Comic-Adaptionen und Graphic Novels: Eine facettenreiche Welt der Erzählkunst

Die Welt der Comics und Graphic Novels ist vielfältig und reicht von humorvollen Adaptionen klassischer Schauergeschichten bis hin zu tiefgründigen biografischen Erzählungen. Diese Kunstform bietet eine einzigartige Möglichkeit, Geschichten zu erzählen und visuell zu interpretieren. Im Folgenden werden einige bemerkenswerte Werke vorgestellt, die durch ihre künstlerische Gestaltung und erzählerische Tiefe hervorstechen.

Barbara Yelin: "Das Wassergespenst von Harrowby Hall"

Die preisgekrönte Barbara Yelin hat die über 120 Jahre alte Schauergeschichte "Das Wassergespenst von Harrowby Hall" mit einer guten Portion Humor als Comic adaptiert. Für den Leser sind schon diese ersten Bilder das reinste Vergnügen. Alle Jahre wieder wird Schloss Harrowby Hall am Heiligabend von einem Wassergespenst heimgesucht, das schweren Schnupfen beschert - und mitunter sogar den Tod bringt.

Dass dieses Wasser tatsächlich lebendig ist, wird schon auf der nächsten Seite klar. Ein Jahr später erscheint das Wassergespenst in ebendiesem strahlenden Blau und ist selbst eigentlich nur Wasser: eine junge Frau, die im wahrsten Sinne des Wortes zerfließt. Kleid und Haare sind Rinnsale und Wasserfälle, die sich am Boden zu einer Welle formieren. Ganz im Gegensatz dazu sind die grauen Bleistiftzeichnungen vom Leben auf Harrowby Hall klar umrissen: das kantige Gesicht des Schlossherrn, sein Gehrock und die stets adrett sitzende Bügelfaltenhose.

Der Autor John Kendrick Bangs hat dem alten Adel mit seiner Gespenstergeschichte ein Denkmal gesetzt. Zugleich ironisiert er dieses Setting, denn Bangs schreibt im ausgehenden 19 Jahrhundert, als die Industrialisierung alles verändert. Allein die Namen „Harrowby Hall“ und „Henry Hartwick Oglethorpe“ wirken so übertrieben distinguiert, dass sie sich auch Loriot hätte ausdenken können. Doch diesem Gespenst ist mit den üblichen Methoden einfach nicht beizukommen.

Es ist ausgerechnet der junge Schlosserbe, der dem Gespenst beikommt - mit so modernen Methoden, wie sie zuvor nie in einer Spukgeschichte beschrieben wurden. Barbara Yelin treibt das Spiel mit den Zeitebenen weiter. In ihrer Comicadaption lässt sie das Schlosspersonal über die Zunahme von Paketdiensten lästern oder Whisky on the Rocks reichen. Es sind solche kleinen Details, die die Geschichte wunderbar komisch machen. Wenn Yelin das Ganze bis in unsere Zeit weiterspinnt, wird es noch lustiger.

Jillian Tamaki: "SuperMutant Magic Academy"

Erwachsen zu werden war noch nie leicht, und wird wahrscheinlich auch nie leicht sein. Erst recht nicht, wenn man mitten in der Pubertät steckt und nebenbei noch die Schule meistern muss. Wie mag das erst an einer Schule für magisch begabte Mutanten-Kids aussehen? Diesem Szenario hat sich Jillian Tamaki in ihrem Comic „SuperMutant Magic Academy“ gewidmet.

Das nicht immer jugendfreie Ergebnis erschien ursprünglich zwischen 2010 und 2014 als Webcomic. Für die Buchveröffentlichung bekamen die Teens noch eine 40 Seiten starke Abschlussgeschichte spendiert. Die Kanadierin Tamaki ist keine Unbekannte in der Comicwelt: Zusammen mit ihrer Cousine Mariko Tamaki hat sie den Eisner-prämierten Comic „Ein Sommer am See“ (Reprodukt) erschaffen. Wie auch in der preisgekrönten Graphic Novel spielt das Erwachsenwerden eine zentrale Rolle in „SuperMutant Magic Academy“.

Mit einfachen, kräftigen Strichen erzählt sie zum Beispiel von Marsha, die hoffnungslos in das Fuchsmädchen Wendy verliebt ist, von Frances, die mit Kunstperformances ihre Grenzen auslotet, von Trevor, der seine Grenzen mit Gewalt sprengt, und vom Everlasting Boy, der selbst dann noch auf der Erde wandeln wird, wenn keine Menschen mehr da sind. Tamaki beleuchtet in ihrer zumeist aus Einseitern bestehenden Geschichtensammlung den ganz normalen Teeniealltag besonderer Jugendlicher, über das Leben als Außenseiter unter lauter Gleichgesinnten.

Alberto Breccia: "Lovecraft"

„Das namenlose Grauen“, das im Zentrum der Werke von H. P. Lovecraft stand - und das trotz seiner unfreiwilligen Komik in seiner manischen Exaltiertheit dennoch ein Faszinosum ist - inspirierte den uruguayischen Comic-Künstler Alberto Breccia (1919-1993) zu einer zweijährigen (1974/75), intensiven Beschäftigung mit dessen Texten. „Lovecraft“ versammelt diese Arbeiten Breccias, basierend auf eigenen Szenarien und solchen von Norberto Buscaglia.

Wie, so Breccias Ansatz, kann man wohl Bildlösungen finden für die bei Lovecraft immer wieder lediglich behaupteten, aber nie explizierten Prädikationen wie „namenlos“, „wahnsinnig“, „unerhört“, „abscheulich“, „zutiefst verderbt“, „grauenerweckend“, „gottlos“, „verflucht“ ad infinitum? Also alles, was auf das Numinose, das Amorphe, auf die verdrängten Ängste und Obsessionen, auf das Gefühl der Bedrohtheit und des nackten Terrors abzielt, das die Lovecraft-Gemeinde so tief verunsichert und verstört (oder in schiere Angstlust versetzt), ohne es bis Albernheit zu konkretisieren (Schleimmonster oder anderes parallelweltliches Viehzeug sind schlichtweg immer albern).

Und so entwirft Breccia mit damals noch unkonventionellen Techniken (Tusche, Monotypie, Collage, Wisch- und Reißtechniken etc.) ein in der Tat amorphes Universum der Düsternis und beklemmender Atmosphäre, die, ohne sich allzu lange mit der Semantik Lovecraft’scher Texte aufzuhalten, eine sehr autoritative Autonomie aufbauen, indem sie Interpretations- und Projektionsspielräume ganz weit öffnen. Dass das „Grauen“ ein Jahr später, 1976, in Argentinien eine sehr andere, sehr konkrete Form annahm, könnte man in den Lovecraft-Arbeiten symbolisch präfiguriert sehen.

Jörg Buttgereit, Martin Trafford: Nekromantik #1

Deutsche Splatterfilme an der Schwelle zu den 90er Jahren: es gab Andreas Schnaas, Olaf Ittenbach, Andreas Bethmann und Konsorten. Ihre Werke waren ungelenke Studien der Rezeption ihrer hierzulande verfemten meist italienischen Vorbilder: ein Fragment von Handlung lieferte den Anlass zum Splattern ohne Anspruch, Erzähl- oder Schauspielbefähigung hatten hinter dem Effektfetisch auf ihre Einschulung zu warten.

Und dann gab es noch Jörg Buttgereit, den Pionier der Berliner Supper-8-Szene. 29 Jahre ist es nun her, als sein Erstlingslangfilm „Nekromantik“ das Licht der Welt erblickte. Eine irritierende und sehr raue Melange aus Exploitation und Poesie, in der der junge Robert und seine Freundin Betty ihre Liebe zu Leichen erkunden. Zumindest so lange Robert durch seine Mitarbeit in der Firma Joes Säuberungsaktion für Nachschub sorgen kann. Der Rest ist Legende: Der Gore-Bauer war verschreckt, ein etwas progressiver gesinntes Publikum verhalf dem Film zum Kultstatus.

Zum 25. Jubiläum des 2. „Nekromantik“-Films spendierte Weissblech Comics 2016 der Saga eine weitere Fortsetzung in Comicform. Buttgereit und Zeichner Martin Trafford setzen mit dem Plot 20 Jahre nach „Nekromantik 2“ ein, und sie schaffen es dank einiger Finten das gesamte Personal der Filme wiederzuvereinen. Wie, das mag man bitte selber lesen, denn selbstverständlich ist diese Veröffentlichung vor allem eine große Nostalgiereise voller Anspielungen auf die Vorgänger und die ihnen zugrunde liegenden Inspirationen aus der Serienkiller-Historie, mit Ed Gein an der Spitze.

Die schwarzweißen Zeichnungen wirken schmutzig, als seien sie im expressionistischen Fieberwahn mit Katerstimmung entstanden - ein treffendes Pendant zum groben Super-8-Filmkorn.

Noël Simsolo, Dominique Hé: "Alfred Hitchcock Band 1: Der Mann aus London"

Derzeit ist es ein wenig Mode, Biografien in Comicform zu liefern. So war es, nach etlichen Zitaten und Gastauftritten, nur eine Frage der Zeit, bis Alfred Hitchcock eine eigene große Comicbiografie bekam, mitsamt seiner „dunklen Seite“ versteht sich, auf die keine Reflexion des Werks seit Donald Spotos Buch verzichten kann und die auch der Film „Hitchcock“ (2012, Sacha Gervasi) nicht ausließ, der wiederum auf die Biografie „Alfred Hitchcock and the Making of Psycho“ von Stephen Rebello zurückgriff. Auch für die Comicbiografie ist „Psycho“ der Schlüssel.

Mit einem grandiosen, ganzseitigen Panel von der Erstaufführung in Paris, November 1960, beginnt der erste Band, „Der Mann aus London“. Der zweite und letzte Band „Der Meister des Suspense“ soll im nächsten Jahr erscheinen. Natürlich geht es nicht allein darum, die Geschichte des kleinen, korpulenten britischen Genies nachzuzeichnen, das seine vollständige Entfaltung in Hollywood erlebte, es geht auch um eine innere Kontinuität.

Man kann sie vielleicht in einem fiktiven Theaterzitat zusammenfassen, das im Comic mehrfach wiederkehrt: „Die Gespenster sind unglücklich, weil sie nicht finden, was sie suchen, und wenn sie es finden, gehen sie glücklich fort und kommen nie wieder.“ Die Gespenster des Alfred Hitchcock haben nie gefunden, was sie suchten, dafür hinterließen sie ihre Spuren in einer Reihe von Filmen, von denen einige zu den wichtigsten der Kinogeschichte gehören. Nicht nur gemessen an dem, was Kritik und Theorie dazu zu sagen haben, sondern vor allem an dem, was sie in Menschen auslösen, die sie sehen.

Für diese Aufgabe hat man zwei Meister ihres Fachs (erneut) zusammengebracht, den alten Hasen Noël Simsolo als Szenaristen, der so ziemlich alles gemacht hat, was man in der Welt der Erzählbilder machen kann, vom Drehbuchautor bis zum Biografen, vom Schauspieler bis zum Comicautor („Pornhollywood“, eine grandiose grafische Noir-Fantasie zur Traumfabrik der 30er Jahre) und Dominique Hé, der mit der Albenserie um Marc Mathieu (deutsch: „Ein Abenteuer des Marc Marell“) seit den 80er Jahren gezeigt hat, wie man mit den Stilmitteln der Ligne claire durchaus zeitgemäß arbeiten kann.

In „Pornhollywood“ haben die beiden noch eine stimmungsvolle Kolorierung verwendet; „Hitchcock“ ist eine Arbeit, die ganz auf Schattierungen zwischen schwarz und weiß setzt. Nach dem Eröffnungsbild, das mit seiner liebevollen Architektonik und der Besucherschlange im Regen vor dem Filmpalast die Tonlage vorgibt, schneidet die Geschichte in die Privatsphäre und eine (wohl nicht nur) kulinarische Missstimmung im Hause von Alfred und Alma.

Die nächste Erzählebene wird durch eine Plauderei von Hitch und Cary Grant während des Drehs zu“»Über den Dächern von Nizza“ vorgegeben; Grant zeigt sich da als wissbegieriger Begleiter, als gälte es, das Truffaut’sche „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ in ein „Hitch, warum haben Sie das gemacht?“ zu wenden. Diese graphic biography ist immer dort großartig, wo sie sich auf das Bildhafte, die Stimmungen, die Bewegungen, die Zeichen und Objekte konzentriert.

Wie bei vielen Künstlern der Ligne-claire-Tradition, die sich von der Abstraktion ihres Gründervaters Hergé lösen, sind auch bei Dominique Hé die Bildkomposition, das architektonische Detail und die Gestik der Figuren ein Fest für die Augen. Woran es dagegen ein klein wenig hapert, sind die Charaktere selbst. So etwa bekommt der Cary Grant des Comic nur wenig Kontur und keine rechte continuity. Auch kommt gelegentlich die biografische Pflichterfüllung dem Erzählfluss in die Quere.

Die Fakten im Leben des Master of Suspense und die Kraft seiner poetischen Gespenster begegnen sich hier immer wieder in großen Bildern, sie laufen aber auch immer wieder auseinander. Trotzdem: Das Buch ist ein großer ästhetischer Genuss, ein grafisches Meisterwerk und ein Dokument von liebevollem Respekt.

Charles Burns: "Daidalos Band 1+2"

Der junge Brian sitzt allein in einem Raum, gibt sich seinen Gedanken hin und zeichnet. Eine Frau überrascht ihn, ihr Lächeln und ihr Gesicht beherrschen sofort sein Blickfeld. Ganz klar: Sein Leben wird sich jetzt für immer verändern. Brian ist ein Träumer - von einem Moment auf den nächsten driftet er in seine innere Welt ab. Immer wieder führt ihn das zu erotischen Fantasien von Laurie.

Dorniges Dickicht oder trockenes, unwegsames Gelände bilden den metaphorischen Gegenpol zu klebrig-sexuellen Andeutungen und einer extremen, ans Ekelhafte grenzenden Körperlichkeit. Kaum einer kann die Verwirrungen der Adoleszenz-Phase so darstellen wie der amerikanische Comic-Autor Charles Burns, bekannt durch den Klassiker „Black Hole“.

Mit dem Beginn der Serie „Daidalos“ entwirft er sein typisches Setting: Teenager erleben die erste Liebe, entdecken das andere Geschlecht und ihre triebhafte Natur. Das Unheimliche der Veränderungen umgibt sie wie eine dunkle Ahnung: Der Horror liegt im Unbekannten. Dieses Motiv war auch handlungsführend in „Black Hole“ (1995 bis 2005, deutsche Gesamtausgabe erschienen bei Reprodukt): Im Seattle der 1970er stecken Teenager sich mit einer unheilbaren Krankheit an, der sogenannten „Seuche“, die sie zu entstellten Kreaturen macht.

In ihren fast erwachsenen Körpern schwanken die Teenager in „Daidalos“ zwischen Wirklichkeitsflucht und extremer Körperlichkeit. Auch der Wald spielt wieder eine Rolle: Das undurchdringliche Geäst wehrt den Eindringling ab und bietet in seinem Innern gleichzeitig Schutz. Mit ihrer Unsicherheit sind die Protagonisten nicht allein. In Rückblenden aus den Perspektiven von Brian und Laurie wird ihre Geschichte erzählt.

Die großen, gleichmäßig gesetzten Panels wechseln sich mit Filmausschnitten und Skizzen ab. Szenen zwischen Brian und Laurie sind selten in der Totale, meistens nah oder halbnah dargestellt. Close-ups und Unteransichten vermitteln den Eindruck, man würde sich das Storyboard eines alten Films anschauen. In der griechischen Mythologie war Daidolos als genialer Künstler und Baumeister bekannt. Brian drehte schon als Junge Horrorfilme. Sein Skizzenbuch ist gefüllt mit bizarren Aliens und fantastischen Szenen. Er gilt als etwas seltsam, doch die pragmatische Laurie fühlt sich zu ihm hingezogen.

Wie „Black Hole“ bezieht sich auch „Daidalos“ stilistisch auf die populären Comic-Hefte und Teenage-Horrorfilme der 1950er und 1960er Jahre. Ausgiebig widmet sich Burns der Darstellung alter Monsterfilme und fantastischer Trash-Romanzen, die er in Grautönen von der Rahmenhandlung absetzt. Burns ist bekannt für sein meisterhaftes Inking. Man sieht es seinen präzisen Bildern kaum an, aber er zeichnet und tuscht per Hand. Für „Black Hole“ wurde er sieben Mal als bester Tuscher (Inker) mit dem Harvey Award ausgezeichnet.

Statt Schattierungen und Farbabstufungen verwendet er schwarze Flächen, die starken Kontraste bringen Dynamik in die Bilder. Präzise geschnittene Konturen im Stil einer düsteren Ligne claire lassen die Figuren schablonenhaft erscheinen, wie Abbilder ihrer selbst. Unterscheidbar sind sie nur durch markante Merkmale wie Frisuren und Farben. So durchzieht, wie auf dem Cover angedeutet, Lauries rotes Haar die Handlung und spieg...

tags: #dominique #sachse #frisuren

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