Die volkskundliche Forschung hat sich verschiedentlich mit Spielzeug beschäftigt, was vor allem an den spannenden Perspektiven liegt, die die Erforschung von Spielzeug liefert.
Besonders interessant sind dabei Baukästen, wie der „Anker-Steinbaukasten“ aus der volkskundlichen Sammlung des LVR Freilichtmuseums Kommern. Besonders beliebt waren diese um die Jahrhundertwende.
Sie bestanden aus verschiedensten Steinen, die aus Sand, Kreide und Leinöl gepresst wurden. Die Steine sollten dabei in ihren unterschiedlichen Farben die zeitgenössischen Baustoffe abbilden. Mit diesen verschiedenen Steinen ließen sich die unterschiedlichsten Bauwerke fertigen, entweder nach Vorlagen oder völlig frei.
Die Steine wurden dabei nicht verbunden, sondern trugen sich durch ihr Gewicht und ihre exakten Kanten selbst. Auch wenn die Bausätze keine originalgetreuen Nachbildungen realer Gebäude bildeten, so spiegelten sie in ihrer Formgebung und ihren Stilelementen typische Eigenschaften des Bauens um die Jahrhundertwende wider.
Anknüpfen konnte die Idee des Baukastens an Ideen Friedrich Fröbels, der heute als einer der Vordenker der modernen Pädagogik gilt. Er gab Kindern erstmals sogenannte „Spielgaben“ („Fröbelspiele“), mit denen die Kinder ihre Phantasie ausleben konnten.
Die ersten Bauklötze waren dabei vor allem aus Holz gefertigt und sehr robust gearbeitet. Sie waren dadurch aber auch realitätsfern und abstrakt.
Bis heute Bekanntheit hat der Name Lilienthal dabei weniger wegen dieses Baukastens, sondern eher wegen ihrer Verdienste als Pionier der Luftfahrt.
Denn was die Brüder Lilienthal nicht hatten, war das ökonomische Talent, ihre Ideen auch gewinnbringend umzusetzen.
„Richters Anker-Steinbaukasten“ etablierte sich immer mehr. Er war, so sah es zumindest die firmeneigene Werbung, „der Kinder liebstes Spiel“.
Dies waren vor allem die Kinder der oberen sozialen Schichten, denn derart exakt gearbeitete Steinbaukästen waren ein teures Gut. Zu denen, die regelmäßig mit den Baukästen von Anker spielten, gehörten die Kinder des habsburgischen Königshauses, denn Richter wurde kaiserlicher und königlicher Hoflieferant.
Aber nicht nur Kinder „spielten“ mit den Steinen.
Friedrich Richter verstarb 1910, sein Unternehmen war zu dem Zeitpunkt ein globales Spielzeugimperium.
Über verschiedene Nachfolger wurde der Betrieb noch bis 1963 in der DDR weitergeführt, dann eingestellt.
Doch die Idee des Baukastens ist bis heute lebendig.
Die lange und bewegte Tradition der Ankersteine geht zurück auf den deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel. Der Begründer der Spielpädagogik und Erfinder des Kindergartens hat freie, denkende, kreative Menschen als Erziehungsziel.
Die Welt wird für ihn im Spiel erfahren. Fröbel ist auch Entwickler legendärer "Spielmittel", z.B. 1838 des ersten systematischen Bauspiels für Kinder, das aus Holz besteht und einen Kubus als Grundform hat.
Inspiriert durch die Holzbausteine Fröbels entwickeln die Brüder Lilienthal 1875 eine Rezeptur zur Herstellung von Mineralbausteinen, die aus einer Mischung von Quarzsand, Kalk und Leinölfirnis gepresst werden. Auf der Suche nach dem echten Baugefühl finden die Luftfahrtpioniere eine Alternative zu instabilen Holzbausteinen.
Da das kreative Genie der Brüder Lilienthal größer ist als ihr Vermarktungstalent, verkaufen sie hoch verschuldet das Rezept für die Herstellung ihrer Bausteine an den Universal-Unternehmer Richter. Der Fabrikant errichtet 1880 ein neues Gebäude für die Produktion von "Richters Anker-Steinbaukästen" in Rudolstadt. Parallel dazu etabliert er eine Kunstanstalt, in der Künstler, Illustratoren und Architekten die Bauvorlagen für Baukästen erstellen und erschafft das erste Systemspielzeug der Welt.
Diese werden zunächst als "Patent-Baukästen" mit der Bildmarke eines roten Eichhörnchens vertrieben. 1884 bringt Richter die ersten Serien mit vier verschiedenen Steinbaukästen auf den Markt. Sie werden auf verschiedenen Ausstellungen präsentiert und gewinnen zahlreiche Auszeichnungen. Schon ein Jahr später verweist Richter in einem Katalog zu recht stolz darauf, dass seine Anker-Bausteine insgesamt 15 Goldmedaillen gewonnen haben.
1887 wird anlässlich des 10jährigen Pontifikats von Papst Leo XIII. Eine derzeit einmalige Anzeigen- und Werbekampagne macht das neue Spielzeug schnell bekannt. Richter ist einer der ersten in Deutschland, der großflächig bunte Werbung verwendet, die Lösungen zu Knobelaufgaben separat verkauft und Prachtausgaben herausgibt.
Schon bald verlassen die Fabrik in Rudolstadt über 40.000 Anker Steinbaukästen, die ab 1895 unter dem Logo des Ankers vertrieben werden. In Wien, St. Petersburg, London und New York entstehen Niederlassungen und Zweigbetriebe.
Anker-Steinbaukästen werden zum Synonym für kreatives, pädagogisch wertvolles Spielzeug. Ein ausgeklügeltes Erweiterungs- und Ergänzungssystem ermöglicht es, die Kästen beliebig zu variieren und kombinieren.
Der Marketingexperte Friedrich Adolf Richter kann für seine Anker-Bausteine auf Lobeshymnen von so illustren Persönlichkeiten wie Thomas Edison oder dem US-Präsidenten Cleveland verweisen.
Als Richter 1910 stirbt, hinterlässt er ein Imperium in voller Blüte, mit Niederlassungen in ganz Europa und den USA.
Nach langen Jahren komplizierter Streitigkeiten um das Richter'sche Erbe führt schließlich die Inflation nach dem 1. Weltkrieg zum völligen Verlust der Bank- und Bargeldersparnisse des Unternehmens. 1921 wird die Firma grundlegend reorganisiert und in zwei staatliche Aktiengesellschaften aufgeteilt.
Zwei Weltkriege haben die Ankersteine unbeschadet überstanden, doch 1963 verfügt ein Beschluss der DDR-Führung die Einstellung der Produktion. Die Firma "VEB Anker-Steinbaukasten" wird aufgelöst, die Produktionsanlagen anderweitig vergeben. Mit Ausnahme einiger kompletter Kästen werden alle Steine kostenlos abgegeben. Jeder darf vom Hof tragen, soviel Hände und Taschen fassen.
Der Ankerstein hat viele treue Freunde, z.B. den 1979 in Holland gegründeten internationalen Club der Ankerfreunde, dem heute über 250 Mitglieder aus Holland, Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Dänemark, Ungarn, Chile, der Schweiz und den USA angehören. Der Club gibt wichtige Anregungen und Impulse und leistet einen enormen Beitrag zur Aufarbeitung der reichen Geschichte der Ankersteine.
Der Ankerstein hat Generationen fasziniert und inspiriert - und bis heute nichts von seiner Ausstrahlung verloren.
Der an der Berliner Technischen Universität lehrende Akustikprofessor und Anker-Liebhaber Georg Plenge startet das Projekt zur Anker-Renaissance. Unterstützt von Mitteln der EU und des Landes Thüringen wird 1995 die Produktion unter Verwendung noch vorhandener Vorlagen wieder aufgenommen.
Der Markteinstieg erfolgt mit dem Grundkasten 6 und kurz darauf mit den Ergänzungskästen 6A und 8A. Inzwischen sind die Ankersteine mehrfach ausgezeichnet: Mit dem Prädikats-Siegel "Spiel gut", dem "Parents Choice Award" und dem "National Parents Publisher Award". Am Erfolg der Anker-Renaissance hat die weltweite treue Anker-Fangemeinde großen Anteil.
2005 wurde der 10. Jahrestag der Wiederaufnahme der Produktion gefeiert sowie der 125. Geburtstag der Anker-Steinbaukästen. Im Februar 2008 präsentierte sich die Anker Steinbaukasten GmbH mit einem neuen visuellen Erscheinungsbild auf der 59.
2009 sichern Gerhard Gollnest & Fritz-Rüdiger Kiesel durch Übernahme des Unternehmens die weitere Existenz der Anker - Steinbaukasten GmbH. Das Unternehmen wird am traditionellen Standort Rudolstadt weitergeführt. 2017 erfolgte die Übernahme durch die Arbeiterwohlfahrt Rudolstadt .
Die Geschichte der Anker-Steinbaukästen ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie eine einfache Idee, inspiriert von pädagogischen Prinzipien, zu einem weltweit bekannten und geschätzten Spielzeug werden kann. Von den Anfängen bei den Brüdern Lilienthal über die erfolgreiche Vermarktung durch Friedrich Richter bis zur Wiederbelebung in den 1990er Jahren haben die Anker-Steinbaukästen Generationen von Kindern und Erwachsenen begeistert und inspiriert.
| Ereignis | Jahr |
|---|---|
| Friedrich Fröbel entwickelt das erste systematische Bauspiel für Kinder | 1838 |
| Die Brüder Lilienthal entwickeln eine Rezeptur zur Herstellung von Mineralbausteinen | 1875 |
| Friedrich Richter errichtet eine Fabrik zur Produktion von Anker-Steinbaukästen | 1880 |
| Richter bringt die ersten Serien mit vier verschiedenen Steinbaukästen auf den Markt | 1884 |
| Richter stirbt | 1910 |
| Beschluss der DDR-Führung zur Einstellung der Produktion | 1963 |
| Gründung des internationalen Clubs der Ankerfreunde | 1979 |
| Wiederaufnahme der Produktion unter Georg Plenge | 1995 |
| Übernahme durch Gerhard Gollnest & Fritz-Rüdiger Kiesel | 2009 |
| Übernahme durch die Arbeiterwohlfahrt Rudolstadt | 2017 |
Ein Gebäude, das mit Anker-Steinbaukästen gebaut wurde
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