„Du, Mama, warum reden hier eigentlich alle immer von Harmonie?“, fragt mein Sohn Finn, zehn Jahre alt. Gerade sind wir durch einen „Garten der Harmonie“ spaziert. Nun machen wir fünf Minuten „Harmoniepause“ - die freundliche, chinesische Umschreibung für einen Toilettenstopp.
Finn denkt kurz nach und antwortet sich dann gleich selbst. „Hier ist alles so eng und drängelig. Alle sind immer in Eile. Vielleicht ist ihnen die Harmonie verloren gegangen. Sie wünschen sie sich zurück. Deshalb reden sie so viel davon.“
So genau hatte ich bisher darüber noch nicht nachgedacht. Aber sehr wahrscheinlich hat Finn recht. Überhaupt hat er verdammt oft recht in diesen Tagen. Und er stellt spannende Fragen, während er mit seiner Oma, 71, seiner Mutter, 41, und acht anderen Erwachsenen sowie sechs Kindern durch China fährt.
Wir drei sind zum ersten Mal hier und zum ersten Mal auf einer Studienreise, die Studiosus speziell für Familien aufgelegt hat. Gemeinsam besuchen wir die beiden Megastädte Shanghai und Peking, ein chinesisches Dorf und drei „Kleinstädte“, die jeweils immer noch mehr Einwohner haben als Berlin. Gespräche gibt es viele auf der Reise. Und oft hat der Jüngste in unserem Drei-Generationen-Gespann den klarsten Blick - und die größte Gabe, sich aufrichtig zu wundern.
Es ist ein nationaler Feiertag in China - der Tag der Ahnenverehrung. Millionen Besucher vom Land sind nach Shanghai gekommen. Und viele von ihnen sind offenbar überzeugt, dass Blond Glück bringt. Sie möchten die Haare meines Sohnes berühren und unbedingt ein Erinnerungsfoto machen. Jetzt aber schnell lächeln. „Cheese“, heißt das einzige Wort, das die Frau auf Englisch kennt.
Finn lächelt noch immer tapfer. Um ihn herum hat sich die fünfte Gruppe von Chinesen zum Foto platziert. Eine ältere Frau im dunkelblauen Hemdkleid aus Maos Zeiten deutet an, dass sie gern den Arm um den Jungen legen würde. Sein freundliches Nicken treibt der Chinesin Tränen der Rührung in die Augen.
Leben in China bedeutet, täglich wie ein achtes Weltwunder angestarrt zu werden. Selbst in Beijing sehen viele Menschen eine blonde Ausländerin als einzigartiges Phänomen, sodass ich schon lange aufgehört habe, die Fotos, die von mir und mit mir gemacht wurden, zu zählen.
Das jemand mit blonden Haaren und blauen Augen Mandarin spricht, bleibt hier für so manchen Chinesen unvorstellbar. Auf der anderen Seite bringt mich diese Sprache oft um den Verstand, so verwirrend kann sie sein.
Jupp es gibt blonde Chinesen. Nicht viele, aber das war ja auch nicht die Frage, sondern nur ob es welche gibt. Genghis Khan ist z.B. ein recht berühmtes Beispiel. Er soll rote Haare und grüne Augen gehabt haben, weshalb einige (Hobby-)Historiker bis heute spekulieren, ob er ein "reinrassiger Mongole" gewesen sei.
Deshalb kann ich an dieser Stelle nur noch nochmal betonen: Es gibt keine Menschenrassen. Phänotypische Differenzen sind keine "Rassemerkmale". Der biologische Unterschied zwischen einem Asiaten und einem Europäer kann geringer sein, als die "genetische Differenz" (furchtbar plump ausgedrückt, aber ich versuch es mal auf den Punkt zu bringen) zwischen zwei Europäern, deren Vorfahren seit Jahrhunderten in derselben Stadt gelebt haben.
Überhaupt bestimmen ca 0,01% des Genoms, das Aussehen eines Menschen. Von Rassen kann man da nicht sprechen. Menschen sind schon immer gewandert und durch die Menscheitsgeschichte hindurch gab es immer wieder teils sehr massive Wanderungsbewegungen. Es gibt also nur Mischlinge unter den Menschen.
Um also nochmal auf Genghis Khan zurückzukommen: Die Idee mit den "reinrassigen Mongolen" ist absoluter Quatsch - Weder die Mongolen, noch "die blonden Europäer" noch die Inder, Schwarzafrikaner oder sonst irgendwer sind sonst irgendwann jemals auf ihren Hintern sitzen geblieben, sondern stromerten schon immer über den Planeten.
blonde, blau- und grünäugige Mongolen, Chinesen, Kasachen und Kirgisen gibt es auch heute noch. Die beste Freundin meiner Mutter war eine dunkelblonde Kirgisin - ohne russische Vorfahren. Auch unter Indern und Nepalis gibt es hell brünette bis dunkelblonde Kinder mit grünen Augen.
Shi Ming: Sehr stark - besonders in den Großstädten. Das fängt schon beim Spielzeug an. Westlich aussehende Puppen sind sehr gefragt. Sie haben gebogene Wimpern, große, runde, blaue Augen, eine gerade Nase und einen fast weißen Teint. Bis in die Achtziger Jahre war individuelle Schönheit in China kaum ein Thema, heute ist die Schönheitsbranche der fünftgrößte Wirtschaftsfaktor.
Da muss man unterscheiden zwischen Männern und Frauen. Für Männer ist Schönheit immer noch unbedeutend. Ernsthaftigkeit und Seriosität sind für sie wichtig - das hat aber mit der Schönheit an sich wenig zu tun. Das verändert sich nur langsam. Bei Frauen dagegen ist Schönheit sehr wichtig.
Es geht sogar so weit, dass staatliche Stellen für weibliche Bewerberinnen die westlichen Standards von Schönheit anlegen. So entsprechen die geforderten Maße von Busen, Taille und Po genau den Maßen von amerikanischen Misswahlen. Und das ist ein gefährlicher Trend.
In China steigt die Anzahl der Schönheitsoperationen, es wird viel Geld für blaue Kontaktlinsen ausgegeben, und viele Chinesinnen färben sich ihre Haare blond. Das alles nur, um dem westlichen Schönheitsbild zu entsprechen. Und es ist nicht nur die Bedeutung von Schönheit, die in den Köpfen verankert ist, sondern auch die Bedeutung von "Erotik". Wie in Europa wird weibliche Schönheit - auch in China - immer mehr mit Erotik, mit Sexappeal gleichgesetzt.
Aber es gibt doch auch Gegentendenzen. Zum Beispiel ein Manifest namens "China Beauty", das das traditionelle Schönheitsideal wieder beleben möchte.
So wurde lange Zeit Modernität mit Schönheit gleichgesetzt. Was modern ist, ist gleichzeitig auch schön. Zum Beispiel Wolkenkratzer, futuristische Architektur, das ist schön. Schnelligkeit als Zeichen der Moderne prägte lange den städtischen Schönheitsbegriff.
Hier gibt es aber eine wirklich nennenswerte Gegenbewegung. Zum Beispiel die Schönheit in der Entspannung. Eine ausgeglichene Ausstrahlung kann viel schöner sein, als eine hektische. Für mich ist eine offene Haltung schön. Das hat auch etwas mit meiner Sozialisation zu tun, denn früher fand ich das schön, was in sich ruhte, was in sich geschlossen war.
Einen herausgeputzten Manager finde ich zum Beispiel gar nicht schön. Vielleicht kann mich ihr Gesicht nicht beeindrucken, aber ihre offene Ausstrahlung umso mehr.
China als vollwertiges Mitglied einer chinesischen Familie zu entdecken, ist ein spannendes Erlebnis, was mir täglich neue Erfahrungen bietet. Doch was bedeutet das eigentlich, mein "chinesischer Alltag"?
Leben in China bedeutet, fünf Tage die Woche zusammen mit 50 Mitschülern in einer Klasse von halb acht Uhr morgens bis 17 Uhr abends in der Schule zu verbringen, und dabei sein Bestes versuchen, wenigstens einen Teil des chinesischen Redeschwalls der Lehrer und Freunde zu verstehen. Sich mit dem engen Raum im Klassenzimmer und der zweimal täglichen Augengymnastik zu arrangieren.
Leben in China bedeutet, in kleinen Straßenrestaurants für umgerechnet 2 Euro ein Menü vorgesetzt zu bekommen, was mehrere Michelinsterne verdient, an fahrbaren Straßenständen Milchtee und andere Snacks zu kaufen und auf dem Nachhauseweg nach der Schule mit Freunden heiße geröstete Kastanien genießen.
Chinesische Küche wird nicht umsonst als die vielfältigste der Welt bezeichnet. Und neben der berühmten Beijing Kaoya „Peking Ente", sind hier in Beijing vor allem Jiaozi (gefüllte Teigtaschen) und Baozi (gedämpfte gefüllte Teigtaschen) sehr beliebt.
Leben in China bedeutet, sich an fremde Regeln, eine neue Umgebung, chinesische Sitten zu gewöhnen und sich anzupassen. Dazu zählen nicht nur das schon erwähnte chaotische Verkehrsverhalten, sondern auch Essensgewohnheiten, der Tagesablauf, alltägliche Konversation und chinesische Gebrauche.
Insgesamt spricht man hier fast jeden mit "Onkel", "Tante", "Schwester" etc. Einer der wichtigsten Bereiche meines Lebens hier ist natürlich meine chinesische Gastfamilie, die mich so herzlich und warm aufgenommen hat, dass ich mich hier wie in einem zweiten zu Hause fühle.
Es ist sehr interessant, eine fremde Lebensweise auf eine solch familiäre Art zu entdecken und erleben. Auch wenn mir so manches vielleicht nicht gleich gefällt und mir vieles am Anfang merkwürdig vorkommen sein mag, so habe ich doch gelernt, dass Fremde nicht sofort als falsch oder schlecht zu verurteilen sind, sondern mich darauf einzulassen und es auszuprobieren.
tags: #chinesische #mit #blonden #Haaren
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