Das Studentenleben in Mainz nach dem Zweiten Weltkrieg: Erinnerungen und Herausforderungen

Dieser Artikel beleuchtet die Besonderheiten des Studentenlebens in Mainz im Jahr 1946 und in den darauffolgenden Jahren. Um diese Zeit richtig zu verstehen, ist es wichtig, die Vorgeschichte der damaligen Studenten zu kennen.

Mainz nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Neubeginn an der Johannes Gutenberg-Universität

Anfang November 1948 kam ein frischgebackener Abiturient aus Bernkastel-Kues in das stark zerstörte Mainz und betrat die Johannes Gutenberg-Universität, um Mathematik, Physik und Chemie zu studieren. Durch einen Bekannten erhielt er bald einen Platz in einem Drei-Bett-Zimmer im Dachgeschoß der ehemaligen Flak-Kaserne.

Hier konnte man günstig wohnen, musste aber für Essen und die täglichen Dinge des Lebens selbst sorgen. In der Mensa wurde natürlich auch Essen angeboten, aber soviel Geld hatten wir ein halbes Jahr nach der Währungsreform (40 Deutsche Mark als „Kopfgeld“) nicht. Viele Studenten gingen deshalb zu einer bestimmten Baracke auf dem Universitätsgelände „hoovern“.

Dort gab es für sehr wenig Geld ein Eintopf-Mittagessen der „Hoover-Speisung“, eine von den Amerikanern eingerichtete Hilfsmaßnahme für deutsche Studenten (benannt nach dem damaligen US-Präsidenten Herbert Hoover). Die Vorlesungen begannen.

Jeder Student musste im 1. Semester auf dem Universitäts-Freigelände Aufräumungsarbeiten leisten, weil die vorher dort stationierten französischen Besatzungstruppen dieses ziemlich verwahrlost zurückgelassen hatten. Für die Physikstudenten war es Pflicht, ein handwerklich-technologisches Praktikum in Metallbearbeitung (Feilen, Schweißen, Drehen) zu absolvieren.

Studium Generale und studentische Mitverwaltung

Für uns Neulinge war das Studium Generale besonders interessant. Zusätzlich zum Hauptstudium wurden kostenlos Vorlesungen aus verschiedenen Disziplinen wie Philosophie, Kunstgeschichte, Naturwissenschaften (z. B. bei dem bekannten Atomwissenschaftler Prof. Dr. Strassmann) angeboten. Ende eines jeden Semesters war es möglich, Fleißprüfungen in einem der Pflichtfächer zu machen.

Auf dem Universitätsgelände gründeten die beiden christlichen Kirchen Studentengemeinden. Die katholische Studentengemeinde feierte den Gottesdienst in einem als Kapelle umgestalteten Kellerraum im Hauptgebäude der ehemaligen Kaserne. Dort probte auch eine Choralschola und ein Singkreis. Der katholische Studentenpfarrer Dr. Strasser besprach regelmäßig neu erschienene religiöse und profane Literatur des In- und Auslands, vor allem solche, die im Dritten Reich in Deutschland verboten war.

Viele Studenten besuchten diese Vorträge mit großem Interesse, ebenso die Konzerte des Collegium Musicum mit seinem Dirigenten Prof. Dr. Inzwischen hatten sich an der Universität auch politische Gruppierungen gebildet. Zum Aufbau einer studentischen Mitverwaltung wurden die Studenten zu Wahlen von Fakultätsräten und zur Wahl eines Studentenparlaments aufgerufen.

Im Wintersemester 1952/53 und im Sommersemester 1953 war ich Sprecher der Naturwissenschaftlichen Fakultät und Vizepräsident des Studentenparlamentes.

Erfreuliche Ereignisse und internationale Begegnungen

Bei all den oft großen Schwierigkeiten, die bei der Wiedereröffnung der Universität Mainz auftraten, darf man die erfreulichen und schönen Dinge nicht unerwähnt lassen. Beispielsweise wurde auf dem Universitätsgelände, wie in Mainz üblich, unbeschwert Fasnacht gefeiert. Ein Höhepunkt in der Entwicklung der wiedereröffneten Universität war der Besuch des Bundespräsidenten Theodor Heuss in Mainz (17. Januar 1953).

In diesem Zusammenhang möchte ich über einen Ferienkurs berichten, zu dem Anfang 1950 das „Hochkommissariat für kulturelle Belange der Generaldirektion der Republik Frankreich in Deutschland“ einlud. So konnte ich an einem internationalen Studententreffen Mainz-Aix-en-Provence teilnehmen und wurde stolzer Besitzer einer Teilnahme-Urkunde „Rencontre internationale d´ètudiants Mayence-Aix-En-Provence 15 Aoút - 15 Septembre 1950“.

Am 15. August 1950 fanden sich auf dem Campus der Universität Mainz etwa 35 Studentinnen und Studenten aus Frankreich, Deutschland, Schweden, Belgien und einem Studenten aus Tunesien ein, um am nächsten Morgen zu einem zweiwöchigen Aufenthalt in Bacharach/Rhein aufzubrechen. Von dort aus machten wir nicht nur Exkursionen in die nähere und weitere Umgebung an Rhein und Mosel, sondern wir wanderten, diskutierten über „Gott und die Welt“, sangen internationale Lieder und machten die ausländischen Teilnehmer mit den Weinen der Region bekannt.

Studieren in Deutschland | Meet the Germans

Nach den zwei Wochen ging es über Mainz mit der Bahn nach Aix-en-Provence, wo wir in der Cité Université wohnten. Eine wunderschöne Zeit, insbesondere für die nichtfranzösischen Studenten, begann. Bei Exkursionen in die Umgebung von Aix-en-Provence lernten wir die schöne Landschaft von Südfrankreich kennen. An einem Abend fand ein offizieller Empfang im Office du Tourisme statt.

Begegnungen mit prägenden Professoren

Ein anderes positives Ereignis in der schwierigen Anfangszeit der Universität war für mich die Begegnung mit Prof. Dr. Hans Rohrbach, Professor für Mathematik. Er gehörte zu denjenigen Professoren, die am Ende des Krieges von der deutschen Karls-Universität Prag vertrieben wurden und in Mainz Aufnahme fanden. Er machte uns im letzten mathematischen Oberseminar den Vorschlag, auf freiwilliger Basis sich mit dem deutschen Theologen und Universalgelehrten Nikolaus Cusanus (1401 - 1464) zu befassen, was wir auch taten.

Es waren für uns Teilnehmer interessante und lehrreiche Stunden, seine mathematischen Gedankengänge kennen zu lernen. Besonders erfreulich war, in dieser kleinen Runde persönlichen Kontakt mit Prof. Rohrbach zu bekommen.

Die Erinnerungen einer Studentin aus Breslau

1927 wurde ich in Breslau als Tochter eines Ingenieurs geboren. Nach je vierjährigem Besuch der Volksschule und der Mittelschule des Ursulinenklosters in Breslau trat ich, nach Schließung aller konfessionellen Schulen durch die Nazis, in die Obertertia der König-Wilhelm-Schule in Breslau ein. Ich verlebte eine sehr glückliche Kindheit, in der ich wirklich alles hatte, was ich brauchte oder mir wünschte. Auf unserem Motorboot verbrachten wir fast jedes Wochenende und auch ganze Ferien auf der Oder.

1944 aber wurden alle Schulen geschlossen. Ich kam Anfang November, nach Einsatz in einem Rüstungsbetrieb, zum Reichsarbeitsdienst und wurde auf einem Bauernhof in Oberschlesien eingesetzt.

Bei dieser, wie auch bei einzelnen nachfolgend beschriebenen Erinnerungen greife ich nicht nur auf meine Aufzeichnungen und meinen Lebenslauf zurück, sondern auch auf ein nicht publiziertes Interview, das 1998 Sabine Klapp, die mit Dozentin Dr. Im Januar 1945 bin ich aus dem Arbeitsdienst vor den Russen geflohen, hinein in einen Zug voller Verwundeter. Mit Rucksäcken, die wir uns im Arbeitsdienst aus unseren Kopfkissen genäht hatten, drängten wir uns in die Viehwaggons des Zuges.

Als der Zug plötzlich in Breslau anhielt, floh ich weiter zu unserer Wohnung, die voller für mich fremder Menschen war, die auf irgendeine Fahrmöglichkeit warteten, um noch aus Breslau herauszukommen. Meine Familie hatte die Wohnung schon verlassen. Mit einer alten Zinkbadewanne voller Einmachgläser und Kartoffeln gelang mir bei eisiger Kälte die weitere Flucht nach Liegnitz.

Mein Vater hatte einen Lastwagen vermitteln können, mit dem wir die tiefwinterlichen Straßen befuhren, auf denen sich zu Fuß flüchtende Menschen drängten. Dort traf ich endlich meine Mutter und meine beiden Schwestern. Mit diesen bin ich dann von Liegnitz nach Görlitz bis ins Erzgebirge nach Marienberg weitergeflohen. Wir schliefen dort zusammen mit einem Hund in einem kleinen schmalen Zimmer. Wir erlebten die Russen erstmalig am Tag der Kapitulation. Von da an hielten wir Frauen uns versteckt und waren in ständiger Angst, von den Russen entdeckt zu werden.

Mein Vater war zuletzt an der Ostfront eingesetzt gewesen und kam nach der Kapitulation, um viele Jahre gealtert, über die Tschechei zu uns. Aus der russischen Zone sind wir dann, mit zwei selbstgebauten Leiterwagen mühsam und oft in Lebensgefahr über die „Grüne Grenze“ bei Hof zu den Amerikanern gestoßen.

In Bayern recht unfreundlich aufgenommen, zogen wir mit unseren Leiterwagen weiter nach Westen, über Koblenz nach Mayen in der Eifel, dem Geburtsort meiner Mutter. Von der Schwägerin meiner Mutter aufgenommen, lebten wir dann mit bis zu 18 Personen in dem stark zerstörten Haus der Großeltern ohne Strom und ohne Wasser. Wir mussten das Wasser weit weg holen, wir hatten aber Kartoffeln und Öl und dadurch haben wir nicht soviel Hunger gelitten.

Noch im Jahr 1945 wurden wir alle sehr krank, aber auch durch tatkräftige Hilfe anderer ist alles gut über die Bühne gegangen: Meine Großmutter, der Bürgermeister und der Pfarrer halfen. Mein Vater hatte immer noch keine Existenz und wir waren drei Kinder ohne Ausbildung. Mein Bruder kam später, nach 3-jähriger französischer Kriegsgefangenschaft, noch dazu.

Irgendwann, Anfang 1946, ist meine Mutter nach Mainz gefahren, da dort eine Universität eröffnet wurde. Sie hat dann ein Gespräch mit Rektor Josef Schmid gehabt und sie, ich weiß nicht wie es ihr gelungen ist und ob eine Ersatzwährung im Spiel war, kam nach Mayen zurück und hatte für mich einen Studienplatz in der Tasche. Meine Mutter hat mich also in Mainz immatrikuliert. Sie hat damals auch in der Stadt irgendwelche Leute angesprochen, ob sie nicht ein Bett für mich hätten.

Nach dem ersten Semester habe ich mich von der naturwissenschaftlichen Fakultät zu der Medizinischen Fakultät umgemeldet. Mit Papier und Büchern war es damals sehr schlecht bestellt. Ich schrieb die Vorlesungen nach auf alten Kontobüchern meiner Großeltern. Dieses gelbe Papier habe ich geschnitten und zusammengebunden. Wir hatten einen ganz phantastischen Professor für Anatomie, Professor Dabelow, der ein ausgezeichneter und begeisterter Zeichner war. Er stand jeden Tag an der Tafel. Er hatte die Fähigkeit, zweihändig zu malen. Wenn er dann beispielsweise das Gehirn an die Tafel malte, dann tat er es mit zwei Händen. Es ging sehr symmetrisch zu. Wir haben alles mitgemalt und mitgeschrieben.

Die ungeheizten Hörsäle waren sehr voll und wir saßen auf den Stufen. Hinsichtlich der Kleidung war es angenehm, dass nicht nur wir selbst keinen Reichtum hatten sondern alle, die mitstudierten, auch nichts. Keiner brauchte und konnte dem anderen etwas vormachen, wir waren alle sehr zufrieden. Aus den Briefen, die ich damals an meine Eltern geschrieben habe, wird mir im nach hinein wieder bewußt, wie viel Hunger wir hatten. Alle Briefe drehen sich darum, wo kriegen wir was zu essen her?

In der Anfangszeit habe ich bei der Familie gewohnt, die meine Mutter angesprochen hatte. Die Miete kostete damals 25 Reichsmark. Es war sehr kalt in dem Zimmer. Ich habe mich angezogen ins Bett gelegt, mich dick zugedeckt und trotzdem noch sehr gefroren. Bald hatte ich die Möglichkeit , in die Universität zu ziehen und zwar in diese Dachkammern. Wir wohnten, sage und schreibe, mit vier Mädchen in einem kleinen Zimmerchen. Es gab immer ein Bett und einen Sekretär und wieder ein Bett und einen Sekretär und einen kleinen Tisch in der Mitte. Daneben gab es eine kleine Kochküche. Dort kochten wir dann immer unser Süppchen. Wenn wir sehr gefroren haben, stellten wir einen Kocher unter den kleinen Tisch und unsere Füße drunter.

Während die Männer bei der Trümmerbeseitigung helfen mussten, mussten wir Mädchen soundsoviele Arbeitsstunden in der Küche ableisten. Es gab damals schon eine Mensa, aber man konnte wenig darin kaufen, beispielsweise Brötchen auf Brotmarken. Eine Zeitlang gab es auch regelmäßig Spinat und ich konnte ihn schließlich nicht mehr sehen. Aber wir sind relativ häufig nach Hause gefahren, weil wir auf dem Rückweg immer Lebensmittel mitgenommen haben. Dazu gehörten auch irgendwelche Suppen, die meine Mutter gekocht hatte oder Brotaufstrich, z. B.

Mittags traf ich mich regelmäßig mit anderen Studenten, meist aus Mayen, in der Mensa und wir haben uns dort aufgewärmt. Da ich so ziemlich die einzige Studentin aus Mayen war, brachten sie mir immer ihre kaputten Strümpfe mit, die ich dann gestopft habe. Es war immer sehr fröhlich und wir waren alle zufrieden.

Die finanzielle Situation war nicht einfach. Mein Vater hatte noch längere Zeit keinen Verdienst. Erst als aus Breslau alte Monteure zu ihm kamen, hat er wieder angefangen, als Heizungs-Ingenieur Aufträge anzunehmen. Ich musste ja Studiengebühren bezahlen und das war relativ viel. Von den Eltern bekam ich Beträge so um 30 Mark. Die Miete kostete 25 Mark, ein Brötchen kostete 3 Pfennig.

Lehrbücher, in denen der Vorlesungsstoff nachgelesen werden konnte, gab es in dieser Anfangszeit der Universität nicht. Es gab auch noch keine Universitätsbibliothek. So hat man praktisch alles Wesentliche über die Vorlesungen der Professoren erfahren. Abgesehen von kleinen Abschriften hat man mitgeschrieben, mitgemalt. Zu Hause haben wir es dann in Hefte übertragen. Ich habe wunderschöne Gemälde von allen Organen gemalt und dadurch habe ich es mir auch sehr gut einprägen können.

Wir haben hervorragende Professoren gehabt. Zum Beispiel Professor Watzka, der kam von Prag her, eine Seele von Mensch. Die Professoren waren uns alle sehr zugetan. Es gab dann auch die ersten Stipendien. Man musste dazu eine Fleißprüfung machen. Wir haben eigentlich keine Vorlesung versäumt, weil wir uns auch prüfen lassen mußten.

Ich hatte Bekannte drüben in Schierstein und habe versucht, oft in diese Familie mit 5 Kindern zu kommen. Der Familienvater war Doktor Mainka, der schon in Schlesien ein sehr gastfreundliches Haus gehabt hatte.

Als Räume für unsere Vorlesungen hatten wir unter anderem die Aula und das Auditorium maximum. In unserem Freundeskreis waren Frauen und Männer. Wir waren eine ganz große Clique und mussten morgens immer sehen, dass wir im Hörsaal Platz bekamen. Es waren immer zwei, die für den ganzen Freundeskreis freigehalten haben.

Mit unserem Freundeskreis haben wir viele Fahrradtouren gemacht, so in die Eifel, an den Bodensee. Wir haben damals schon sehr viele allgemeine Vorträge gehört, Vorläufer der Vorlesungen des Studium Generale. Regelmäßig hörten wir Professor Holzamer, Philosophie, es gab wunderbare Musikstunden und es gab Professor Gerke, der Kunstgeschichte vortrug. Diese Vorlesungen waren überlaufen. So war es nicht nur die Medizin, die uns glücklich machte.

Wenn an der Universität Konzerte stattfanden, die ersten Konzerte in Mainz, dann saßen wir draußen auf dem Mäuerchen und haben alles mitgehört. Mein Mann hat mitstudiert vom ersten Semester an. Er kam immer angefahren von Hattersheim. Seine Eltern stammten aus Mainz und waren ausgebombt, sie hatten keine Wohnung mehr in Mainz gefunden und wohnten so in Hattersheim.

Vom Leben in der Stadt haben wir nicht viel mitbekommen. Mainz war eine ganz arme Stadt, eine selten arme Stadt. Wir liefen sehr ärmlich herum. Die Männer hatten noch ihre alte Soldatenkluft. Es gab rotkarierte Bettwäsche und daraus habe ich mir ein fesches Dirndl genäht...

tags: #Friseur #Hieronymus #Saarbrücken #Öffnungszeiten

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