In Husum geht eine Ära zu Ende: Nach 70 Jahren im Familienbesitz gibt Wolfgang Grunewald seinen Salon in andere, jüngere Hände. Nach 52 Jahren als Friseur greift Friseurmeister Wolfgang Grunewald (68) ein letztes Mal zur Schere.
„Heute ist noch einmal volles Programm“, sagt er. Die ersten 35 Jahre hat sein Vater Fritz Grunewald den Salon geführt. Die letzten 35 Jahre war Wolfgang Grunewald in zweiter Generation der Chef.
„Ich höre auf, weil ich sehe, dass mein Geschäft bestehen bleibt“, sagt er. Grunewalds Mitarbeiterin Cornelia Schmidt (32) wird den Salon weiter betreiben. Heute ist der letzte Tag. Danach lässt Cornelia Schmidt den Salon modernisieren. Am 2. August will sie ihn wieder eröffnen. Wolfgang Grunewald bietet die in die Jahre gekommene Einrichtung zum Verkauf an.
Wolfgang Grunewald hat auch schon hohe Politiker bedient. Als junger Friseur arbeitete er zweieinhalb Jahre in Bonn/Bad Godesberg, dem damaligen Regierungssitz. Er schnitt sogar dem damaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden Rainer Barzel, der zu Willy Brandts Zeiten Bundeskanzler werden wollte, die Haare. „Es war eine sehr interessante Arbeit.
Friseur war nicht gerade sein Traumberuf. Er habe sich eher verpflichtet gefühlt, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, gibt er heute zu. Als am Ende der Realschulzeit sein damaliger Rektor erfuhr, dass Grunewald dennoch den Beruf ergreifen will, fragte der nur ungläubig: „Sie und Friseur?“
„Für Journalismus wäre ich auch nicht abgeneigt gewesen. Auch als Sport- und Deutschlehrer hätte ich gern gearbeitet. Es hat sich aber anders entwickelt, darüber bin ich nicht böse“, blickt er zurück. Lange Jahre war er Pressewart der Friseurinnung Nienburg. Der Journalismus ließ ihn aber nicht los.
Dass Wolfgang Grunewald etwas von seinem Fach versteht, bewies er in seiner Lehrprüfung, die er mit gut und sehr gut hinlegte und in seiner Meisterprüfung 1972: Er bestand sie mit Auszeichnung. Was er an seinem Beruf liebt?
Vor 50 Jahren ging es mit zwölf Quadratmeter Raum, Kamm und Schere und nur für Herren los. Fritz Grunewald eröffnete 1946 seinen Friseursalon an der Hauptstraße in Husum. Der gebürtige Magdeburger war gerade erst 30, als er nach dem Zweiten Weltkrieg nur mit einem Koffer auf dem Rad in Husum gelandet war. Der Ort gefiel ihm, und so entschloss er sich, dort das Geschäft zu eröffnen.
„Die Kunden kamen oft erst nach 18 Uhr in unser Geschäft, wenn sie die Feldarbeit beendet hatten“, erinnerte sich Fritz Grunewalds Frau Marta beim 50-jährigen Jubiläum vor 20 Jahren. 1951 zog der Salon in eine umgebaute Scheune gegenüber der Husumer Kirche um. Mit drei Bedienungsplätzen für Damen und zwei für Herren startete dort der Damenund Herrensalon.
1958 machte Fritz Grunewald seine Meisterprüfung. Damals mussten die angehenden Meister sogar noch Perücken knüpfen. Eine Dauerwelle war damals noch eine heiße Sache: Metallwickler wurden erhitzt und kamen auf den Kopf.
1960 baute Fritz Grunewald das Haus mit dem heutigen Friseursalon an der Rehburger Straße 9 in Husum. Dort begann Wolfgang Grunewald 1965 seine dreijährige Friseurlehre.
1980 übernahm er das Geschäft seines Vaters. Er starb 1988, seine Mutter 2007 im Alter von 93 Jahren.
Wolfgang Grunewald freut sich, nun endlich mehr Zeit für seine zweieinhalb Jahre alten Enkel in Neustadt zu haben. Und dann müssen noch Haus und Garten in Schuss gehalten werden. Wolfgang Grunewald fährt auch gern Rad. Einmal im Jahr macht er eine große Tour. Seit 18 Jahren, und immer mit denselben Freunden. Mal ging es an den Rhein, mal an die Nordsee und Ostsee.
Überhaupt hat er sich mit Sport fit gehalten. Jahrelang spielte er Tennis und Tischtennis und war aktiver Schütze im Schützenverein Husum. Schon dreimal war er Schützenkönig. Seine Frau Ulla (62) arbeitet weiterhin als Lehrerin.
Es ist 16 Uhr 30 und heute ist der heilige Abend des Jahres 1969. Anno 1969Feierabend ! Acht Monate bin ich nun schon in der Ausbildung zum Friseur.
Es war relativ leicht, diese Lehrstelle zu bekommen. Friseur will ohnehin keiner mehr werden. Meine Freunde sind alle in der Fabrik und wollen direkt richtig Geld verdienen, für ein Mofa und solche Sachen. Die lachen über mich weil ich eine Lehre mache.Ist ja schon traurig wenn man sieht, was ich in der Friseurlehre verdiene. 50,- Mark ( entspricht 25,- €uro) im Monat, das reicht gerade für ein paar Süßigkeiten, Kinobesuch und meine Monatskarte. Und das bei einer 48 Stunden Woche... Wenn ich jetzt noch eine Freundin hätte.... aber Monika hat ja Schluss gemacht. Kurz nachdem mir mein Chef ein paar Ohrfeigen verpasst hatte ,als sie mich im Sommer am Salon abholte. „Weibergeschichten gibt es nicht während der Lehrzeit !!!“ hat der Chef gebrüllt und mir einige verpasst. Na ja, schließlich hat er ja auch einen guten Ruf zu verlieren hier als Top Friseur dieser Stadt.
Puhh, wie komme ich denn jetzt nach Hause? Es ist Hl. Abend und es fährt kein Bus mehr. 14 km bis nach Hause laufen? Reicht doch schon ,wenn ich jeden Tag die Strecke mit dem Bus fahren muß...! Taxi? Unbezahlbar! Also trampen, per Anhalter wie es so schön heißt. Wie so oft des Abends wenn es im Salon später geworden war, der letzte Bus fuhr schließlich um 19:20 Uhr!
War ja ganz schön hektisch diese Vorweihnachtszeit. Ob das jedes Jahr so ist? Wir fingen diesen Dezember jeden Morgen um 8 Uhr an zu arbeiten. So viele Dauerwellen. Ich hab jetzt noch blutige Hände von der aufgeplatzten Haut. Kaum ein Abend wo ich mal pünktlich um 18:30 Uhr Feierabend hatte, von wegen 48 Stunden-Woche!
Und die letzten Tage erstmal! Im Herrensalon waren von Morgens bis abends alle Wartestühle voll belegt, immerhin 5 Stück! Mein Chef hat diese Woche extra 3 Friseurinnen mehr eingestellt, die arbeiten sonst nur zum Wochenende. Maria und Theresia mussten die ganzen Tage nur kämmen. (Alle Dauerwellkundinnen haben ja einmal kämmen gratis) - dann kommen noch die ganzen Kundinnen hinzu ,die ohnehin jeden Tag zum kämmen kommen! Abgesehen vonden ganzen Wasserwellen...
Aber eine schöne Stimmung war das heute. Alle waren schon so richtig in Vorfreude aufs Weihnachtsfest. Die Frauen redeten alle davon, was es tolles zum Essen gibt: bei éinigen gibt es sogar einen richtigen Braten! Frau Obermayer hatte sogar einen Rehrücken gekauft. Na ja, lieber Kochrezepte wie das Getratsche im Sommer. Was haben die sich alle aufgeregt, das dieser Showmaster Lou van Burg eine Freundin hatte. Zur Strafe durfte er ja dann auch keine Fernsehsendung mehr moderieren.
Die Kunden waren alle nett. Richtig gutes Trinkgeld hatte ich. Unser Chef hat wie immer alle Leute mit Handschlag verabschiedet und sich für die Treue im letzten Jahr bedankt. Manchmal finde ich das richtig albern: guten Tag Herr Doktor, auf Wiedersehen Frau Doktor. Aber er sagt: diese Leute sind wenigstens ‚was’ und die bringen uns das Geld. Und die sollen zu uns kommen und nicht zu dem Friseur gehen, der neulich im Kaufhaus aufgemacht hat. Essanelle oder so, der Chef von denen plant noch mehr Läden, die wollen sogar Montags aufmachen!
Gestern hatten wir sogar einen Arbeitslosen im Laden! Der ist nun schon 4 Wochen ohne Arbeit, eine Schande ist das hat mein Chef gesagt, der soll sich was schämen. Aber wenigstens ist er zum Friseur gegangen, freiwillig! Nicht so wie der Herr Grunewald, den hatte ja sein Chef geschickt und ihm gesagt das er noch vor Weihnachten zum Frisur muss. Als Erwachsener sollte er eigentlich wissen das man alle 3-4 Wochen zum Friseur geht!
Aber was mein Chef mit meinen Freunden macht find ich auch blöd! Die wollen jetzt alle längere Haare haben, so wie die Beatles. Meine Freunde kommen und wollen nur die Spitzen abgeschnitten haben. Und was macht mein Chef? Er nimmt die Schere - und ab! Alles! Er hat im Aufenthaltsraum etwas aus einer Fachzeitung aufgehängt, darauf steht: "Wir stehen augenblicklich der modischen Torheit der Beatlesfrisur gegenüber. Sicher taucht eines Tages auch bei Ihnen ein ungepflegter, langhaariger Kunde auf, der den Wunsch äußert, nur so eben aus den Augen sehen zu können. Hier können Sie aus der Not eine Tugend machen : Aus dem gleichen natürlichen Fall der Haare gestalten Sie, unter gutem Zureden - es wird nötig sein - eine Modefrisur mit sauberer , eleganter Note. Aus dem Halbstarkentyp entsteht ein anerkennenswerter , junger Mann !"
Nee, meine Freunde kommen alle schon nicht mehr zum Friseur, nur wenn sie müssen. Viele haben auch zu Hause Krach deswegen. Meine Freunde sagen: mit ihren Kindern werden sie das einmal ganz anders machen! Hoppla, da hält ja ein Auto das mich mitnimmt. Wird Zeit das ich nach Hause komme, ist ja schließlich Weihnachten!
Hat viel Erfahrung in ihrem Handwerk: Monika Freese (73) schneidet Stammkunde Niklas die Haare. Die Aufgaben von Friseuren oder Barbieren waren über Jahrhunderte vielfältig. Nicht selten haben die Mitglieder der Zunft auch Wunden versorgt oder Zähne gezogen. Erst im Lauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Berufsstand der Friseure und erst 1889 wurde der Bund deutscher Barbier-, Friseur und Perückenmacher-Innungen gegründet.
Nur wenig später beginnt die Geschichte des kleinen Friseursalons an der Fechnerstraße 8 in Wilmersdorf, dessen Geschichte dank der Familie und langjähriger Mitarbeiter gut dokumentiert ist. Hermann Wrampe, der Gründer des „Frisiersalons Angelika“, beginnt im Mai 1897 als 15-Jähriger mit seiner Lehre, die er nach zwei Jahren im Oktober 1899 erfolgreich abschließt.
Wrampe tut, was viele Gesellen seiner Zeit machen, er reist durch Deutschland und sogar durch Frankreich und England, um sich von Meistern seiner Zunft inspirieren zu lassen. Wrampe überlebt, kehrt nach Berlin zurück und startet ein zweites Mal durch. 1919 lässt er seinen Betrieb an der Ecke Gasteiner und Lauenburger Straße ordentlich beim Magistrat der Stadt Berlin registrieren.
Der junge Geschäftsmann heiratet, 1923 kommt Tochter Vera zur Welt. Da die Familie auch im Haus Fechnerstraße 8 lebt, wächst die kleine Vera schon früh in das Handwerk ihrer Eltern hinein. Vom Zweiten Weltkrieg bleibt aber weder das Viertel rund um die Fechnerstraße, noch die Familie Wrampe verschont. In ihren Erinnerungen berichtet Vera Wrampe: „Im Krieg wurde das Haus Ende Januar 1944 durch den Luftdruck der Mienen so zerstört, dass unsere Familie nach Zehlendorf ausquartiert wurde. Während mein Vater tagsüber notdürftige Reparaturen im Laden und in der Wohnung vornahm und ich in Schöneberg in einem Rüstungsbetrieb arbeitete, kam meine Mutter in der Zehlendorfer Wohnung im Mai 1944 bei einem Tagesangriff durch Bomben ums Leben.“
Zwar eröffnet der Vater den notdürftig reparierten Salon nach Kriegsende gemeinsam mit einem Kollegen wieder, doch auch Hermann Wrampe stirbt bereits im November 1947. Während ihrer Ausbildung im Salon „Bruno Schmidt“ lernt die junge Frau ihren künftigen Mann Georg Christ kennen, der als Gehilfe im Herren-Bereich des Salons arbeitet. Nach der Verlobung mit Vera Wrampe bereitet er sich auch auf das „Damen-Fach vor und belegt im „Friseurverein 1884“ entsprechende Kurse. „Oft habe ich ihm bei Veranstaltungen für Schaufrisieren Modell gesessen“, erinnert sich Vera Wrampe.
1952 heiratet sie Georg Christ, der nach der Kündigung des Pächters dann den Friseursalon der Familie Wrampe übernimmt. Das Geschäft läuft dank des Fleißes und der neuen Ideen der Christs gut an, auch wenn das Gebäude erst 1960 wieder vollständig renoviert wurde.
Viele Mitarbeiter und Auszubildende arbeiten in den folgenden Jahren im Salon an der Fechnerstraße. 1956 beginnen Renate Schwarck, 1960 Monika Freese als Lehrlinge ihre Ausbildung bei Georg Christ. Beide schwärmen noch heute vom guten Betriebsklima, das bei Meister Christ geherrscht habe. Als Christ das Geschäft 1975 nämlich aus gesundheitlichen Gründen aufgeben muss, überträgt er es an seine beiden langjährigen Mitarbeiterinnen, die es bis heute unter dem Namen „Schwarck & Freese“ weiterführen.
„Das Geschäft hat sich in den Jahren sehr verändert“, sagt Monika Freese, die trotz ihrer 73 Jahre immer noch fast täglich im Laden steht oder Hausbesuche bei Senioren im Kiez macht. Einen Raum im etwa 100 Quadratmeter großen Laden haben die beiden Friseurinnen inzwischen an freie Kosmetikerinnen und Fußpflegerinnen untervermietet.
Freese bedauert, dass es aber immer weniger Stammkunden gibt. „Früher sind viele Frauen einmal in der Woche zu uns gekommen, um sich frisieren zu lassen. Da wurde geschwatzt und erzählt, was in der Nachbarschaft so los ist. Heute gibt es mehr Konkurrenz und man kann vieles, wie zum Beispiel Haare färben, föhnen oder legen zu Hause selber machen“, analysiert Monika Freese. „Es kommen aber auch immer wieder junge Leute zu uns und viele kommen dann doch auch öfter“, sagt sie und schnibbelt beherzt durch den dichten lockigen Schopf von Niklas. Auch er ist inzwischen ein Stammkunde, der seinen Kopf gern Monika Freese überlässt.
„Donnerwetter - tadellos!", bewundert ein Soldat den gezwirbelten Schnurrbart des Flügeladjutanten. An einem Sommernachmittag des Jahres 1901 tritt dieser frisch frisiert und mit Pomade gefettet vor die Tür des Salons François Haby in Berlin. Das militärisch-zackige Lob seines Untergebenen heimst der Adjutant schmunzelnd ein.
Den Zeitgeist zu erfassen und daraus Kapital zu schlagen, war die Spezialität des 1880 aus Königsberg nach Berlin zugewanderten Hugenotten François Haby. Haby, den man heute einen Promi- oder Modefriseur nennen würde, machte sich in der Kaiserzeit mit professioneller Eigenwerbung weit über Berlin und Deutschland hinaus bekannt. Als Coiffeur war er stilbildend und als Mensch mit einer gehörigen Portion Mutterwitz ausgestattet.
Dieses berlinernde Original, von dem man sich rasieren ließ, um den neuesten Klatsch zu erfahren, sprühte vor Ideen. Furore machte er mit seiner Rasiercreme "Wach auf", - dem "Gipfel der Reinlichkeit" - und seinem Damenshampoo "Ich kann so nett sein". Indem er den "Kaiser-Wilhelm-Aufsteiger" international als letzten Schrei der Bartmode verbreitete, schrieb sich Haby in die Geschichte ein. Den Halt des hochgezwirbelten Bartes gewährleistete seine eigens dafür hergestellte Schnurrbartwichse und die dazugehörige Bartbinde "Es ist erreicht".
Auf den "Fabrikanten feinster Parfümerien und kosmetischer Präparate", wie sich Haby anpries, wurde um 1890 auch Wilhelm II. aufmerksam. Er wollte seinerseits Nutzen aus dem geschäftstüchtigen Mann ziehen, durch dessen Werbung des Kaisers Bart zum Markenzeichen einer ganzen Nation geworden war: "Herr Haby, der Hoffriseur, mußte jeden Morgen 7 Uhr im Schloß erscheinen, er hatte den Hohen Herrn auf allen seinen Staatsbesuchen zu begleiten, um dem Bart die künstlerische Form zu verleihen", heißt es in einem zeitgenössischen Bericht.
Haby verdankt die Stadt Berlin manche amüsante Geschichte. Vieles wäre vielleicht verloren gegangen, wenn Heinrich Mann dem kaiserlichen Zwirbelbart in seinem "Untertan" kein literarisches Denkmal gesetzt hätte. An den umtriebigen Friseur und seine Kreationen aber erinnert noch etwas anderes: Zwei Frisierplätze seines ehemaligen Salons in der Mittelstraße sind erhalten. Dieses künstlerisch hochwertige Interieur, das Henry van de Velde 1901 entwarf, steht sehr viel weniger im Rampenlicht, als es verdient.
Nur ganz wenige wissen, dass in den edlen Mahagoni-Sesseln die Berliner Prominenz miteinander schwatzte und sich nach Art des Kaisers frisieren ließ. Indem Haby einen bereits anerkannten Jugendstilkünstler beauftragte, seinen Laden auszustatten, bewies er abermals Geschäftsinstinkt. Dem Friseur trug das sogar die Beachtung der Kunstkritiker ein, so dass man über Haby bald nicht nur in den Gesellschaftsgazetten Berlins, sondern auch in renommierten Fachzeitschriften wie "Die Kunst" lesen konnte: "Herr François Haby hat den klugen Einfall gehabt, seinen Friseurladen zu einer ,Sehenswürdigkeit der Residenz' zu machen (...)
Für jemanden, der jahrelang schaudernd die furchtbaren Barbierstuben mit ihrer Wartesaalatmosphäre erlebt hat, ist es ein ganz eigenes, behagliches Luxusgefühl, zu sehen, wie hier aus den an sich unästhetischen Bedürfnissen eine ästhetische Stimmung hervorgebracht ist. Zur Einrichtung gehörten insgesamt zwölf Herren- und sieben Damenfrisierplätze. Alle Holzteile waren mit rötlich-dunklem Mahagoni furniert, die Waschbecken aus grünem Marmor, ein gemalter Wandfries in violetten Farbtönen gehalten. Alle technischen Einrichtungen, die Röhren und Schläuche der Wasser- und Gasleitungen blieben unverkleidet und zeichnen in ihrer Linienfüh-rung die Umrisse des Mobiliars nach. Ornamental wirken auch die Kleiderhaken neben dem Spiegel, die Griffe der Schubladen, und sogar die Färbeschalen und Brennscheren sind in den einheitlichen Schwung des Interieurs einbezogen.
Was uns heute als ein geschmeidig-elegantes Fließen der Leitungen vorkommt, bewertete ein Kunde des Salons, Max Liebermann, in seiner eigenen Art. Ihm gefiel das nackte Metall nicht. Schließlich trüge auch niemand seine Gedärme als Uhrkette, gab er abschätzig zu bedenken. Die Ausstattung erwies sich als praktisch und solide. Bis in die 1940er Jahre hinein tat sie ihren Dienst. Im Krieg wurde leider die Hälfte zerstört, aber man arbeitete mit dem verbliebenen Rest, bis der Gebäudeteil, in dem der Hoffrisiersalon untergebracht war, 1964 abgerissen wurde.
Heute kann sich die Stadt Berlin glücklich schätzen, dass der Privatsammler Jörg Maiwald zu DDR-Zeiten wenigstens zwei Frisierplätze, die zu den Henry-van-de-Velde-Klassikern gehören, über die Zeit rettete. Dieses Interieur ist ein Denkmal, um das sich ungewöhnlich viele Geschichten ranken. Normalerweise fallen Frisierläden schnell der Erneuerungslust oder dem Renovierungsdruck zum Opfer, weil sich Geschäftsleute nun einmal am Markt orientieren. Über das Frisierhandwerk und die wechselnden Frisurenmoden gibt es viel zu lesen, aber wenig darüber, wo Barbiere, Perückenmacher und Friseure ihrer Kunst nachgingen.
Aufgrund von Grä-berfunden wissen wir, dass die Ägypter schon 4000 v. Chr. ihre Haare mit Messern, Haarnadeln und Kämmen pflegten und ab zirka 3000 Perücken trugen und ihre Haare färbten. Damals führten die Friseure keine eigenen Geschäfte, sondern sie suchten sich ihre Kunden auf der Straße oder machten Hausbesuche. Wer es sich leisten konnte, ließ sie als Dienstpersonal im Haus wohnen. Bei Grabungen im Tempel der Königin Hatschepsut fand man Reste eines Hoffriseur-Salons mit Arbeitsmitteln wie künstlichen Bärten, die damals übrigens auch Frauen trugen. Der Friseur als Hofbeamter gehörte zu den angesehenen Berufsständen.
In Jost Ammans Ständebuch von 1568 ist eine der seltenen Abbildungen einer Barbierstube der frühen Neuzeit zu finden. In dem großen Fenster flattert eine Aderlassbinde. Die Einrichtung ist äußerst luxuriös, aber übersichtlich. Ein vornehm gekleideter Barbier schneidet einem Kunden im eleganten Armlehnsessel die Haare. Im Hintergrund kniet ein zweiter Mann auf einem "Zwagh-Stuhl". Der Treppensitz erleichtert auf genial einfache Weise das Haarewaschen. An einer Stange über dem Becken hängt ein gelochter Topf als Spender für Lauge. Hans Sachs versah diesen Holzschnitt mit Versen:
"Ich bin beruffen allenthalbn/Kann machen viel heilsamer Salbn/Frisch wunden zu heiln mit Gnaden /Dergleich Beinbruech und und alte Schaden/Franzosen heyln/den Staren stechn/Den Brandt leschen und Zeen außbrechn/Dergleich Balbiern/Zwagen und Schern/Auch Aderlassen thu ich gern."
Und damit übertrieb Sachs nicht. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert lag die komplette Körperpflege und wundärztliche Versorgung in den Händen von Badern und Barbieren. Seit dem 14. Jahrhundert bildeten die Bader - so genannt, weil sie meist eine öffentliche Badestube betrieben - eine Zunft. Ihre Ausbildung dauerte zwei bis vier Jahre. Bis 1843, bevor seine Befugnisse in Deutschland beschnitten wurden, war der Bader gleichzeitig Friseur, Arzt und Masseur, er zog Zähne, schröpfte, setzte Klistiere und behandelte Verletzungen, Stich-, Hieb- und Schusswunden, Brüche, Verrenkungen, Hautlei-den und Geschwüre. Der Bader amputierte, und er obduzierte.
Im 19. Jahrhundert trennten sich die Wege: Aus dem Bader erwuchs der Heilgehilfe, aus dem Barbier der Herrenfriseur mit eigener Innung. Salons waren noch nicht verbreitet, denn viele gingen ins Haus ihrer Kunden. Jahrhundert auch mit den Frisuren, dokumentiert an einer Porzellanplastik der Höchster Manufaktur. Das Friseur- und Perückenmacherhandwerk begann wie so vieles andere mit dem französischen Sonnenkönig zu blühen. Ludwig XIV. machte die arbeitsintensive Allongeperücke erst hof- und dann gesellschaftsfähig.
Im Spätbarock war der Friseur ein angesehener Mann, der den Degen tragen durfte und oft zu den engsten Vertrauten der Herrschenden zählte. In seiner Werkstatt - auf Kupferstichen gibt es schöne Abbildungen dieser Interieurs - fertigte der Perückenmacher aus echten Haaren den Kopfschmuck an. In Paris steigerte man den Pomp derart, dass die Damen und Herren mit ihren abenteuerlichen Hochfrisuren kaum noch eine Kutsche besteigen konnten.
Mit dem Sturm der Französischen Revolution wurden diese Kunstwerke - um Draht geflochtene Türme, Grotten, Gemüsegärten und Springbrunnen - jäh und unwiederbringlich hinweggefegt. In der Zeit des Umbruchs trugen die Männer Zottelhaar, und ihre Bärte wuchsen wild. Die Glanzzeit der französischen Coiffeure war erst einmal vorüber, ehe dann im 20. Jahrhundert nach den Moden wechselnde Frisiersalons mit ihren Dauerwellen und Systemform-Haarschnitten für jeder-mann die Republik eroberten.
Salons im kunstvollen Design werden wohl auch weiterhin zum Bild unserer Prachtstraßen gehören, denn das Thema Schönheit ist unsterblich. Dr. Christiane Schillig Van de Veldes Frisiersalon ist zur Zeit leider nicht zu sehen und befindet sich im Depot der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Ehemals wurde ein Teil des Jugendstilinterieurs im Friseurmuseum Alt-Marzahn an Berlins Stadtrand gezeigt, das aber geschlossen werden musste.
Die Sammlung zum Friseurhandwerk umfasst rund 6.000 Objekte. Besonders eindrucksvoll sind zwei Frisierplätze aus dem Salon des Hoffriseurs Haby, die der Jugendstilkünstler Henry van de Velde entworfen hat. Zum Bestand gehören auch antike Toilettengegenstände und medizinische Geräte aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Ebenso vertreten sind Objekte aus Apothekerwesen, Perückenmacherhandwerk, Maskenbildnerei und Schönheitspflege.
1995 erhielt das Stadtmuseum Berlin die Sammlung des 1987 entstandenen Friseurmuseums. Das private Ost-Berliner Friseurhandwerk hatte sie unter der Schirmherrschaft der Einkaufs- und Liefergenossenschaften aufgebaut. Der 1991 gegründete Museumsverein des Berliner Friseurhandwerks setzte diese Arbeit bis zur Gründung des Stadtmuseums Berlin fort.
tags: #Grunewald #Friseur #Geschichte
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