Die Ärzte: "Le Frisur" – Ein ungewöhnliches Konzeptalbum über Haare

Vor mittlerweile 22 Jahren veröffentlichten Die Ärzte ihr Album „Le Frisur“. Obwohl es nicht zu den bekanntesten Alben der Band zählt, ist es ein spannendes und eigenständiges Werk, das auch nach Jahren noch Freude bereitet.

Die Ärzte live beim Rock am Ring 2019

Ein Konzeptalbum der besonderen Art

Dabei ist „Le Frisur“ eine stinknormale Punkplatte. Und bei Punkplatten ist es normal, dass nichts normal ist. So handelt es sich hier, wie soll es anders sein, um ein Konzeptalbum über Körperbehaarung.

Auch die Umstände der 1996er Veröffentlichung tragen zur Sympathie bei: Das im Jahr zuvor veröffentlichte „Planet Punk“ war noch sehr aktuell und die Band stoppte gleich den Verkauf beider Platten, indem sie das Publikum mit einem weiteren Album übersättigten.

„Richtig supi bist du nur mit einer schicken Haarfrisur“. Es folgen alltägliche Beispiele, in fetzige, kurze Rocksongs verpackt, anhand derer die Bedeutung der Frisur erläutert wird. Ob es nun um die Freundin geht, die nach dem Friseurbesuch einfach nichts mehr hermacht, den „Frisurenking“ Vokuhila oder den Dreitagebart, der allein „die Miezen ans Gerät bringt“: Ohne die passende (neue) Frisur heißt es oft „No Future“.

Musikalische Vielfalt und Kuriositäten

Auch auf musikalischer Ebene ist „Le Frisur“ zweifelsohne nur ein Produkt für Liebhaber gewesen. Zwar wurden mit „Mein Baby war beim Frisör“ und „3-Tage-Bart“ zwei hitverdächtige Knaller rausgehauen, auf dem Album wimmelt es jedoch ebenso von Obskuritäten.

„Haar“ ist ein musicalartiges Werk, das eigentlich nirgendwo hin will und nur dem Mitschreien von Hair-Love-Zeilen wie „Es darf nicht nur in den Kragen ragen!“ dient. Richtig klasse. Der Text von „Dauerwelle vs. Minipli“ beschränkt sich auf „Dauerwelle, Minipli“, natürlich unangenehm oft wiederholt. Im Stil der Comedian Harmonists wurde „Monika“ aufgenommen.

Zwischen den kurioseren Stücken lassen sich immer wieder Diamanten aus der Feder von Farin U. und Bela B. finden, die als perfekte Pop-Punk Songs funktionieren. Rod hat diesmal leider keinen Text gesungen.

Da gäbe es zum Beispiel „No Future (Ohne neue Haarfrisur)“, „Look, Don’t Touch“ oder „Straight Outta Bückeburg“. Ein Song wie „Motherfucker 666“ gibt nur im Refrain Gas, was ihn besonders livetauglich macht. Das Potential, aus jedem noch so blöden Thema einen Hit zu schreiben war bei Die Ärzte nie so hoch wie zu diesen goldenen Zeiten.

Der „Medusa-Man (Serienmörder Ralf)“ ist ein musikalischer Ruhepol auf dem aufgeregten Album, obwohl der Typ mit seinen Haaren töten will. „Dauerwelle vs. Minipli“ ist eines der wenigen Lieder, die ich zumindest vom Namen her kannte. Ich hatte mir etwas völlig anderes darunter vorgestellt. So etwas wie „Deine Freundin (wäre mir zu anstrengend)“.

Die Songs auf "Le Frisur"

Hier eine Übersicht der Songs auf dem Album:

  1. Erklärung
  2. Mein Baby war beim Frisör
  3. 3-Tage-Bart
  4. No Future (Ohne neue Haarfrisur)
  5. Look, Don’t Touch
  6. Straight Outta Bückeburg
  7. Motherfucker 666
  8. Medusa-Man (Serienmörder Ralf)
  9. Dauerwelle vs. Minipli
  10. Haar
  11. Monika
  12. Der Afro von Paul Breitner
  13. Vokuhila Superstar
  14. Kaperfahrt

Ein Album für Liebhaber und Entdecker

Denn die absurde Thematik ist hier eben nur vordergründig Blickfang. Wenn ich so über „Le Frisur“ nachdenke, kann ich eigentlich aber gar nichts Negatives darüber sagen. Die Ärzte machen halt ihr Ding, und zwar gut und überzeugend. Das Album hat mich nicht wirklich überrascht, aber auch nicht gelangweilt. Man geht ja ein wenig davon aus, hier und da von dieser Band ein wenig überrumpelt zu werden. Manchmal habe ich gestaunt, auf welche amüsanten Ideen man beim Songwriting gekommen ist, welche Details eingebaut wurden.

Mit Absurdität kann ich durchaus etwas anfangen, immerhin höre ich manchmal auch Helge Schneider oder ähnliche Künstler. Wobei „ähnlich“ sehr relativ ist. Und so haben auch Die Ärzte etwas ganz Einzigartiges, Unverkennbares an sich.

Auf dem Cover trägt sogar der Verstärker eine lange Matte: Le Frisur der Ärzte erscheint zu einem Zeitpunkt ihrer Karriere, an dem ihr Comeback einen ersten Zenit erreicht: Erst schießen sie 1993 mit Die Bestie in Menschengestalt in ungeahnte Mainstream-Regionen vor, im September 1995 legen sie mit Planet Punk ihr ganz persönliches Lieblingsalbum vor. Ein halbes Jahr später zeigen die Ärzte dann aber, dass sie wohl auf ewig die unberechenbare Konstante in der deutschen Rockmusik bleiben: Sie veröffentlichen ein Album, das sich vom ersten bis zum letzten Ton mit Friseur*innen und Frisuren auseinandersetzt.

Das mag damals witzig, absurd, ironisch, albern oder einfach nur verdammt unterhaltsam geklungen haben. Le Frisur erlangt einen ganz anderen Symbolwert - ganz zufällig 25 Jahre nach der ersten Veröffentlichung. Deutschland trägt Matte, die Farbe rausgewaschen, die Dauerwelle hängt auf Halbmast, Ponys baumeln wie Gardinen vor den Augen, kurz: Nie war ein Land schlechter frisiert als Ende Februar 2021.

Denn eines scheint ja festzustehen: Ohne den Friseursalon geht in diesem Land wenig bis gar nichts. Manche Salons öffneten in der Nacht auf den 1. März 2021 schon um Mitternacht, um die Krähennester, Zotteln und selbst verschnittenen Unfälle wieder auf Vordermann und Vorderfrau zu bringen. Damit man wenigstens im Home Office wieder in die Spiegel schauen kann. Die Ärzte schienen schon vor 25 Jahren um die Relevanz dieses Themas zu wissen.

Binnen zweier Wochen nehmen sie 17 Titel auf und präsentieren ihrer moderat begeisterten Plattenfirma ihre irrwitzige Idee, ein Konzeptalbum zum Thema Haare zu schreiben.

„Unsere Firma dachte damals, dass wir mit Le Frisur totalen Mist gebaut hatten, weil sie sich weniger gut verkauft hatte. Aber darum geht‘s doch gar nicht. Wenn es nur darum ginge, wäre Dieter Bohlen der beste Musiker der Welt. Ist er aber nicht!“, so resümierte Farin Urlaub 2003. Also gönnen sie sich einen unfassbar sinnfreien Spaß, der es irgendwie sogar schafft, das altgediente Punk-Mantra No Future auf den Verzicht eines Friseursalonbesuchs zu münzen.

In der Tat: Le Frisur ist eines der am wenigsten gut verkaufte Ärzte-Album der letzten 30 Jahre. Aber irgendwie auch das Originellste. Ihr typischer Punkrock der Neunziger mischt sich mit Crossover-Versatzstücken (Haare), tiefgestimmtem Metal-Gebolze (Dauerwelle vs. Minipli), loungiger Barber-Shop-Pausenmusik (Der Afro von Paul Breitner), Surf-Pop (Drei-Tage-Bart), Ska (Motherfucker 666), Tavernen-Folk (Kaperfahrt) und jeder Menge Raum für ihren textlichen Wahnsinn und Humor.

Die Ärzte haben sogar das erkannt und feinfühlig in Songs gepackt, die erschreckenderweise besser gealtert sind als viele andere ihrer liederlichen Exempel der Neunziger.

Vor 25 Jahren lachten wir noch über so viel absurde Einfälle. Heute, nach drei Monaten ohne Smalltalk auf dem Frisurenstuhl, müssen wir alle langsam einsehen, dass die Ärzte schon damals den gesellschaftlichen Wert dieses Berufsstandes erkannt und auf ihre Weise honoriert haben.

die ärzte - 3-Tage-Bart (Offizielles Video - Refurbished 2025)

Friseursalons sind am Ende des Tages vielleicht sogar der soziale Kitt, der unsere Gesellschaft vor der Schwelle des Wahnsinns bewahrt - und Le Frisur ist der ultimative Soundtrack für fallende Locken, gefärbte Strähnen und gepflegte Moustaches.

Vielleicht war es ja aber auch nur eine humorvolle und hinterhältige Aktion, um von ihrer Plattenfirma loszukommen. Ihr nächstes Album 13, veröffentlicht drei Jahre nach ihrem Frisurenfiasko, erscheint erstmals bei ihrem eigenen Label Hot Action Records. Es sollte ihre bislang erfolgreichste Platte werden.

Ein Konzeptalbum. Also: „Konzept“-Album. Nur ein halbes Jahr nach ihrem immer noch anhaltenden Supererfolg „Planet Punk“. „Le Frisur“ steht in der ansehnlichen Reihe von Schnapsideen der Besten Band der Welt unangefochten auf Platz eins. Eigentlich als kleine Spaß-EP zwischendurch geplant, sind es am Ende 17 Songs über Haare. Warum? Weil es die Idee gibt. Weil es keinerlei Sinn macht.

Das Cover des Albums "Le Frisur"

In nur 14 mit absurden Einfällen vollgepackten Tagen eingespielt, ist „Le Frisur“ nach herkömmlichen Musikgeschäftskriterien ein eher … äh … durchwachsener Erfolg. Aber Legende. Mit gleich einer Menge Fan-Lieblings-Geheimtipps à la „Der Afro von Paul Breitner“, „Vokuhila Superstar“ oder „Motherfucker 666“.

Die Todesmetall-Anleihe „Dauerwelle vs. Minipli“ wird zum Dauerklassiker auf den Konzerten. die ärzte: Jetzt mit ganz viel Hair Metal und Videodreh in Los Angeles. Mit fast ganz echtem Neunziger-Boyband-Charme.

Le Frisur wurde von Bela Farin und Rod im Jahr 1996 an nur 14 Studiotagen eingespielt. Dabei steht Le Frisur in der ansehnlichen Reihe von Schnapsideen der Besten Band der Welt unangefochten auf Platz eins. Eigentlich als kleine Spaß-EP zwischendurch geplant, sind es am Ende 17 Songs über Haare. Warum? Weil es die Idee gibt. Weil es keinerlei Sinn macht.

Le Frisur von Die Ärzte erscheint ausschließlich als Vinylalbum (inklusive Downloadcode) am 3. Februar 2023. Übrigens sind Bela, Farin und Rod ja schon seit einiger Zeit dabei, ihre Alben auch wieder als Vinyls verfügbar zu machen.

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