Die Geschichte von Freddy Oversteegen ist eine von Mut, Entschlossenheit und dem unerschütterlichen Glauben an die Freiheit. Geboren am 6. September 1925, wuchs sie in einer Arbeiterfamilie in Haarlem, Niederlande, auf. Als die Nazis im Mai 1940 die Niederlande überfielen, versteckte ihre Familie ein jüdisches Ehepaar sowie eine Mutter mit Sohn, die aus Deutschland hatten fliehen müssen.
Die Mutter, überzeugte Kommunistin, und ihre beiden Kinder verteilten die linke Untergrundzeitung "De Waarheid" und antifaschistische Flugblätter mit dem Aufruf: "Die Niederlande müssen frei sein!"
Truus Menger-Oversteegen, Freddys Schwester, ebenfalls im Widerstand aktiv.
Bald fragte Frans van der Wiel, ein Kommandeur der kommunistischen Widerstandsgruppe Raad van Verzet (RVV), ob sie sich dem organisierten Widerstand anschließen möchten. Die Mutter willigte ein. In einem abgelegenen Kartoffelschuppen lernten die Schwestern von RVV-Mitgliedern das Schießen, ebenso das Marschieren und Überlebenstechniken.
Der RVV observierte ranghohe Offiziere der Gestapo und SS und gab präzise Instruktionen, wo und wann ein Anschlag stattfinden kann. Eine weitere, ebenso lebensgefährliche Vorgehensweise: Die beiden Schwestern gingen in Wirtshäuser, um mit Nazis und niederländischen Kollaborateuren zu flirten - und den Männern dann einen kleinen Spaziergang im Wald vorzuschlagen.
Haarlem, Niederlande, 1941: Freddie Oversteegen, 15, entsichert ihre Pistole und versteckt sie in einem Korb. Sie setzt sich auf den Gepäckträger eines Fahrrads; ihre Mutter tritt in die Pedale. Die beiden nähern sich einem Nazi-Offizier, Freddie zückt die Pistole, drückt ab - und tötet den Mann.
In der Hoffnung auf ein amouröses Abenteuer gingen manche mit "und wurden im Wald liquidiert", wie Freddie später berichtete. Wie viele Nazis und Kollaborateure sie getötet hat, verriet sie nicht: "So etwas sollte man eine Soldatin nicht fragen. Wir mussten es tun. Es war ein notwendiges Übel.
Die Erschießungen belasteten die Schwestern schwer. Danach hatten sie oft Weinkrämpfe und wälzten sich schlaflos im Bett. "Ich habe geschossen und sie fallen sehen", sagte Freddie nach dem Krieg im niederländischem Fernsehen, "und was spürst du in solch einem Moment tief in dir drinnen?
Truus Menger-Oversteegen bei einer Gedenkveranstaltung für Hannie Schaft.
Im Jahr 1943 stieß Hannie Schaft zur Widerstandszelle in Haarlem, die nun aus drei Frauen und fünf Männern bestand. Die Nazis nannten die damalige Jurastudentin "Das Mädchen mit dem roten Haar", ein gleichnamiger Kinofilm von 1981 erzählt das Schicksal der wohl bekanntesten Widerstandskämpferin der Niederlande.
Die drei jungen Frauen schworen einander ewige Treue, transportierten Waffen und gefälschte Ausweispapiere, versteckten Dissidenten und schmuggelten jüdische Kinder aus dem Land - teils durch Minenfelder oder während über ihnen Fliegerbomben fielen. Beladen mit Dynamit schlichen sich die drei Frauen nachts an Bahngleise und Brücken und jagten sie in die Luft.
Die zierliche Freddie sah damals zwei Jahre jünger aus, trug geflochtene Zöpfe und sprach mit zaghaft hoher Stimme. Die Strategie von Frans van der Wiel ging auf: Widerstand galt den Nazis als reine "Männersache". Bei den jungen Frauen schöpfte fast niemand Verdacht; sie konnten unbehelligt mit ihren Waffen umherfahren und die zahlreichen Straßensperren ohne Durchsuchungen passieren.
Die Reißleine zog die Gruppe - das mütterliche Gebot im Hinterkopf - indes bei einem ihrer RVV-Aufträge: Freddie, Truus und Hannie sollten die Kinder von Arthur Seyß-Inquart, dem brutalen Reichskommissar für die Niederlande, entführen und gegen gefangen genommene Widerstandskämpfer austauschen. Alle drei lehnten ab: Wäre die Übergabe misslungen, hätten sie die Geiseln erschießen müssen.
Die Oversteegens waren den Nazis als Kommunisten bekannt, immerzu drohten Hausdurchsuchungen. Daher musste der RVV die im Haus versteckten Juden woanders hinbringen - sie wurden erwischt und festgenommen. "Wir haben niemals wieder von ihnen gehört", erinnerte sich Freddie, "viele wurden deportiert und ermordet.
Ihr letztes Attentat verübte die Dreiergruppe am 15. März 1945. Friseurmeister Ko Langendijk, der als Kollaborateur für den deutschen Sicherheitsdienst arbeitete, lief in weiblicher Begleitung durch Haarlem. Als sich die jungen Frauen auf ihren Fahrrädern näherten, ahnte seine Begleiterin, was sie vorhatten, und rief ihm zu: "Ko, knall die Schlampen ab!" Langendijks schoss, verfehlte die Frauen und wurde seinerseits von mehreren Kugeln getroffen.
Freddie und Truus überlebten den Krieg. Hannie nicht. Bei einem gescheiterten Attentat wurde sie entdeckt und danach landesweit gejagt, 50.000 Gulden betrug das ausgesetzte Kopfgeld. Als sie auf dem Fahrrad "De Waarheid" und eine 9-mm-Pistole schmuggelte, geriet Hannie am 21. März 1945 in eine Straßenkontrolle. Die roten Ansätze ihrer schwarz gefärbten Haare verrieten sie; die Nazis verhörten und folterten sie tagelang.
Mit 24 Jahren wurde Hannie Schaft in den Sanddünen westlich von Haarlem am 17. April 1945 hingerichtet - nur 18 Tage vor der Befreiung der Niederlande.
Wie wurde Freddie Oversteegen mit all diesem Grauen später fertig? "Indem ich geheiratet und Kinder bekommen habe", sagte sie später im Fernsehen, doch die traumatischen Erlebnisse verfolgten sie ihr Leben lang. Obendrein haderten die überlebenden Schwestern mit der niederländischen Erinnerungskultur: Zwar wurde Hannie Schaft Ende 1945 im Beisein von Prinzessin Juliana und Ehemann Bernhard auf dem Ehrenfriedhof Bloemendaal beigesetzt und erhielt im Jahr darauf posthum das Wilhelmina-Widerstandskreuz, außerdem die Medal of Freedom der USA.
Doch 1951 verhinderten Polizeikräfte mit Panzern eine Gedenkfeier an ihrem Grab. Auch die kommunistischen Schwestern fanden, wie viele andere linke Widerstandskämpfer, kaum Gehör. Freddie litt sehr unter dieser Ignoranz und konnte sich schwer mit dem Land identifizieren, für dessen Befreiung sie kämpfte und das nun frühere Nazi-Kollaborateure in höchste Staatsämter beförderte.
Erst 2014 ehrte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte die Schwestern mit dem Mobilisatie-Oorlogskruis, einem wichtigen Militärorden, und betonte, das sei ein "Akt historischer Gerechtigkeit". Freddie freute sich, sagte aber auch: "Ich war keine Heldin. Meine Schwester war keine Heldin.
Truus Oversteegen starb 2016, ihre Schwester Freddie am 5. September 2018 in einem Altenpflegeheim in Driehuis - am Tag vor ihrem 93. Geburtstag.
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