Carsten Stahl: Vom Mobbing-Opfer zum Kämpfer gegen Gewalt an Schulen

Vier Jahre lang war Carsten Stahl als muskelbepackter Darsteller in der RTL-2-Serie „Privatdetektive im Einsatz“ zu sehen.

"Wen hast du gemobbt?" 10 Fragen an Ex-Mobbing-Täter Carsten Stahl | Galileo | ProSieben

Wiederholungen der fiktiven Doku-Soap laufen immer noch im Programm, doch Stahl hat sich inzwischen einer anderen Mission verschrieben: dem Kampf gegen Mobbing an Schulen. Dafür nutzt er seine Lebenserfahrung - als Opfer und als Täter.

Heute sieht man es dem muskelbepackten Hünen nicht mehr an, doch in der Schulzeit sei er der „kleine Dicke“ gewesen - und Zielscheibe für Hänseleien und Schläge. Einmal sei er in eine drei Meter tiefe Grube gefallen. „Eine Rippe war gebrochen. Ich hatte höllische Schmerzen, aber sie haben nur gelacht und auf mich heruntergepinkelt“, erzählt Stahl. „Das vergisst du nie. Nie in deinem Leben.“

Kriminelle Karriere

Die damalige Reaktion des jungen Mannes aus Berlin-Neukölln: trainieren und selbst zum Schläger werden. Bei jedem komischen Spruch habe er zugeschlagen. „Die Leute haben plötzlich Respekt vor dir, denkst du jedenfalls“, sagte Stahl der „Süddeutschen Zeitung“. „Dabei haben sie einfach nur Angst.“ Er sei in das kriminelle Milieu eingetaucht, dort winkten ihm Macht und Geld.

Ein Ereignis habe ihn dabei fast komplett in den Abgrund geführt: Er habe den Falschen von seiner schwangeren Freundin erzählt. Sie seien bei ihm zuhause aufgetaucht und die Situation sei eskaliert. „Meine schwangere Freundin verlor unser Kind und trennte sich von mir“, erzählte Stahl. „Ich habe durch den Verlust begonnen zu trinken und Drogen zu nehmen und habe mich beinahe umgebracht.“

„Ich wollte mein Kind diesmal unbedingt schützen. Ich habe mich freigekauft und bin raus aus dem kriminellen Milieu“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Dass er daraufhin im Fernsehen landete, war eher ungeplant. Der Sender suchte einen tätowierten Muskelmann und Stahl war das Geld willkommen.

„Die Plots waren eher dünn, aber die Zuschauer haben mich gemocht, weil ich mich nicht verstelle“, urteilt Stahl heute über die RTL-2-Serie „Privatdetektive im Einsatz“. Für seine jetzige Arbeit haben die fast 300 Episoden der fiktiven Doku-Soap durchaus Vorteile: „Die Serie läuft als Wiederholung immer noch - jeden Morgen bei RTL 2. Daher kennen mich viele Kids“, so der Coach.

Hilfe für seinen Sohn und alle anderen Kinder

Erst jetzt ist Stahl da angekommen, wo er seit langem hinwollte. „Ich sagte zu meinem Sohn: Ich schwöre dir, dass ich nicht eher aufhöre, gegen Mobbing zu kämpfen, bis jeder verstanden hat, dass Mobbing Menschen für ein ganzes Leben zerstört“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Sein Sohn sei am zweiten Schultag mit blutiger Lippe heimgekommen. Stahl wollte das nicht mehr hinnehmen.

Also habe er die Sache selbst in die Hand genommen. „Ich habe vor vier Jahren ganz allein angefangen, Flyer vor Schulen zu verteilen und Hilfe in Sachen Anti-Mobbing anzubieten“, erzählte Stahl.

Hart erkämpfte Legitimation

Der Erfolg gab dem Ex-TV-Star recht. Inzwischen tourt er als Anti-Mobbing-Coach durch die Schulen. Stahl ist kein Pädagoge oder Psychologe, doch seine Popularität hat ihm geholfen: „Heute fülle ich Aulas und Schulsporthallen. Und Politiker wie der FDP-Chef Christian Lindner, CDU-Generalsekretär Peter Tauber oder Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke unterstützen meine Arbeit.“

Seine Legitimation habe er sich durch seine eigene Geschichte erkämpft. „Die Kinder spüren, dass dieser große starke Mann dort vorn Opfer war und später auch Täter. Sie kleben an meinen Lippen, obwohl ich nie über meine TV-Zeit rede“, erzählte Stahl der „Süddeutschen Zeitung.“ Und auch von den Lehrern bekomme er positive Reaktionen - weil er unverblümt und frei rede.

„Ich erzähle meine Geschichte“

Ums Geld gehe es ihm dabei nicht. „Wenn es mir um die Kohle gegangen wäre, wäre ich kriminell geblieben, hätte als Detektiv fürs Fernsehen weitergedreht oder wäre im Dschungel-Camp oder bei ‚Big Brother‘ aufgetreten“, so Stahl. „Ich mache das hier, weil sich jeden zweiten Tag in Deutschland ein Kind wegen Mobbing umbringt.“ Sein Verein finanziere sich aus verschiedenen Quellen.

„Ich erzähle meine Geschichte. Dann können sich viele Kinder öffnen, erzählen, wie sie selbst zum Opfer oder Täter wurden“, berichtete Stahl der „SZ“.

Mobbing - was tun?

Die Crux beim Thema Mobbing: Gerade Eltern von Jugendlichen fällt es schwer, überhaupt zu erkennen, ob das eigene Kind gemobbt wird. Zieht es sich nur zurück, weil es gerade die Pubertät durchlebt? Oder liegt wirklich Mobbing vor? Vor dieser Frage stehen Eltern oft.

  1. Eines steht fest: Wegzuschauen ist keine Option! Immer wieder werden heute sogar Suizid-Fälle Jugendlicher publik, die auf Mobbing zurückzuführen sind.
  2. Das Fatale beim Mobbing: seine Steigerungsrate. Davor warnt auch Carsten Stahl: „Es mag beginnen mit ‚Idiot’, dann geht es weiter mit ‚Vollidiot’ und so steigert es sich ganz schnell.“
  3. Doch was tun, wenn sich die Hinweise auf Mobbing verdichten? Carsten Stahls Antwort: „Ich rate den Eltern: Hört genau hin! Ihr habt vielleicht maximal ein bis zwei Chancen, Mobbing zu erkennen.“

Selbst wenn sie das tun, stehen Eltern allerdings vor der Herausforderung, überhaupt Zugang zu unseren Kindern zu bekommen. Wie kann das gelingen? „Wenn ihr spürt, dass irgendetwas nicht stimmt, setzt euch in einem ruhigen Moment zusammen, signalisiert dem Kind, dass ihr es liebt - und erzählt eure eigene Geschichte“, empfiehlt Stahl.

Welche Formen von Mobbing gibt es?

Egal wohin man schaut: Mobbing gibt es in fast jedem sozialen Gefüge. Am flapsigen Spruch „Ist die Gruppe noch so klein, einer muss das Arschloch sein“, den Ex-GNTM-Kandidatin Sarah Knappik einst im Dschungelcamp äußerte, ist leider etwas dran.

  • „Klassisch“ meint an dieser Stelle das analoge Schikanieren ohne Internet. Schon unsere Großeltern wissen darüber Geschichten aus ihrer eigenen Kindheit und Jugend zu erzählen, vielleicht sogar noch immer mit einem hämischen Kichern, wenn sie nicht selbst betroffen waren.
  • Bei Cybermobbing handelt es sich um einen ähnlichen Sachverhalt, nur dass das Mobbing z. B. via Messenger, Internet und in sozialen Medien stattfindet. Viele sogenannte Hater fühlen sich im Internet aufgrund der vermeintlichen Anonymität und damit verbundenen Sicherheit mutiger.

Leider gibt es wenige Zahlen zu Mobbing in Grundschulen. Wie immer mögen die Dunkelziffern weit höher liegen, denn viele Betroffene schweigen aus Angst oder Scham.

Was motiviert Täter zu Mobbing?

Wer mobbt, hat Gründe, auch wenn er im Unrecht ist. Bringen Sie Ihren Kindern daher Strategien zum Problemlösen nah und reden Sie gemeinsam über Stärken und Schwächen. Wer zu Hause gedemütigt, misshandelt, vernachlässigt, missbraucht wird, trägt vielleicht eine riesige Wut in sich. Wie toll muss es sein, mal andere leiden zu lassen, der/ die Stärkere zu sein?

Manchmal ist es einfacher, auf andere einzuhacken, als selbst Opfer zu werden oder sich eigene Schwächen einzugestehen. Auch Neid spielt manchmal eine Rolle: Warum hat der/ die immer so tolle Noten, während ich Diktate einfach immer verhaue? Ha, aber dafür habe ich nicht so eine riesige Nase! Das finden die anderen bestimmt auch lustig.

Wodurch wird man Opfer von Mobbing?

Es sagt sich so leicht, dass es jede und jeden treffen kann. Tatsächlich weisen Betroffene oft Merkmale aus, die sie für Täter zu einer scheinbar leichten Zielscheibe machen.

  • Wer bereits Gewalt ausgesetzt war, z. B. durch Missbrauch, Prügel oder psychischen Missbrauch, ist meistens auch im späteren Leben für Täter leicht zu identifizieren - vor allem, wenn er durch seine Körpersprache Unterlegenheit und Angst signalisiert und generell nie die Chance hatte, sich zu behaupten oder Selbstwertgefühl zu entwickeln.
  • Wenn ein Kind, aus welchen Gründen auch immer, in der Schule keine oder nur wenige Freunde hat oder gern für sich bleibt, ist es potenziell angreifbarer als jemand, der permanent von einer netten Gruppe Mitschüler umringt ist oder sich großer Beliebtheit erfreut.

Je besser das Kind in den Klassenverband integriert ist, umso weniger eignet es sich für Mobbingattacken. Wenn Sie Zeuge werden, schreiten Sie ein. Sprechen Sie gemeinsam darüber, erzählen Sie, was Ihnen vielleicht schon Peinliches passiert ist, wie sie sich gefühlt haben, Sie damit umgegangen sind, was Sie sich gewünscht hätten. Ergreifen Sie Partei. Fragen Sie die Spötter, wie sie sich an der Stelle des anderen fühlen würden - und auch, warum sie reagieren, wie sie es tun.

Mögliche Folgen von Mobbing können daher u. a. psychische Erkrankungen wie Tics, Süchte, Ängste, Autoaggression, Essstörungen, bis hin zu Depressionen sowie Suizid. Es ist ganz klar: Mobbing ist kein Kavaliersdelikt und unter allen Umständen zu verhindern.

Was können Sie tun?

Die folgenden Ansätze zeigen Ihnen, wie Sie effektiv gegen Mobbing vorgehen können, um Ihre SuS zu schützen.

  • Aufklärung und Abschreckung können Wunder wirken: Können Sie z. B. einen Polizeibeamten für einen Vortrag in Ihrer Klasse gewinnen? Besucht Sie ein Coach, der sich (als ehemaliges Opfer oder Täter) gegen Mobbing stark macht?
  • Thematisieren Sie Mobbing im Unterricht. So sensibilisieren Sie Ihre SuS und helfen ihnen, ihre Empathie zu stärken.
  • Richten Sie auch einen anonymen Sorgenbriefkasten ein.
  • Machen Sie Ihren SuS klar, dass sie Rechte haben, dass Mobbing z. T. sogar ein Strafbestand ist und sie sich wehren dürfen. Sagen Sie klar: Ich helfe!

Mobbing soll Schwächere schwächen. Die beste Waffe dagegen ist Stärke, die aber viele Kinder (noch) nicht haben. Mache Sie Ihren SuS trotzdem deutlich, dass sie Mobbing zu keinem Zeitpunkt und in keiner Form hinnehmen müssen.

Bieten Sie Ihren SuS so viele Alternativen wie möglich. Selbstbeherrschung ist alles: Wenn sich das Mobbing in hämischen Kommentaren erschöpft, ist keine Reaktion die beste. Never walk alone! In extremeren Fällen, wenn körperliche Übergriffe drohen, ist man alleine hilflos.

Es ist nicht deine Schuld! Niemand verdient Mobbing. Niemand hat etwas getan oder besitzt eine Eigenschaft, die ein solches Verhalten rechtfertigt. Auch, wenn die Verzweiflung groß, im Wortsinn unendlich sein mag: Es geht vorüber.

Zuallerletzt: Es muss sich von selbst verstehen, dass Sie Ihren SuS jederzeit mit Verständnis, Empathie und Respekt begegnen. In der Praxis sieht es manchmal anders aus. Stellen Sie sich also immer die Frage: Würde ich als Erwachsene oder Erwachsener mir das gefallen lassen, würde ich mich gut dabei fühlen?

Tabelle: Formen von Mobbing und mögliche Auswirkungen

Form des Mobbings Beschreibung Mögliche Auswirkungen
Klassisches Mobbing Analoges Schikanieren ohne Internet Angst, sozialer Rückzug, geringes Selbstwertgefühl
Cybermobbing Mobbing über Messenger, Internet und soziale Medien Schnelle Verbreitung von Gerüchten, psychischer Stress, soziale Isolation
Sexualisierte Gewalt Machtdemonstration zur Erniedrigung und Zerstörung Trauma, Angstzustände, Depressionen

tags: #Carsten #Stahl #Frisuren

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