Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge, Macht und Machtmissbrauch - die Themen dieses 1808 uraufgeführten Klassikers könnten kaum heutiger sein! Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug" ist seit über 200 Jahren einer der beliebtesten Klassiker auf den Theaterbühnen. Tragisch und komisch zugleich, mit einer einzigartigen Sprachkunst und herrlichen Bühnenfiguren.
Die Handlung spielt in Huisum, einem kleinen niederländischen Dorf, wo Gerichtstag ist. Doch ausgerechnet heute kann der Dorfrichter Adam seine richterliche Perücke nicht finden, die er so dringend benötigt. Sie würde nicht nur sein Ansehen als Amtsperson vervollständigen, sondern auch die unangenehme, große Wunde an seinem Kopf überdecken, die er sich in der Nacht irgendwie zugezogen haben muss.
Just an diesem Tag taucht der gefürchtete Gerichtsrat Walter auf, um den ordnungsgemäßen Verlauf der Gerichtsverhandlung zu überprüfen. Immerhin handelt es sich um einen klaren Fall: Ein Krug wurde zerschlagen und der Übeltäter ist schnell ausgemacht. Doch so einfach ist es nicht! Nach und nach offenbart sich, dass es um sehr viel mehr geht.
Im niederländischen Dorf Huisum ist Gerichtstag und Frau Marthe Rull klagt gegen Ruprecht Tümpel, der sich angeblich des Nachts zu ihrer Tochter Eve geschlichen und dort einen wertvollen Krug zerbrochen habe. Dorfrichter Adam würde den Prozess am liebsten verschieben, ist er doch durch einen Unfall von Blessuren gezeichnet. Zudem hat er seine Perücke eingebüßt. Unglücklicherweise aber trifft just an dem Tag Gerichtsrat Walter aus Utrecht ein, um der Verhandlung beizuwohnen.
Wiederholtes Getuschel mit Eve und der kompromittierende Fund der verloren geglaubten Perücke schüren den bösen Verdacht, dass Adam womöglich selbst in den Vorfall verwickelt sein könnte. Heinrich von Kleists (1777 - 1811) Lustspiel ist eine herrliche Satire auf Amtsmissbrauch, Schlawinertum und Gesinnungslumperei. Darüber hinaus lässt sich der Dorfrichter, dessen Name nicht von ungefähr Adam ist, auch als Personifikation menschlicher Sündhaftigkeit schlechthin verstehen. Nötigung. Missbrauch des Richteramtes. Falschaussage und Verschleierung von Tatsachen.
Was geschah wirklich in jener Nacht, in der der Krug von Frau Marthe Rull zu Bruch ging? Wessen dunkle Gestalt sahen Zeug*innen aus dem Zimmer von Rulls Tochter Eve entfliehen? Wohin verschwand die Perücke des Richters? In Heinrich von Kleists Lustspiel um den Dorfrichter Adam, der sich selbst zu überführen hat, konkurrieren zahlreiche Perspektiven um die Rekonstruktion der Wahrheit. In Mathias Spaans Inszenierung verlässt die Geschichte den Gerichtssaal, um die verschiedenen Versionen der Tatnacht trickreich durchzuspielen. Zwischen widersprüchlichen Erinnerungen verschwimmt zunehmend die Gewissheit, wessen Wahrnehmung hier zählt.
Im Alten Schauspielhaus stehen Klassiker neben zeitgenössischen Stücken und aufwändigen musikalischen Produktionen auf dem Spielplan. Das Alte Schauspielhaus ist eines der schönsten Theater Baden-Württembergs und wie geschaffen für anspruchsvolles Sprech- und Schauspieler*innen-Theater. Es verfügt über 499 Plätze und hat ein angenehm ausgewogenes Verhältnis zwischen Zuschauerraum und Bühne. Die Zuschauer*innen sitzen nah dran am dramatischen Geschehen.
Mit dem 1. August 2018 hat Axel Preuß die Intendanz des Alten Schauspielhauses und der Komödie im Marquardt übernommen. Der neue Spielplan richtet sich an ein breites, kulturinteressiertes Publikum. In den Inszenierungen wird auf eine hohe Sprechkultur Wert gelegt. Die Inszenierungen selbst sind anspruchsvoll und zeitgenössisch, aber nicht experimentell.
Ein wahrhaft sprechendes Bühnenbild hat sich Leif-Erik Heine für Heinrich von Kleists berühmte Komödie „Der zerbrochne Krug“ im Alten Schauspielhaus ausgedacht. Hinter dem Gerichtstischragen schräge Holzlatten in die Luft, und unter der Decke hängen gänzlich verquer ein Fenster und ein Stuhl. Und durch den Richtertisch geht ein mächtiger Spalt. Hier stimmt etwas nicht, schreit das Bühnenbild, die normale Ordnung der Dinge funktioniert nicht mehr. Der Dorfrichter Adam schläft direkt unter seinem Richtertisch, eine geradezu kafkaeske Idee Heines (Bühne und naturalistisch-historische Kostüme). Nun hebt eine irrwitzige Handlung an. Kleist lässt die Gerichtsverhandlung höchst spannend und unterhaltsam mit diversen überraschenden Wendungen zum Ziel gelangen. Der Zuschauer kennt den Täter und schaut genüsslich zu, wie dieser zur Strecke gebracht wird.
Im Alten Schauspielhaus ist Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ über Macht und deren Missbrauch zu sehen - und wirkt dabei verblüffend modern. Andreas Klaue spielt den Richter einleuchtend mit kräftiger Stimme und scheinbar in sich ruhend, aber doch unsicher und angeschlagen. Ausdrucksstark gerät sein wechselndes Mienenspiel, fast wie ein Pantomime wirkt er da.
Ulrich Wiggers hat Kleists Komödie stimmig auf die Bühne gebracht. Andreas Klaue - mehrfach vom Publikum zum “beliebtesten Schauspieler” gewählt - spielt seinen Dorfrichter Adam mit der ganzen Palette seiner darstellerischen Fähigkeiten. Immer näher zieht sich das Netz der Indizien um den Dorfrichter Adam zusammen, der mit Ausflüchten und improvisierten Lügen den Verdacht von sich wälzen will.
Schon in der Antike war das Theater die Kunstform für die Menschen einer Stadt. Unterhaltsam und intelligent, tänzerisch und musikalisch wurden Themen auf die Bühne gebracht, die ein breites Publikum bewegen.
Eröffnet wurde das Alte Schauspielhaus, das sich auf dem historischen Gelände der ehemaligen Legionskaserne befindet, in der Friedrich Schiller als Regimentsmedicus arbeitete, nach nur siebenmonatiger Bauzeit am 6. November 1909. Seine erste Blütezeit erlebte das Theater in den 20er und 30er Jahren, als nahezu alle großen Theaterstars der Zeit auf der Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses, wie es damals noch hieß, zu erleben waren. Den fulminanten künstlerischen wie auch wirtschaftlichen Erfolg dieser Jahre verdankte das Theater dem Theaterdirektor Claudius Kraushaar.
Ab 1933 wurde das erfolgreiche Wirken Kraushaars von den neuen nationalsozialistischen Machthabern zerstört. Zunächst wurde Kraushaar aus der Leitung gedrängt, dann seitens der Stadt zum Verkauf des Theaters genötigt - weit unter Wert der Immobilie. Nach dem Krieg dauerte es Jahre, bis Kraushaar sein Theater 1949 endlich wieder übernehmen konnte.
Nach einer aufwendigen Renovierung wurde das Theater im Jahr 1984 wiedereröffnet. Auf den Tag genau 75 Jahre nach der ersten Vorstellung kehrte mit einer Inszenierung von Carl Sternheims Komödie „1913“ wieder Leben auf der Bühne des Alten Schauspielhauses ein. Die Intendanz übernahm Elert Bode, der bereits seit 1976 auch die Komödie im Marquardt leitete und der dem Haus seinen heutigen Namen gab.
Von 2009 bis 2018 leitete Manfred Langner das Haus. Am 1. August 2018 hat Axel Preuß die Intendanz des Alten Schauspielhauses und der Komödie im Marquardt übernommen. Sein besonderes Augenmerk gilt dem anspruchsvollen Schauspielensemble und der Bühnenliteratur.
Die Inszenierung huscht auch nicht über Kleists sperrige Sätze hinweg, sondern isoliert sie, dreht sie, leuchtet sie aus in einem ziemlich schaurig-lustigen Licht. Adams Satz „Ihr wisst, wie sich zwei Hände waschen können“, der Wahlspruch der Bestechung, wandert von Adam zu Walter.
Ein typischer Macho ist es, den Julius Janosch Schulte überzeugend gibt und der halt in allen gesellschaftlichen Schichten existiert. Lange musste sie darauf warten, auszusagen, doch dann gerät Eves Auftritt zur Sternstunde. Clara Kroneck kann allen Schmerz, alle Kränkungen, die ihr wiederfahren sind, leise und still vorbringen. Und dennoch sind ihre Worte Stachel, die ins Fleisch der Täter stechen. Ein Kampf ist gewonnen, aber so viele werden noch folgen.
Kleists Stück zeigt es sich überraschend gegenwartsnah. Ein typischer MeToo-Fall. Überhaupt geht es in diesem Mikrokosmos um Macht und deren Missbrauch, um Recht und Rechtsbeugung, aktuelle Fehlentwicklungen in autokratischen politischen Systemen der Gegenwart. „Der zerbrochne Krug“ ist eher eine Groteske als ein Lustspiel und in seiner Absurdität ganz modern. Und was für eine Sprache! Klar und eindeutig, dazu bildhaft-drastisch. Marie Schröder als Eve schweigt meistens, aber scheint fast zu explodieren, was sie am Schluss auch tut. Ulrich Wiggers hat das alles gut nachvollziehbar inszeniert, er setzt auf Kleists prägnante, sinnliche Sprache und ein einleuchtend agierendes Ensemble.
Die Inszenierung huscht auch nicht über Kleists sperrige Sätze hinweg, sondern isoliert sie, dreht sie, leuchtet sie aus in einem ziemlich schaurig-lustigen Licht.
Synthese braucht der Mensch in der Gegenwart - zusammenbringen, was da alles an Diversitäten kreucht und fleucht. Also heterogene Geschichten erzählen. Das tut Wilke Weermann.
Als wäre die Geschichte nicht schon 200 Jahre alt, kommt Heinrich von Kleists „Zerbrochner Krug“ in Münster in einer Bearbeitung von Wilke Weermann als Horrortrip daher - bitter und gewalttätig.
Der Regisseur lässt keine Möglichkeit aus, um den Finger so richtig in die Wunde zu legen. […] Für schwache Nerven ist das alles nichts. […] Es geht um Macht, um das ewige Patriarchat, um Lüge und Deutungshoheit.
Das analytische Drama nach antikem Vorbild, bei dem Vorgeschichte allmählich enthüllt wird, hat nur noch musealen Wert. Stattdessen wendet sich der Blick vom Täter auf das Opfer: Eve, dargestellt von Clara Kroneck, ist durchgehend präsent.
Ein typischer Macho ist es, den Julius Janosch Schulte überzeugend gibt und der halt in allen gesellschaftlichen Schichten existiert. Das tolle Ensemble vervollständigt Alaaeldin Dyab. Lange musste sie darauf warten, auszusagen, doch dann gerät Eves Auftritt zur Sternstunde. Clara Kroneck kann allen Schmerz, alle Kränkungen, die ihr wiederfahren sind, leise und still vorbringen. Und dennoch sind ihre Worte Stachel, die ins Fleisch der Täter stechen. Ein Kampf ist gewonnen, aber so viele werden noch folgen.
„So nimm, Gerechtigkeit, denn deinen Lauf!“, verkündet Adam und „judiziert“ sich selbst „den Hals ins Eisen“. Eve erleidet Lüge, Erpressung und einen sexuellen Übergriff, bevor sie den eigenen Richter anklagt.
Das analytische Drama nach antikem Vorbild, bei dem Vorgeschichte allmählich enthüllt wird, hat nur noch musealen Wert. Stattdessen wendet sich der Blick vom Täter auf das Opfer: Eve, dargestellt von Clara Kroneck, ist durchgehend präsent.
Ein typischer Macho ist es, den Julius Janosch Schulte überzeugend gibt und der halt in allen gesellschaftlichen Schichten existiert. Das tolle Ensemble vervollständigt Alaaeldin Dyab. Lange musste sie darauf warten, auszusagen, doch dann gerät Eves Auftritt zur Sternstunde. Clara Kroneck kann allen Schmerz, alle Kränkungen, die ihr wiederfahren sind, leise und still vorbringen. Und dennoch sind ihre Worte Stachel, die ins Fleisch der Täter stechen. Ein Kampf ist gewonnen, aber so viele werden noch folgen.
Was das coole Bühnenbild Nina Pellers in der vollen Portalbreite des Kleinen Hauses auf jeden Fall nicht bietet, ist die dörfliche Gerichtsstube. Überwachter Raum, Versuchslabor?
Die richterliche Perücke des Dorfrichters Adam ist mehr als nur ein Requisit. Sie symbolisiert sein Amt, seine Autorität und seinen Stand. Das Fehlen der Perücke deutet auf den Verlust seiner Autorität und die Offenlegung seiner Schuld hin.
Die Kostüme in der Inszenierung unterstreichen den Charakter der Figuren und die Atmosphäre des Stücks. Sie sind naturalistisch-historisch und tragen zur Glaubwürdigkeit der Handlung bei.
| Charakter | Beschreibung |
|---|---|
| Adam | Dorfrichter, der seine Perücke verliert und in den Fall verwickelt ist. |
| Walter | Gerichtsrat, der den Prozess überprüft. |
| Eve | Junge Frau, in deren Zimmer der Krug zerbrochen wurde. |
| Marthe Rull | Eves Mutter, die Klage erhebt. |
| Ruprecht Tümpel | Eves Verlobter, der verdächtigt wird. |
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