Immer wieder atmen Kinder und Jugendliche absichtlich die giftigen Gase von Deodorants, Klebstoff oder Haarspray ein, um sich zu berauschen. Der Tod der Schülerin aus Schleswig-Holstein ist kein Einzelfall.
Im März starb in Kiel eine 13-Jährige, weil sie absichtlich Deo eingeatmet hatte. Als ihre Mutter sie fand, lag Judith leblos neben ihrem Schreibtisch. Sie hatte eine Plastiktüte vor dem Gesicht, neben ihr befand sich eine Deo-Dose. Einige Wochen später hätte das Mädchen seinen 14. Geburtstag gefeiert.
Die Eltern von Judith haben jetzt Warnhinweise auf Deo-Sprays gefordert. In den USA und in Großbritannien sind diese Hinweise schon seit Jahren aufgedruckt. Im Landtag in Kiel wird darüber diskutiert, ob eine Bundesratsinitiative angestoßen werden soll.
Auch in NRW sind die Schnüffelstoffe eine bekannte Gefahr. "Das gibt es bei Jugendlichen immer mal wieder", sagt Hans-Jürgen Hallmann, Leiter der Landeskoordinierungsstelle Suchtvorbeugung NRW (Ginko Stiftung). Die Drogenhilfe Düsseldorf gibt dagegen Entwarnung: "Bei uns spielt das Schnüffeln keine Rolle", sagt Leiter Joachim Alxnat.
In NRW gibt es schätzungsweise vier Millionen Suchtkranke. In diesen Statistiken tauchen die Opfer des Schnüffelns nicht auf. Doch wie wirkt das Schnüffeln auf den Körper? "Im Gehirn entsteht ein Sauerstoffmangel", erklärt Carola Seidel, stellvertretende Leiterin der Informationszentrale gegen Vergiftungen am Uniklinikum Bonn. Die Gefahr von Herzrhythmusstörungen sei groß. Vergiftungen mit Deo kämen immer wieder vor, sagt die Ärztin.
In der jährlich veröffentlichten Statistik der Zentrale werden Deo- und Haarspray als Kosmetika eingeordnet. "Das Land nimmt die vom Schnüffeln ausgehenden gesundheitlichen Gefahren sehr ernst", heißt es beim NRW-Gesundheitsministerium in Düsseldorf.
Die wichtigste Maßnahme zur Eindämmung der mit dem Schnüffeln verbundenen Risiken sei die frühzeitige Aufklärung durch Eltern und Schulen. Oft wissen Eltern oder andere Bezugspersonen nichts von dem Einatmen der Gase. Im Fall von Judith wollen auch die Freunde nichts bemerkt haben.
"So etwas verbreitet sich meistens in Gruppen", sagt allerdings Joachim Alxnat von der Düsseldorfer Drogenhilfe. Warnhinweise auf den Deo-Sprays sieht man beim NRW-Verbraucherministerium eher skeptisch. "Deos und Haarsprays sind Alltagsprodukte, die nicht zum Einatmen bestimmt sind. Wenn diese Produkte wie vorgesehen verwendet werden, stellen sie keine Gefahr für die Gesundheit dar", heißt es in einer Stellungnahme.
Gegen eine bewusste missbräuchliche Anwendung helfen demnach keine Warnhinweise, zumal sie in der Regel auch nicht hinreichend wahrgenommen werden, heißt es. Auch Hallmann könne sich kaum vorstellen, "dass die gelesen werden".
In der Drogenprävention in Schulen und anderen Institutionen wird das Thema Sucht mit Kindern und Jugendlichen oft nur ganz allgemein besprochen - ohne zu große Neugier auf eine bestimmte Droge zu wecken. "Achtet auf eure Kinder, redet mit ihnen", appelliert Hallmann an die Eltern.
Wie der Name schon sagt, werden Schnüffelstoffe durch die Nase oder den Mund inhaliert. Würden die Stoffe gespritzt oder geschluckt, hätte dies eine tödliche Vergiftung zur Folge.
Schnüffeltauglich sind flüchtige Lösungsmittel und bestimmte Gase, die in frei verkäuflichen Klebstoffen, Reinigungsmitteln und Sprays enthalten sind. In chemischer Hinsicht handelt es sich meist um aromatische Kohlenwasserstoffe oder Chlorkohlenwasserstoffe.
Nach der Inhalation tritt der Rausch schnell ein und hält zwischen einer und 30 Minuten an. Der Rausch kann durch wiederholtes Schnüffeln über mehrere Stunden aufrecht erhalten werden. Fast alle Substanzen, die zum Schnüffeln verwendet werden, wirken narkoseähnlich. Dabei verlangsamen sich die Körper- und Gehirnfunktionen, wobei die Stärke der Wirkung immer abhängig ist von der inhalierten Dosis.
Nach einer anfänglichen Benommenheit entstehen Gefühle wie Euphorie und Enthemmung sowie Halluzinationen. Je nach geschnüffelter Menge kommt es zu Bewusstseinstrübungen bis hin zur Bewusstlosigkeit.
Bei einer akuten Vergiftung entwickeln sich zunächst Übelkeit und Erbrechen, Sprach-, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen sowie Anurie (Versagen der Harnausscheidung). Die Vergiftung kann lebensgefährlich sein, weil es zu Atemlähmungen, epileptischen Anfällen und Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand kommen kann.
Bei chronischem Missbrauch ist mit gravierenden Organ- und Nervenschäden zu rechnen, da Lösungsmittel Gift sind für die inneren Organe. Darüber hinaus liegen die Gefahren in der Entwicklung einer starken psychischen Abhängigkeit, in deren Folge sich die Persönlichkeit verändert. Bei Schwangeren kann es zu Schädigungen des ungeborenen Kindes kommen.
Gerade Kinder und Jugendliche nutzen diese Art des Rauschkonsums. Sie schnüffeln Butan-Gas aus Deosprays, Lösungsmitteln, Haarsprays, Filzstiften, Nagellackentfernern, Klebstoffen und Verdünnungsmitteln - alles legal und günstig zu erwerben. Die Anwendung ist simpel: Die Stoffe werden in eine Tüte gefüllt und inhaliert.
Oft suchen die Jugendlichen den Kick in der Gruppe, was die Gefahr nicht mindert: Eine gezielte Dosierung ist nahezu unmöglich, Wirkung und Nebenwirkung lassen sich schwer kontrollieren. Das einmalige Ausprobieren kann tödlich sein.
Laut Rechtsmedizin des Universitätsklinikum Magdeburg starb Fabian am Sudden Sniffing Dead Syndrom (SSDS). Demnach nahm das Adrenalin durch das Inhalieren im Körper zu, unterbrach die Reizleitung am Herzen und verursachte zunächst ein Herzklappen-, später ein Herzkammern-Flimmern.
Die Familien schöpften keinen Verdacht. "Wir hatten nicht die leiseste Ahnung", weint Petra M. "Im Nachhinein fällt einem dann auf, dass er auf einmal öfter gelüftet hat oder man öfter ein leeres Deospray im Schrank vorfand", sagt Nachtigall. Beide Jungen waren beliebt, hatten Freunde. Diese wollen von "dem Spleen", wie es zwei Gleichaltrige nennen, nichts gewusst haben.
Fabian ruderte, spielte Schach, fuhr Snowboard, absolvierte einen Tanzkurs, seit Weihnachten hatte er eine Freundin. Beide Jungen waren gute Schüler. Nico engagierte sich als Klassensprecher, gute Zensuren kosteten ihn keine Mühe. Fabian hatte am Tag seines Todes gerade ein Zwischenzeugnis bekommen.
Vor allem in Entwicklungsländern, in den Ghettos von Südamerika und Osteuropa, schnüffeln viele Minderjährige, um sich zu betäuben, abzuschalten. Auf einen kurzen, euphorischen Erregungszustand folgen Bewusstseinseintrübung, Halluzinationen, Bewusstlosigkeit.
Die giftigen Stoffe können im Gehirn einen Ausfall des Atemzentrums auslösen. Inhaliert man zu stark, erstickt man am Sauerstoffmangel. Oft kommt es beim Missbrauch von Sprays zu Unfällen durch Überschätzung und Bewusstseinseintrübung oder zu Explosionen.
Burkhard Nachtigall will aufrütteln. Sich auch von der aussichtslosen Klage nicht abbringen lassen. Er hat die Fabian-Nachtigall-Stiftung gegründet und kämpft für ein Verbot von Deosprays mit herkömmlichen Treibgasen. Er wirkt wie ein Getriebener, gejagt von der selbst auferlegten Mission, anderen Eltern dieses unendliche Leid zu ersparen.
Die Gefahr lauert im Badezimmer: Schnüffeln an Treibgasen aus Deo- oder Haarspray kann tödlich enden.
Die folgende Tabelle fasst die Symptome und Folgen des Schnüffelns von Haarspray und ähnlichen Substanzen zusammen:
| Symptome (akut) | Folgen (chronisch) |
|---|---|
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tags: #Haarspray #schnuffeln #gesundheitliche #folgen
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