Friseur ohne Smalltalk: Erfahrungen und der Trend zum "Silent Cut"

Jeder kennt es: Man geht zum Friseur und fühlt sich gezwungen, Smalltalk zu führen. Oft wird man von sehr gesprächigen Friseuren "zugequatscht". Doch nun gibt es eine wachsende Bewegung, die den "stillen Haarschnitt" oder "Silent Cut" in den Fokus rückt. Dieser Trend verspricht ein entspanntes Friseurerlebnis ohne unnötige Gespräche.

Was ist ein "Silent Cut"?

Der "Silent Cut" ist ein Haarschnitt, bei dem der Friseur weiß, dass der Kunde keine Lust auf ein Gespräch hat. Nur das Summen der Maschine, das Klappern der Schere und das fließende Wasser - das verspricht der "Silent Cut". Selbst die Musik wird ausgeschaltet.

Einige Salons haben diese Idee aufgegriffen, um ihren Kunden eine Zone der Entspannung zu bieten, in der sie alle Sorgen vergessen können. Bei der Terminangabe kann man die „Silent Cut“-Option direkt mitauswählen und schafft so eine Art stilles Agreement - im wahrsten Sinne des Wortes.

Erfahrungen mit dem "Silent Cut"

Vertriebsleiter Alexander Tantius ist Stammkunde und Fan vom „stillen Schnitt“: „Ein Friseurbesuch sollte entspannt sein. Nach einem langen Arbeitstag ist es einfach schön, die Ruhe zu genießen und auch morgens ist man froh, wenn man nicht viel reden muss. Dadurch steigt das Wohlfühlerlebnis.“

Versicherungskaufmann Benjamin Hartwig nutzt das Angebot gern. Er bespricht mit Siepert-Fichter seine Wünsche, dann legt sie los und 20 Minuten lang schweigen beide, während der Kunde nebenan über seine Eltern, seine neue Stelle und das Pendeln erzählt und im Hintergrund laute Rockmusik läuft. „Die Geräusche stören mich nicht“, sagt Hartwig nach dem Schnitt. „Durch meinen Beruf rede ich den ganzen Tag mit Menschen, höre gute, aber auch schlechte Geschichten.“ Der Friseurbesuch sei für ihn daher sehr erholsam. „Es sind Minuten, in denen ich meinen Tag reflektiere und mich nur mit meinen Gedanken beschäftigen kann“, sagt der 29-Jährige.

Viele Kunden schätzen die Möglichkeit, sich während des Friseurbesuchs zu entspannen und ihren Gedanken nachzugehen. Einige nutzen die Zeit sogar, um im Homeoffice zu arbeiten oder einfach nur zur Ruhe zu kommen.

Die Perspektive der Friseure

Nicht nur die Kunden, sondern auch die Friseure genießen die Stille. Katharina und ihr fünfköpfiges Team quatschen normalerweise mit ihren Kunden über ALLES! Fällt es da nicht schwer, die Klappe zu halten? „Überhaupt nicht. Es ist auch für uns angenehm, mal nicht zu reden.

„Und manche Probleme nehmen wir auch mit nach Hause“, ergänzt Friseurin Siepert-Fichter. Sie selbst genieße daher die Termine ohne Small Talk „Auch ich bin nur ein Mensch und keine Maschine und auch nicht immer in Redestimmung. Ich tagträume gern“, sagt sie.

Zum Geplapper komme auch noch die Lärmbelastung durch Föhne und andere Geräte. Sie begrüße daher das „Silent Cut“-Konzept sehr. Es verschaffe auch den Friseuren eine Insel der Ruhe.

Für viele Kunden sei es leichter, einen Termin beim Friseur als beim Psychologen zu bekommen - mit Folgen. Immer wieder höre sie viel Persönliches. „Dabei möchte ich doch nur Friseurin sein“, sagt die 62-Jährige.

Die Psychologie hinter dem Smalltalk beim Friseur

Warum sich gerade beim Friseur oft private Gespräche ergeben, erklärt die Psychologin Julia Scharnhorst mit der körperlichen Nähe. Wenn man eine gewisse Zeit lang von einem anderen Menschen berührt werde, könne dies ein Gefühl der Vertrautheit auslösen. Auch in anderen Situationen wie etwa beim Physiotherapeuten oder beim Masseur sei dies oft der Fall. „Aber nicht alle finden das so toll. Viele Menschen erzählen ja auch belastende Dinge oder Intimes“, sagt Scharnhorst. Dies könne anstrengend sein. „Die Kunden gehen nach einer Stunde erfrischt nach Hause. Die Friseure haben oft gleich den nächsten Kunden und das nächste Gespräch.“

Ein Small Talk gelte schließlich als höflich, sagt Scharnhorst. „Es gibt Bücher, Seminare und Coachings, wo Small Talk beworben wird und jeder so tut, als wäre Small Talk etwas ganz Tolles, das jeder können muss.“ Der manchmal ununterbrochene Redeschwall - von Fachleuten Logorrhö genannt - habe Folgen: „Irgendwann können sich die Friseure gar nicht mehr richtig lange auf irgendetwas konzentrieren“, sagt die Erfahrung der Psychologin mit Seminarteilnehmern.

Wo Small Talk auf jeden Fall seinen Platz habe, sei das Arbeitsleben, sagt Scharnhorst. „Er macht das Zusammenarbeiten mit Leuten deutlich leichter, wenn man schon einmal ein paar Gemeinsamkeiten herausgefunden und festgestellt hat, ob man sich mag oder nicht mag.“

Was ist der beste Smalltalk-Einstieg?

Verbreitung des "Silent Cut"

Die Wurzeln des „Silent Cut“ liegen in London, in Deutschland wurde der Trend vor allem bekannt nachdem Andrea Siepert-Fichter den Friseurbesuch ohne Smalltalk in ihrem Salon „Wild Hair“ in Berlin-Prenzlauer Berg etablierte.

In Österreich und der Schweiz können Kunden den Small Talk beim Friseur ebenfalls von vornherein ausschließen. In Berlin bieten auch Anna Jäger vom Salon Blush in Friedrichshain oder Philipp Hofstätter in Kreuzberg stille Termine an. „Hair talk but no small talk“ - damit bewirbt zudem der Salon Rohn in Charlottenburg seinen „Silent Service“.

In Essen bietet ein Friseursalon den sogenannten „Silent Cut“ an: Kunden bekommen einfach nur die Haare geschnitten, ohne dass sie ein Gespräch führen müssen. Für viele offenbar genau richtig.

Lineare Hair in Essen-Rüttenscheid bietet den "Silent Cut" in den beiden Filialen in der Rüttenscheider Straße (Hausnummern 92 und 181) an.

Die Bauhaus-Salons im walisischen Cardiff bieten bereits seit 2015 einen "Stillen Stuhl" an.

"Silent Cut" in verschiedenen Städten:

Stadt Salon Besonderheiten
Berlin Wild Hair, Salon Blush, Philipp Hofstätter, Salon Rohn Etablierter Trend, viele Salons bieten "Silent Cut" an
Essen Lineare Hair "Silent Cut" Option bei der Terminbuchung wählbar
London Not Another Salon Ursprungsort des Trends
Cardiff (Wales) Bauhaus-Salons Bieten seit 2015 einen "Stillen Stuhl" an

Kritische Stimmen

Jan Kopatz, Chef der Berliner Friseur-Innung, hält „Silent Cuts“ hingegen für „nichts Herausragendes“, sondern vor allem für ein „Marketinginstrument und eine Modeerscheinung“. Die Qualität des Schnitts unterscheide sich nicht von anderen, betont er.

Prominenten-Friseur Dieter Bonnstädter könnte sich ein „Silent Cut“-Angebot gar nicht vorstellen. „Der Austausch mit den Kunden ist doch etwas Schönes“, sagt er. Und: „Ein guter Friseur merkt sofort, ob ein Kunde heute sprechen will oder nicht.“

„So ein Quatsch“, sagt Anke Schröder über den „Silent Cut“ und lacht: „Das merkst du doch als Friseur, ob der Kunde reden will oder nicht.“

tags: #Friseur #ohne #Smalltalk #Erfahrungen

Populäre Artikel:

Diese Website verwendet Cookies. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen