Grafschaft Glatz: Eine historische Reise durch Schlesien

Die Grafschaft Glatz ist eine historische deutsche Grafschaft, die eine geschlossene landschaftliche und historische Einheit bildet. Sie liegt im Südwesten Schlesiens und wird im Westen von Böhmen und im Osten von Mähren begrenzt.

Lage der Grafschaft Glatz im heutigen Polen.

Frühe Geschichte und Zugehörigkeit zu Böhmen

Glatz an der Neiße in Schlesien ist als Burg und Grenzfestung Böhmens an der Grenze zu Polen erstmals 981 als Cladsko bezeugt. Nach dem böhmischen Chronisten Cosmas von Prag (ca. 1045‒1125) besaß bereits Herzog Slavnik (gest. 981) die Burg Glatz. Die Burg Glatz schützte den „Böhmenweg“, eine alte Handelsstraße, die von Prag nach Breslau führte. Am Fuße der Burg entstand eine Ansiedlung, die schon 1114 in einer Urkunde als urbs, als Stadt, bezeichnet wurde.

Die Stadt Glatz war Mittelpunkt des Grafschaft Glatzer Landes, das seit dem Glatzer Frieden 1137 bis zur Übernahme Preußens 1742 zu Böhmen gehörte, nach der Niederlage Ottokars von Böhmen 1278 ab längere Zeit böhmisches Lehen schlesischer Fürsten wurde.

Unter Ottokar von Böhmen wurde die Grafschaft im 13. Jahrhundert von deutschen Adeligen und Bauern besiedelt. Ausgehend von Glatz bekamen auch die angrenzenden Gebiete Böhmens - Trautenau und Braunau - das Magdeburger Recht. Im Jahre 1223 findet man erstmals die deutsche Namensform Glatz.

Nach der Niederlage des böhmischen Königs Ottokar II. Přemysl (um 1232-1278) 1278 verlieh der römisch-deutsche König Rudolf von Habsburg (1218−1291) das Glatzer Land an den Breslauer Herzog Heinrich IV. (um 1256-1290). Nach dessen Tod kam es an die böhmische Krone zurück und wurde 1348 von Kaiser Karl IV. dem Reich einverleibt.

Im 14. Jahrhundert wurde das vom Prager (Erz-)Bischof abhängige Kirchensystem ausgebaut. Die Patronatsrechte lagen weitgehend beim Adel oder beim König. Seit 1169 ließen sich die Johanniter in Glatz nieder, die die Pfarrechte erhielten; seit 1240 erfolgte die Niederlassung der Minoriten in der Stadt.

1349 gründete der Prager Erzbischof Arnestus von Pardubitz (um 1300-1364) ein Augustiner-Chorherrenstift mit einem Scriptorium und einer Lateinschule. 1475 wurde durch die Podiebrad-Familie ein Franziskanerkloster in Glatz errichtet.

Die Hussitenkriege führten zu einer stärkeren Verbindung mit dem benachbarten schlesischen Herzogtum Münsterberg/Ziębice, dessen Herzog Johann (Regierungszeit 1410−1428) im Kampf gegen die Hussiten 1428 vor den Toren von Glatz, das nicht eingenommen wurde, fiel. Kaiser Sigismund (1368-1437) verpfändete 1431 das Glatzer Land sowie Frankenstein/Ząbkowice Śląskie an den böhmischen Magnaten Puotha von Czastolowitz (gest. 1434), der sich - 1422 als königlicher Landeshauptmann eingesetzt - bei der Verteidigung von Glatz hervorgetan hatte.

Erhebung zur Grafschaft

Durch Verkauf kam das Glatzer Land an König Georg von Podiebrad (1420-1471), der es am 24. Juni 1459 zur Grafschaft erhob, was im Jahre 1462 durch Kaiser Friedrich III. (1415-1493) bestätigt wurde, der gleichzeitig die Söhne Georgs zu Grafen von Glatz und Herzögen von Münsterberg ernannte. Im gleichen Jahre wird Heinrich von Kunstadt und Podiebrad, Sohn von Georg, vom Kaiser zum Reichsgrafen von Glatz ernannt.

Wappen der Grafschaft Glatz.

Das Wappen der Grafschaft Glatz von 1459, das von dem Wappen der böhmischen Podiebrad-Familie abgeleitet ist, zeigt einen Schild mit drei diagonal verlaufenden roten Streifen. Nach der Annexion der Grafschaft durch Preußen wurde es in das preußische Gesamtwappen aufgenommen.

Die Podiebrads verkauften 1501 die Grafschaft an den Grafen Ulrich von Hardeck (gest. 1525).

Reformation und Gegenreformation

Die Reformation Martin Luthers faßte auch in der Grafschaft schnell Fuß. Ab 1530 waren mit den Täufern in Habelschwerdt und den Schwenckfeldern in Glatz sowie in einigen Dörfern reformatorische Bewegungen aktiv. Seit den 1560er Jahren setzte sich die lutherische Lehre durch.

Nach wechselnden Pfandschaften unter der Oberherrschaft der seit 1526 als Könige von Böhmen regierenden Habsburger (von 1549 bis 1560 Pfandherr Ernst von Bayern) lösten sich 1567 die Grafschafter Stände aus der Pfandschaft aus.

Der 30jährige Krieg und die Unterstützung des "Winterkönigs" Friedrich von der Pfalz durch die Grafschafter hatte für die Grafschaft schwerwiegende Folgen. Auch nach der Niederlage Friedrichs von der Pfalz in der Schlacht am Weißen Berg am 08.11.1620 hielten die Glatzer Adeligen noch 2 Jahre zu dem Winterkönig, was letztlich zum Entzug aller Rechte und Privilegien der Adeligen, Bürger, Städte usw. durch Kaiser Ferdinand II. führte.

Kaiser Ferdinand II. setzte die Gegenreformation in der Grafschaft Glatz vollständig und teilweise mit großer Härte durch. Das hatte zu Folge, daß die Angehörigen des Adels entweder außer Landes gingen oder konvertierten. Nach der Rebellion der Glatzer mit den böhmischen protestantischen Ständen gegen den böhmischen König Ferdinand II. (1578-1637) und der Niederlage von 1622 wurden die „rebellischen“ Grafschafter durch den Verlust von Lehen und vorübergehend ihrer Privilegien bestraft. Adelsgüter wurden an einen katholischen, den Habsburgern loyalen Adel vergeben und die lutherischen Prediger und Lehrer vertrieben.

Die Städte mussten in Zukunft für jedes Fass Bier einen halben Gulden „Rebellionssteuer“ entrichten.

Seit dem ausgehendem 17. Jahrhundert wurde die Bevölkerung unter dem Einfluss der reaktivierten Orden und des Adels durch den Barockkatholizismus für die katholische Kirche gewonnen, die fast ausschließlich das Kirchenleben bestimmte.

Unter preußischer Herrschaft

Nach den Schlesischen Kriegen kam die Grafschaft Glatz an Preußen; endgültig bestätigt durch den Hubertusburger Frieden 1763. Mit der preußischen Übernahme der Grafschaft Glatz im Jahre 1742, endgültig bestätigt durch den Hubertusburger Frieden im Jahre 1763, wurde das Gebiet der Grafschaft Glatz einer der neu gebildeten schlesischen Landkreise. Nach der in Preußen in den Jahren 1815-1820 durchgeführten Gebiets- oder Verwaltungsreform gehörte die Grafschaft Glatz zunächst zu dem neu gebildeten Regierungsbezirk Reichenbach, der aber schon nach kurzer Zeit am 01.05.1820 wieder aufgelöst wurde.

Im Zuge der preußischen Gebietsreform der Jahre 1815-1820 wurde der Kreis Glatz 1818 geteilt und der Kreis Habelschwerdt neu gebildet. Am 26.08.1854 wurde das verbliebene Gebiet des Landkreises Glatz erneut geteilt in die Landkreise Glatz und Neurode. Am 01.10.1932 wurde der Landkreis Neurode dann wieder aufgelöst und das Gebiet wieder mit dem Landkreis Glatz zusammengelegt.

Nach 1742 bildeten sich unter preußischer Herrschaft protestantische Gemeinden heraus.

Am 01. Oktober 1874 wurden in Preußen Standesamtsregister eingeführt.

20. Jahrhundert und Vertreibung

Nach dem Ersten Weltkrieg erhob die neu gegründete Tschechoslowakische Republik Ansprüche auf das Gebiet der Grafschaft Glatz, blieb aber nach heftigen Protesten der Einwohner erfolglos. Nach der Machtübernahme durch die NSDAP 1933 wurde das politische Leben ‚gleichgeschaltet‘. Vereinzelt leisteten Geistliche der Katholischen Kirche Widerstand gegen die NS-Herrschaft.

Nach dem 2. Weltkrieg kam die Grafschaft Glatz ebenso wie die anderen deutschen Ostgebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie aufgrund des Potsdamer Abkommens unter polnische Verwaltung. Die deutsche Bevölkerung wurde bis auf eine sehr kleine Minderheit vertrieben.

Nach der Vertreibung der deutschen Katholiken und Protestanten 1946 unterstellte August Kardinal Hlond (1881-1948) das Glatzer Dekanat unter die Befugnisse des Breslauer Erzbischofs, was 1972 durch Rom endgültig bestätigt wurde.

Die Solidarność-Bewegung der 1980er Jahre wurde im Glatzer Land unterstützt und zählte 1981 ca. 30.000 Mitglieder.

Bevölkerungsentwicklung

Die Bevölkerung der Grafschaft Glatz ist seit der Gegenreformation überwiegend katholisch.

Die Grafschaft Glatz gehörte bis 1972 zum Erzbistum Prag, seit 1972 zum Erzbistum Breslau.

Nach der Vertreibung der seit 1300 existierenden jüdischen Gemeinde im ausgehenden 15. Jahrhundert bildete sich seit 1820 erneut eine jüdische Gemeinde, deren ca. 225 Mitglieder (1857) beziehungsweise 300 Mitglieder (um 1900) sich über die Städte und Kurorte der Grafschaft verteilten.

Verwaltungsgeschichte

In slawischer Zeit unterstanden Verwaltung und Justiz (Zuda) dem Burggrafen von Glatz. Nach intensiver Besiedlung des Landes durch Kolonisten aus dem Westen und Schlesien wurde das Magdeburger Recht für die Städte im 14. und 15. Jahrhundert und das emphyteutische Recht für die Dorfbewohner eingeführt.

Die Grafschaft Glatz war in sechs Verwaltungsbezirke, sogenannte Distrikte, gegliedert: Glatz, Habelschwerdt (Bystrzyca Kłodzka) Landeck (Lądek-Zdrój), Hummel (tschech. Homole), Neurode (Nowa Ruda) und Wünschelburg (Radków).

Durch die preußische Neuordnung nach 1742 wurden die Stände abgeschafft. Der Adel behielt aber seine Privilegien. Die Zivilverwaltung („Policeywesen“) unterstand der Kriegs- und Domänenkammer in Breslau. Die Städte verloren weitgehend ihre Verwaltungshoheit. Die Verwaltung der Dörfer lag im Rahmen der Gutsherrschaft bei den Gutsherren. An der Spitze des Kreises Glatz stand der Landrat.

Nach 1818 wurde mit Habelschwerdt im Süden der Grafschaft ein weiterer Kreis eingerichtet, ein dritter 1850 mit Neurode im Nordwesten, der allerdings 1936 wieder aufgelöst wurde.

Kreise in der Grafschaft Glatz:

  • Kreis Glatz
  • Kreis Habelschwerdt (ab 1818)
  • Kreis Neurode (1850-1936)

Einen erschöpfenden Überblick über die katholischen Pfarreien in der Grafschaft Glatz bietet das Buch "Die Kirchenbücher der Grafschaft Glatz (Schlesien)" von Dr. Dieter Pohl.

Die evangelischen Kirchengemeinden der Grafschaft Glatz gehörten zum evangelischen Kirchenkreis Glatz, der auch einige Nachbargebiete der Grafschaft einschloß.

Das Landgericht mit Sitz in der Stadt Glatz unterstand dem Oberlandesgericht in Breslau.

Grafschaft Glatz ▪ Schlesien [Silesia] ▪ Silent Movie 1926

Wirtschaft und Kultur

Von herausgehobener Bedeutung sind die Holz- und Papier- sowie Textil- und Bekleidungsindustrie, die Gewinnung und Verarbeitung von Steinen und Erden, Kohle- und Erzabbau, Agrarwirtschaft, außerdem Bäder-Tourismus und Erholungstourismus allgemein.

Infolge der Kollektivierung nach dem Zweiten Weltkrieg stagnierte die Wirtschaft, aufgrund fehlender Investitionen verkam die Infrastruktur.

Besondere kulturelle Institutionen befanden sich vor allem in Glatz. Die ehemaligen Bibliotheken der Klöster (Jesuiten, Minoriten, Franziskaner) wurden nach der Säkularisation 1810 aufgelöst.

Im 19. und 20. Jahrhundert entstanden zahlreiche Stadt- und Pfarrbibliotheken.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts existierte ein bedeutendes Schlosstheater in Grafenort/Gorzanów unter zeitweiliger Leitung des Dichters Karl von Holtei (1798-1880). In den Bädern wurden saisonale Kurtheater betrieben.

Das Bildungswesen war weitgehend in Glatz konzentriert. In Habelschwerdt gab es ein Lehrerseminar, eine Oberschule, eine Höhere Mädchenschule sowie eine Kaufmännische und Gewerbliche Fortbildungsschule.

In der Grafschaft Glatz wurde ein reichhaltiger Lied- (z. B. Kirchenlieder, Bergmannslieder, Jagdlieder) und Sagenschatz gepflegt.

Aufgrund des Holzreichtums wurde in den Gebirgsdörfern die Blockhaus-Bauweise bevorzugt. Häufig findet man das Umgebindehaus, eine Mischung von Schrotholz- und Fachwerkbau. In den langgestreckten Waldhufendörfern wurden Viereckhöfe auch zu Verteidigungszwecken in der ungeschützten Dorfanlage errichtet.

Es finden sich zahlreiche Schlossbauten aus dem 17. bis zum 19. Jahrhundert.

Bedeutende Kunstwerke sind die Glatzer Madonna, ein Tafelbild von 1350, sowie Arbeiten der Prager Schule und des Barockmalers Karl Dankwart (gest. 1704).

Im 14./15. Jahrhundert entstand das Scriptorium im Augustiner-Chorherrenstift in Glatz.

Im 17. Jahrhundert war Glatz unter der Druckerfamilie Schubart und dem Verleger Andreas Frantz Pega (in Glatz nachgewiesen: 1682-1700) ein bedeutendes Verlagszentrum im Dienst der Gegenreformation in Schlesien.

Aus dem Klessetal in der südlichen Grafschaft Glatz stammt vermutlich der Dichter Dietrich von der Glesse (2. Hälfte des 13. Jahrhunderts), der die Versnovelle Der Borte verfasst hat.

Um 1600 entstand die Kasualdichtung der Späthumanisten. Bedeutendstes späthumanistisches Werk war die Glaciographia (Leipzig 1625) des Georg Aelurius (Georg Katschker, 1596-1627).

Als Vertreter der reichhaltigen schlesischen Barockdichtung aus der Grafschaft Glatz gilt Georg Gloger aus Habelschwerdt (1603-1631).

Aus Glatz stammte Friedrich Wilhelm Riemer (1774-1845), Autor und Sekretär Goethes.

Namhafte Autoren im 19./20. Jahrhundert aus der Grafschaft Glatz waren Hermann Stehr (1864-1940) und Joseph Wittig (1879-1949). Als Mundartdichter ist Robert Karger (1874-1946) zu nennen.

Moderne Autorinnen sind Monika Taubitz und die polnische Dichterin Olga Tokarczuk, die in den 1990er Jahren in der Nähe von Neurode lebte und dort ihren Roman Dom dzienny, dom nocny (1999) (dt. Taghaus, Nachthaus) verfasste.

Eine regionale Identität als Grafschafter bildete sich in deutlicher Abhebung von Schlesien heraus.

Im 19. Jahrhundert verfasste der katholische Geistliche Joseph Kögler (1765‒1817) Ortschroniken auf der Basis intensiver Quellenforschung.

Auf polnischer Seite werden seit 1948 historische Forschungen in der Zeitschrift Rocznik Ziemi Kłodzkiej (Jahrbuch des Glatzer Landes) publiziert; seit 1989 erscheint die Zeitschrift Ziemia Kłodzka.

Nach der politischen Wende gründete sich auf Initiative von Janusz Laska die Glatzer Bildungsgesellschaft (Kłodzkie Towarzystwo Oświatowe), die eine gemeinsame deutsch-polnische Forschung zur Geschichte des Glatzer Landes anregte.

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