Der Gasthof zur Post in Haar ist mehr als nur ein Ort für gepflegte Gastlichkeit. Er ist ein Spiegel der Geschichte, ein Zeuge vergangener Zeiten und ein lebendiger Treffpunkt für die Menschen der Region.
Sepp Maier bei einem Klassentreffen im Gasthof zur Post.
Die Salzgasse am Gasthof zur Post erinnert daran, dass dort an der Salzstraße von Reichenhall nach München einst Trubel herrschte wie heute an einer Autobahnraststätte. Die alte große Salzstraße gibt es mindestens seit dem Jahr 800, seit 1711 befuhren die Straße neben Fuhrwerken auch die Postkutschen von Thurn und Taxis mit Briefen, Personen und Gepäck. Daher wurde sie Chaussee mäßig ausgebaut und in Haar zur breiten Lindenallee.
Es gab noch keine Raser und keine Drängler mit Lichthupe. Doch Schilderungen bezeugen, dass es vor 150 oder 200 Jahren auf Fernstraßen auch wild zuging. Rücksichtslose Fuhrleute blockierten den Weg und hatten manchmal nur schadenfrohes Lachen übrig, wenn sie einen Städter in seiner schicken Kutsche in den Graben gedrängt hatten. Am Abend konnte es dann aber sein, dass sich alle im Wirtshaus in Haar wieder begegneten, wo auch die Postkutsche Halt machte.
Die Zustand der Salzstraße muss schlimm gewesen sein, so gibt es eine Überlieferung von Wolfgang Amadeus Mozart, der am 6. November 1780 durch Haar zur Uraufführung seiner Oper Idomeneo nach München fuhr. Die zahlreichen Schlaglöcher bekamen seinem Allerwertesten in der schlecht gefederten Kutsche offensichtlich nicht gut. In einem Brief an seinen Vater schrieb er: „Er war ganz schwielig und vermutlich feuerrot, zwei ganze Posten fuhr ich die Hände auf dem Polster gestützt und den Hintern in Lüften haltend.“
In Zorneding war zwar die Station für Pferde- und Postwechsel, aber auch rund um den Haarer Postwirt entstand viel Verkehr. Die „Königlich Bayerische General-, Bergwerks- und Salinenadministration“ ermahnte ihre Fuhrleute, sich „nicht auf den Wägen schlafend antreffen zu lassen.“ Passierte ein Unfall, dann hielten die Fuhrknechte zusammen, hatten nichts gesehen und gehört, gaben falsche Namen an und amüsierten sich, wenn die Postkutsche „voller Stadtfräcke mit einem Rad im Graben hing.“
Der Biergarten des Gasthofs zur Post lädt zum Verweilen ein.
Legendär wurde Franz Bibinger Mitte des 19. Jahrhunderts, der den Abriss der Nikolauskirche verhinderte und dessen Familie die Kirche als ihr Eigentum ansah und sogar bestimmte, wer dort beerdigt werden durfte. Vor allem aber brachte der "Haarer Franz", wie ihn alle nannten, seine Tafernwirtschaft nach 1860 zur Blüte, mit Tanzsaal, Fremdenzimmern und Stallungen für mehr als 60 Pferde.
Eine Bereicherung war die Salz- und Poststraße vor allem für den Wirt: Der „Alte Wirt“, Vorgänger der heutigen „Postwirtschaft“, hatte immer volles Haus. Wirt Franz Bibinger richtete am 29. Juli 1861 ein Gesuch zur Erweiterung als Tafernwirtschaft an das Landgericht: „Mein Anwesen liegt nur 100 Schritte seitwärts der seit undenklichen Zeiten so belebten Haupt-Fahrstraße von Salzburg nach München. Das ganze Jahr über passieren eine Menge Fuhrwerke Getreide, Holz, Kälber und dergleichen.“
Im Jahr 1908 hatte der „Alte Wirt“ 300 Übernachtungen, die heutige Salzgasse war damals keine Sackgasse, sondern führte direkt zum Hof der Wirtschaft, an der Nikolauskirche vorbei wieder zurück zur Salzstraße. Die Wagen standen in Kolonnen zum Gasthof an, sodass der Wirt von jedem Einkehrenden am Schlagbaum für sich und sein Pferd zwei Gulden verlangte. Egal, ob er viel oder wenig verzehrte, ob er auf dem in der Wirtsstube aufgehäuften Stroh schlafen musste oder im Federbett.
Der "Alte Wirt" wurde dann auch zum lebendigen Zentrum des Ortes, der nach der Eröffnung der Bahnstation im Jahr 1871 und vor allem auch der Heil- und Pflegeanstalten in Eglfing und in Haar im Jahr 1905 und 1912 einen Aufschwung erlebte.
Im Jahr 1928 kaufte der Bankier August von Finck das Gebäude und ersetzte es durch einen Neubau samt Saal, der vorübergehend zum gesellschaftlichen Zentrum wurde und der dem heutigen Gasthof Zur Post entspricht. Der Neubau damals war verbunden mit der Hoffnung, dass die ebenfalls neu errichtete Kirche St. Konrad gegenüber Gäste bringen würde. Man hoffte auf Wallfahrer, weil Reliquien des Bruders Konrad aus Altötting aufbewahrt werden sollten. Doch es kam anders und dazu gesellte sich die Wirtschaftskrise. Es folgten schwere Zeiten für die Haarer Wirte.
Der 1930 neu erbaute „Postwirt“, zwei Jahre zuvor war die „Goldgrube“ von Wirt Franz Bibinger, der „Alte Wirt“ an gleicher Stelle abgerissen worden. Stattdessen wurde die Haltestelle genau an die Ecke der Salzgasse verlegt. In den 1930er Jahren waren die Kutschen längst von der B 304 verschwunden, dafür fuhren viele Autos Richtung München. So entstand an der Salzgasse eine Tankstelle, noch heute stehen Teile von ihr: Das Glashaus, in dem schöne Leuchten präsentiert werden, sind Relikte der Tankstelle.
Nur die näherrückende Niederlage im Zweiten Weltkrieg verhinderte, dass die Wehrmacht den Gasthof für sich in Beschlag nahm und dieser zum Ausweichquartier für das Wehrmeldeamt München I wurde.
Nach dem Krieg folgte dann die Zäsur. Die Firma "Inselfilm" übernahm 1959 das Gebäude, in das Büros, Aufnahmehallen, Ateliers und ein Lager für Requisiten einzogen. Die Filmemacher hatten ihren Anteil daran, dass München den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele 1972 erhielt. Den 13-minütigen Imagefilm mit dem Titel "Munich - a city applies", der bei der Präsentation im Foro italico in Rom gezeigt wurde, hatte Inselfilm-Chef Norbert Handwerk in kurzer Zeit produziert.
Am 5. Mai 1945 unterzeichnete General Hermann Foertsch die bedingungslose Kapitulation der Heeresgruppe G. Als "Kapitulation von München-Haar" ist das Ereignis in Geschichtsbücher eingegangen. Die Amerikaner feierten im Gasthof zur Post. Ein Zeitzeuge hat Wiedemann auch erzählt, wie er am Fenster lauschte und neue Klänge vernahm. "Die haben anständig gefeiert", berichtet Wiedemann. Es lief Jazz-Musik und Swing, von Louis Armstrong und Glenn Miller. Der Krieg war definitiv vorbei.
Auch wenn Zweifel am Ort der Unterzeichnung bleiben: Zeitzeugen berichten, dass die deutschen und die US-amerikanischen Befehlshaber während der Verhandlungen in Haar waren. Sie wurden nicht im HJ-Heim gesehen, doch am gar nicht weit entfernten "Gasthof zur Post".
Martha H. stand an einem Nachmittag Anfang Mai 1945 als 25 Jahre alte Frau mit anderen Haarern vor dem Gasthof, weil sich viele Nachricht darüber erhofften, wann sie wieder in die von US-Soldaten belegten Häuser zurückkehren könnten. Ihre Familie habe im Rathaus campiert, erzählt die heute 95-Jährige, und berichtet, wie damals Generäle den Gasthof verlassen hätten.
Sie hat deutlich den niedergeschlagen wirkenden deutschen Befehlshaber vor Augen, der den Wartenden zugerufen habe: "Der Krieg ist aus!" Die Kunde von einer Kapitulation habe die Runde gemacht. Ein des Deutschen mächtiger US-Soldat habe das, soweit sie wisse, verbreitet. Als das Kriegsende schließlich besiegelt war, erlebten die Haarer, wie die GIs im "Gasthof zur Post" feierten.
1990 wurde es wieder Wirtshaus. Die jüngere Geschichte des Hauses beginnt mit der Entscheidung der Gemeinde, es zu kaufen und zu sanieren. Daneben entstand nach dem Abriss des Saals das moderne Bürgerhaus, und erst 2014 wurde mit dem Poststadel das Bildungszentrum der Gemeinde eröffnet.
Der Bau wurde stilistisch dem alten Stadel nachempfunden, in dem einst Kutschen und Pferde abgestellt wurden. Heute halten die Haarer das Areal um den Kirchenplatz mit Gasthof, Maibaum davor, Sankt-Konrad-Kirche, Poststadel und naher Nikolauskirche als ihr schmuckes Ortszentrum hoch. Hinter dem Gasthof ragt 60 Meter ein Büroturm in die Höhe. Das alte und das moderne Haar gehen Hand in Hand als eigenwillige Interpretation des Spruchs: Laptop und Lederhose.
Die nahe Verkehrsader, die den Gasthof begründet hat, die heutige B304, ist weit weg, wenn man im Biergarten sitzt, in dem die Gemeinde auch vorgeschrieben hat, dass an bestimmten Plätzen tatsächlich die Gäste ihr Essen mitbringen dürfen. Heute gehört der Gasthof vor allem den Haarern.
Ein Klassentreffen im Gasthof zur Post.
Die Gerüchte um den weltberühmten Torwart, Sepp Maier. Mit dem Radl soll er immer von Haar in das Städtische Stadion an der Grünwalder Straße, besser bekannt als das Sechziger-Stadion, gefahren sein. Da spielte er schon beim FC Bayern München. Der Mann, der 1972 Fußball-Europameister und 1974 Weltmeister wurde, ist in Haar aufgewachsen und zur Schule gegangen. Auf jeden Fall zu den regelmäßigen Klassentreffen, die alle fünf Jahre im Gasthof zur Post am Kirchenplatz stattfinden. Im Gasthof, gegenüber von ihrer alten Grundschule (wo sich heute das Maria Stadler Haus befindet), leben die Geister der Vergangenheit wieder auf.
Und da geht es dann nicht nur um Fußball. Die Lausbuben von Haar im Jahr 1957 erzählen von ihren Streichen, als wäre es erst gestern gewesen. Damals, in den 50er-Jahren, als es noch keine Smartphones und Computerspiele gab. Überhaupt war alles anders in dieser Zeit. Der Zug von Haar nach München fuhr nur drei Mal am Tag. Da musste sich Grundschullehrer Meisel beeilen, wenn er nach der Schule den Zug erwischen wollte - im Schlepptau seine Schüler, die ihm hinterherliefen, weil sie herauskriegen wollten, was für Noten sie denn bekommen würden.
Seine ersten Dribbelschritte machte Sepp Maier beim TSV Haar. Damals noch mit seinen Klassenkameraden. Dass er einmal Torwart das Jahrhunderts werden würde, hatte damals freilich keiner geahnt. Vor allem, weil Maier als Torjäger nicht gerade erpicht drauf war, selbst im Tor zu stehen. Und obwohl die Haarer Buam mit 9:1 gegen die Bayern verloren hatten, wurde der Jugendleiter des FC Bayern, Rudi Weiß, auf ihn aufmerksam. Im November 1958 wechselte Maier dann zu Bayern und seine großartige Karriere begann.
Parallelen zu damals drängen sich in der Corona-Krise des Jahres 2020 auf, wenngleich man davon an einem sonnigen Tag um die Mittagsstunde wenig spürt. Der Kellner deckt innen die Tische, draußen im wegen der Abstandsregelung nur 200 Plätze bietenden Biergarten laufen Vorbereitungen.
Dennoch sagt der erfahrene Gastronom auf die Frage nach der Zukunft gerade des traditionellen Gasthauses: "Es steht auf der Kippe." Er sehe für viele Wirte schwarz, sollte eine zweite Welle kommen. Die Innen-Gastronomie laufe schleppend. Ältere Gäste scheuten die Gefahr vor Ansteckung. Der Herbst werde zur Nagelprobe werden, prophezeit er.
Nach nur knapp zwei Jahren wird die Wirtsfamilie Sabine und Michael Keller den Gasthof zur Post Ende August verlassen. Bürgermeister Dr. Andreas Bukowski hofft, im September dem Stadtrat einen geeigneten neuen Pächter vorstellen zu können. Denn der Gasthof soll wieder das werden, was er immer war: Ein Ort der Begegnung im Herzen Haars, wo man sich im schattigen Biergarten unter Kastanien trifft - zum Ratschen, Genießen und gutbürgerlich Essen.
Der Gasthof zur Post in Haar.
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