Die queere Community sieht sich oft mit der Notwendigkeit konfrontiert, im Alltag ein Doppelleben zu führen. Doch wie sieht es im Berliner Nachtleben aus, das für seine Offenheit bekannt ist? Die Realität zeigt, dass auch in der "Regenbogenhauptstadt" Diskriminierung und Hasskriminalität präsent sind.
Berlin Pride Demonstration
Die Fallzahlen der letzten Jahre zeigen einen deutlichen Trend: Die Zahlen steigen von Jahr zu Jahr drastisch an. Wo im Jahre 2017 die Berliner Polizei Delikte in der Kategorie „Hasskriminalität gegen die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität“ auf 171 gezählt hat, waren es 2018 bereits 225 Fälle. Vor drei Jahren noch, im Jahr 2019, wurden dann bereits 559 Fälle bei Maneo* registriert.
Bastian Finke, der Leiter von MANEO, schätzt, dass die Dunkelziffer noch viel höher liegt, da schätzungsweise 80 - 90 % der Taten nicht gemeldet werden. Die Zahlen und Statistiken sind aber nur ein Aspekt dieser tiefergehenden Thematik.
Doch die „Regenbogenhauptstadt Berlin“, wie sie der Senator Dr. Dirk Behrendt in einer Pressemitteilung vom 15. März 2025 nannte, steht vor großen Herausforderungen. Besonders im Pride Monat scheinen die Angriffe auf Mitglieder der queeren Community zu steigen - insbesondere für Berufstätige, die in der Nacht arbeiten.
Dr. Biewener merkt an, dass sich Angriffe und Gewalttaten besonders in Bezirken häufen, in denen die Repräsentanz der queeren Szene besonders hoch ist. Abgesehen von der Dichte der queeren Szene sind auch die Randbezirke vermehrt von fehlender Akzeptanz betroffen, führt Dr. Biewener fort.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Stigmatisierung. Dr. Biewener erklärt: „Wir haben Personen, die mehrfach stigmatisiert werden, z.B.“. Eigene Erfahrungen helfen, Perspektive zu schaffen. Dr. Biewener selbst wird auch zum Opfer von Cat-Calling, was sie auf ihre Kleidung, ihre Aufmachung und ihr Geschlecht zurückführt.
Lösungsansätze sieht sie in der Jugendarbeit. "Da geht es darum, dass wir schon bei den Kindern anfangen müssen in der Schule aufzuklären. Auch bei der ganz klassischen Aufklärung über die Sexualität von Anfang an zu sagen: Übrigens, es gibt neben Mann und Frau auch Mann und Mann und Frau und Frau, sodass man es gleich von Anfang an richtig macht, denn Kinder sind völlig vorurteilsfrei."
CSD Berlin
Das Landesarbeitsgericht (LAG) Berlin-Brandenburg hat einer Lehrerin eine Entschädigung in Höhe von 8.680 Euro zugesprochen (Urt. v. 09.02.2016, Az. 14 Sa 1038/16), da ihre Bewerbung auf einen Lehrerposten wegen ihres Kopftuchs abgelehnt worden war. Das Gericht sieht in der Ablehnung der Bewerbung im Zusammenhang mit dem muslimischen Kopftuch eine Benachteiligung der Muslima im Sinne von § 7 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG).
Das Berliner Neutralitätsgesetz müsse im Hinblick auf die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts ausgelegt werden. Karlsruhe hatte entschieden, dass ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen in öffentlichen Schulen nicht mit der Verfassung vereinbar ist. Allein vom Tragen eines Kopftuchs gehe keine Gefahr aus.
Die Berufungsrichter haben unter Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalls eine Entschädigung in Höhe von zwei Monatsgehältern der Lehrerstelle festgesetzt, das entspricht 8.680 Euro. Die ausgebildete Bewerberin hätte die Möglichkeit gehabt, mit Kopftuch an einer berufsbildenden Schule zu unterrichten, wo das Kopftuchverbot nicht gilt.
Die Klägerin lehnte in dem Berufungsverfahren einen Vergleich ab, wonach sie anstelle eines Kopftuchs ihr Haar auch mit einer Perücke bedecken könne. Eine Perücke komme für ihre Mandantin "aus Glaubensgründen nicht in Frage", entgegnete jedoch ihre Anwältin.
Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) hat das Urteil begrüßt. "Das ist ein guter Tag für die Antidiskriminierung in Berlin", sagte er. Das Urteil sei der Anfang vom Ende des Neutralitätsgesetzes, so Behrendt weiter. Die rot-rot-grüne Koalition werde darüber nun Gespräche führen.
Die Entscheidung des LAG wirft grundlegende Fragen auf: Müssen Religion und Staat komplett getrennt sein? Muss ein Staatsbediensteter während seiner Tätigkeit auf das Tragen eines religiösen Symbols verzichten?
Das LAG argumentiert in seinem Urteil unter Berufung auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass "ein generelles Verbot eines muslimischen Kopftuchs ohne konkrete Gefährdung nicht zulässig" sei.
Linda, eine 49-jährige Transfrau aus Berlin, erlebt Hass aufgrund ihres Äußeren nahezu täglich. Sie berichtet, dass es für sie Alltag und "völlig normal" sei, dass ihr jemand vor die Füße spuckt - bis zu vier Mal pro Woche passiere das. Sie werde oft angestarrt oder mit "dummen Sprüchen" belegt.
Viele Leute würden sie abfällig fragen: "Bist du Mann oder Frau?" Es nerve und enttäusche sie, wenn sie immer wieder als "blöde Transe, Hure oder Schwuchtel" beschimpft werde.
Linda betont, dass in den Familien und Schulen frühzeitig aufgeklärt werden sollte, dass es andere Sexualitäten und eine Vielfalt gibt. "Man muss ja nicht alles gut und toll finden, aber es geht um eine Toleranz und Sichtbarkeit. Da ist die Politik nicht aktiv genug. Man könnte zum Beispiel Leute in Schulen einladen, damit sie ihre Geschichte erzählen."
Sie sagt: "Damit tue ich ja niemandem weh. Ich verstehe nicht, warum nicht jeder so leben kann, wie er will."
Transgender Symbol
In "Wachs oder Wirklichkeit" widmen sich Regisseur Christoph Marthaler, Anna Viebrock, Malte Ubenauf und Ensemble der Frage nach Wirklichkeit und Fake. Ein Menschenpanoptikum ist dafür originalgetreu nachgebaut, und darin versammelt sich eine bunte Mischung wachsgesichtiger menschlicher Doubletten. Heino erkennt man sofort mit seiner blonden Perücke und der Sonnenbrille, Lady Diana mit ihrer blonden Föhnfrisur.
Das Wachsfigurenkabinett lädt zu Komik ein, und Christoph Marthaler trotzt der Szenerie einige Szenen schönster widerspenstiger Begegnungen ab. Die Komik bleibt in "Wachs oder Wirklichkeit" aber in Balance mit den melancholischen Tönen.
Viele Texte des Schweizer Schriftstellers Jürg Laederach sind eingeflossen, in denen es um die Dialektik des Verschwindens geht.
Über all dem wacht als Mischung aus Wärterin und Hausmeisterin die Schauspielerin Hildegard Alex. Mit einem Staubwedel putzt sie den Menschen auf der Bühne, den echten wie wächsernen, den Staub herunter. Das ist viel mehr als ein Running-Gag. "Nicht einschlafen" bellt sie herum und rückt aufmunternd den Mängelwesen zu Leibe. Eine muss die Dinge schließlich am Laufen halten.
Die Inszenierung nimmt subtil die globale Zeitenwende in den Blick. Das Panoptikum präsentiert sich als eine Art Zwischenreich, bei dem sich in die Erstarrung in vielen kurzen Mini-Szenen skurril, melancholisch und verschroben immer wieder das Leben schiebt.
tags: #dirk #behrendt #perücke
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