturschwarzem, Haar.

Die Gitarren-Auktion

Jeff Beck - er galt als einer der einflussreichsten Gitarristen der Geschichte. I don't care about the rules. Er war ein Virtuose, ein Genie an der Gitarre: Am Mittwoch erreichte uns die Nachricht, dass Jeff Beck im Alter von 78 Jahren an den Folgen einer Krankheit verstorben war.

Kurz vor zwölf Uhr mittags, treffe ich dann am nächsten Morgen beim Auktionshaus Christie’s in der King Street ein, wo sich vor dem Eingang eine kleine Schlange von ca. Der wird dann auch pünktlich um 12:00 gewährt und alle gehen sehr gemächlich in das beeindruckende Gebäude. Der erste Eindruck - Schnappatmung! Ich hatte eigentlich gar keine richtige Idee, was mich wohl erwarten würde.

Durch die Jahrzehnte wechseln dann schon mal die präferierten Gitarren: Die Oxblood-Les-Paul, in den 80ern die Jacksons und ab 1989 dann fast ausschließlich Fender-Strats. Man kennt sie irgendwie. Hier sind sie ALLE. Alle unter einem Dach. Vollständig. Unfassbar!

Man kommt in den ersten Ausstellungsraum und der Blick geht nach links. Die Gitarren hängen dort wie in einem Musikgeschäft. Keine Glaskästen, keine Absperrungen, nichts dergleichen. Unfassbar. Lediglich mit Schlössern gesichert, damit man sie nicht vom Haken nehmen kann. Und niemand vom beeindruckend freundlichen Christie’s-Personal zuckt auch nur mit der Wimper, wenn man sich die Instrumente genau und SEHR nah ansieht (und vielleicht mal an ihnen riecht.

Im nächsten Raum dann die meisten Amps. Überwiegend halbwegs moderne Marshalls, alle noch mit Einstellungsmarkierungen etc. Hier fällt mir besonders auf, dass das Ganze gar keinen Charakter einer Verkaufsveranstaltung hat. Überall laufen mit einem exquisiten Sound Musik Jeff Becks, Konzertvideos, hängen großflächige Fotos und es gibt Bildprojektionen. Eine nicht nur optisch sehr gelungene Präsentation und Inszenierung eines Ausnahmekünstlers - vornehmlich in Oxblood-Rot.

Ein weiterer Raum ist den 1980ern gewidmet - dort hängen die 1960er-Jahre Guitar-Shop-Strat, die pinke Tina Turner-Jackson und eine weitere knallorange Jackson Soloist. Die pinke TT-Jackson ist schon immer mein Lieblingsinstrument Jeff Becks.

Dann der wohl so gedachte Mittelpunkt der Ausstellung: auf einer kleinen Bühne stehen die drei Juwelen der Auktion. Zusammen mit drei Pedalboards unterschiedlicher Größe sind sie auf einer kleinen Bühne auf Autorädern inszeniert, zusammen mit einigen Amps vor einer Leinwand, auf der das legandäre „Live At Ronnie Scotts”-Konzert in Dauerschleife läuft.

Der Rundgang endet dann auf der rechten Seite des Eingangsraums in dem noch zahlreiche, aber eher unbedeutende Instrumente ausgestellt sind.

Zusammenarbeit mit Chuck Berry

Wood, bekanntgeworden als Mitglied der Jeff Beck Group, dann an der Seite von Rod Stewart bei den Faces - mit Stewart ist er bis heute eng befreundet - und seit 1975 natürlich zuvorderst als Gitarrist der Rolling Stones weltberühmt, will über sein Album „Mad Lad" sprechen: eine live aufgenommene Huldigung an Chuck Berry, einen seiner großen Blueshelden.

„Chuck ist eines der wesentlichen Vorbilder meiner Kindheit und Jugend", sagt Wood, „und überhaupt einer meiner frühen prägenden Einflüsse als Gitarrist. Das Album sei „vollkommen ohne Kalkül, Hintergedanken oder jeglichen sonstigen Quatsch entstanden. Sondern ziemlich spontan und mit großer Spielfreude."

Wood spielte „Mad Lad" an zwei Abenden im „Tivoli Theatre" in Wimborne ein, diesem überregional bekannten Ungefähr-500-Leute-Club in einem Dorf an der englischen Südküste. Er sagt: „Die meisten Aufnahmen haben wir direkt von der Probe vor dem ersten Konzert übernommen. Unterstützt wird er unter anderem vom Pianisten Ben Waters sowie der irischen Soul-Sängerin Imelda May.

Wie er Chuck Berry entdeckte? „Ich hörte ein Album namens ‚Jukebox Hits‘ mit Songs wie ,No Particular Place To Go‘ oder ,Mad Lad‘ drauf. Total aufregend fand ich die Lap-Steel-Gitarre, dieses Instrument kannte ich noch gar nicht." Zusätzlicher Spaß: Alben von Musikern wie Chuck Berry waren im England der späten 50er, frühen 60er Jahre nicht leicht zu bekommen.

„Wir waren auf amerikanische Importe angewiesen und tauschten unsere mühsam erbeuteten Platten untereinander aus. Derartige Freizeitaktivitäten existieren bei heutigen Teenagern nicht mehr. Es ist superleicht geworden, selbst die abseitigste Musik im Netz zu finden."

Richtig viel gelernt habe er von seinem Mentor jedoch nicht. Es sei sogar eher umgekehrt gewesen. „Chuck war auf der Bühne ziemlich nachlässig. Ihn interessierte nicht, ob seine Gitarre gestimmt war, und seine Band war ihm erst recht egal. Je älter er wurde, desto einfacher und ruppiger spielte er. Das Einzige, was ihm wirklich wichtig war, war die Kohle, die er für den Auftritt bekam."

Auch sei Berry nicht besonders nett zu seinen Mitmenschen gewesen. „Sagen wir, wie es ist, er konnte ein Scheusal sein. Als Musiker ist Wood das Gegenstück zu Berry - akribisch bis zum Umfallen, vor allem mit den Stones.

Jeff Beck und Alice Cooper

Seit 1968 ist Sänger Alice Cooper (69, „Poison“) im Musikgeschäft. Er erfand die große Rockshow, den Kampf um Gut und Böse und integrierte Horror-Elemente (Kunstblut, Guillotine, elektrischer Stuhl) in seine Bühnenshow.

Cooper überlebte die wahnsinnigen Drogenjahre der Siebziger, kämpfte lange mit seiner Alkoholabhängigkeit. Doch Rente ist für den dreifachen Familienvater (mit Sheryl, 60, hat er die Töchter Calico, 36, und Sonora, 24, sowie Sohn Dash, 32) absolut kein Thema. Gerade erst ist Coopers neue Platte „Paranormal“ erschienen. Und er hat große Pläne fürs nächste Jahr.

Die späten Jahre

„Es ist sehr nett, dass ich mein Leben noch habe", sagt Wood eher beiläufig, aber man merkt ihm die Freude darüber tatsächlich an, wie er so dasitzt und nun doch ernst wird. „Ich hatte einen Schutzengel." Ein echtes „Partymonster" sei er gewesen, nie habe er genug bekommen können, selbst die Stones drohten zwischenzeitlich mit Rauswurf. „Ich bereue die Exzesse nicht, aber sie fehlen mir auch kein bisschen.

Wood hat sechs Kinder von drei Frauen, 2012 heiratete er die Theaterproduzentin Sally Humphries, das Paar hat die dreijährigen Zwillingsmädchen Alice und Gracie. „Die beiden sind zwei echte Engel", schwärmt Ronnie. „Jeden Abend, wenn ich zu Hause bin, bringe ich sie ins Bett. Natürlich wollen sie nie einschlafen, das haben sie von ihrem Vater.

tags: #jeff #beck #perücke

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