Die Bedeutung der Haare: Mehr als nur eine Nebensache

Auch wenn der Mensch im Laufe der Evolution viel von seiner Behaarung eingebüßt hat: Haare sind keinesfalls zur Nebensache geworden. Nicht nur für Frisöre sind sie die Hauptsache. Was immer Menschen im Laufe der Geschichte mit ihrem Haar angestellt haben: Es hatte immer etwas zu bedeuten.

Allongeperücken, ca. 1715. Gemälde von Nicolas de Largillière.

Haare im Wandel der Zeit

In der Antike trug man es gern lang; bei Frauen galt dies als Schönheitsideal, bei Männern als ein Zeichen von Stärke und Mut. Bei den Germanen war das Abschneiden des Nackenhaares eine Strafe für eine Missetat. Der „geschabte Nacken“ galt über viele Jahrhunderte als Schandmal.

Kahlheit wurde früher als Makel angesehen. Der französische König Ludwig XIII. versteckte sein frühzeitig kahl gewordenes Haupt unter einer Perücke, sein Sohn Ludwig XIV tat es ihm gleich, nur dass seine Perücke ungleich prächtiger war und zum modischen Vorbild für den gesamten europäischen Adel wurde - und zum Statussymbol.

Haare als Ausdruck von Identität und Kultur

Unsere Haare stellen ein äußeres Merkmal dar, das wir auf den ersten Blick wahrnehmen und besitzen schon allein deshalb eine Schmuckfunktion. Andererseits sind sie aber auch eng mit dem gesellschaftlichen Werte- und Normensystem verbunden. Ihre Bedeutung kann von Kultur zu Kultur stark variieren.

In vielen afrikanischen Kulturen werden Frisuren genutzt, um eine Zugehörigkeit zu gewissen ethnischen Gemeinschaften zum Ausdruck zu bringen. Bestimmte Frisuren markieren einen sozialen Status oder Familienstand. Der Afro wiederum ist ein Symbol des schwarzen Stolzes und Zeichen des Widerstands.

Generell sind Haare oft auch mit Diskriminierung und Vorurteilen behaftet: Rotes Haar wurde lange Zeit mit dem Teufel in Verbindung gebracht, wofür rothaarige Menschen nicht selten mit dem Leben zahlen mussten. Und auch wenn die Konsequenzen der Gleichung „blond = blöd“ vielleicht nicht ganz so drastisch ausfallen - einen gesellschaftlichen Stereotyp hat sie dennoch hinterlassen.

Das Schneiden von Haaren gilt oft auch als Initiationsritual. In Japan wird Neugeborenen nach 30 Tagen der Kopf rasiert, bevor sie im Tempel gesegnet und so in der Gesellschaft willkommen geheißen werden. Und auch wenn das Leben endet, spielt die Frisur eine Rolle: In manchen Kulturen schneiden sich die Menschen nach dem Verlust einer geliebten Person als Zeichen der Trauer die Haare ab.

Im Christentum gelten Haare als Symbol der Demut. Während langes Haar bei Männern als Zeichen von Stärke und Kraft interpretiert wird, steht es bei Frauen für Weiblichkeit - was auch immer das konkret bedeuten soll. Deshalb kam die Kirche mit dem Bubikopf der 1920er Jahre überhaupt nicht klar, prangerte ihn als ‚gottlos‘ an und sah ihn als Akt der Selbstverstümmelung. Im Hinduismus stehen Haare im Zeichen der Opferung: Hindus schneiden ihre Haare als einen Akt der Reinigung und Hingabe.

Haare sind nicht nur ein Mittel, sich einer Kultur oder Religion zugehörig zu fühlen - sie sind auch ein wunderbarer Weg, die persönliche Identität zu unterstreichen. Die eigenen Haare selbstbestimmt zu verändern, ist ein wichtiger Schritt in der persönlichen Entwicklung. Haarschnitt und -styling kann den individuellen Stil und die Identität einer Person ausdrücken.

Wer in den 1960ern einen Pilzkopf trug, hörte wahrscheinlich eher Beatles als Rolling Stones. Bei Veränderungen oder neuen Abschnitten im Leben ändern Menschen häufig auch ihre Frisur. Das ist kein veraltetes Klischee, sondern der Versuch, die Kontrolle zu behalten. Kurze Haare werden dabei häufig mit Neuanfang oder Freiheit in Verbindung gebracht, während man langes Haar mit Spiritualität assoziiert. Natürlich orientieren wir uns meist auch am Schönheitsideal unserer jeweiligen Kultur - und das kann von lockig bis glatt alles sein. Frisurentrends wiederholen sich übrigens im selben Rhythmus wie Modetrends. Frauenfrisuren wechseln beispielsweise zwischen Künstlichkeit und Natürlichkeit.

In vielen Kulturen werden bestimmte Haarlängen und -schnitte als typisch männlich beziehungsweise weiblich betrachtet. Während Haare bei Männern körperliche Stärke repräsentieren sollen, sind sie bei Frauen oft sexuell konnotiert und gelten als Zeichen der Verführung, weshalb sie in einigen Kulturen und Religionen zusammengesteckt oder gleich ganz verschleiert werden müssen.

Redewendungen rund ums Haar

Unzählige Redewendungen ranken sich ums Haar, vom berühmten „Haar in der Suppe“ über die äußerst knappe „Haaresbreite“ bis zur ungalanten Feststellung „Das kannst du dir in die Haare schmieren“. Wer sprichwörtlich angewidert ist, dem „kräuseln sich die Nackenhaare“. Wen das Entsetzen packt, dem „sträuben sich die Haare“, wenn sie ihm nicht gar „zu Berge stehen“.

Dass es früher häufig zu Raufereien kam, bei denen man sich gegenseitig Haare ausriss, zeigt sich in Redewendungen wie „sich in die Haare geraten“, „sich in den Haaren liegen“ und „Haare lassen müssen“.

Die Angewohnheit, Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen, führte zu abwertenden Redensarten wie „krauses Haar, krauser Sinn“, „wirres Haar, wirrer Verstand“ und „lange Haare, kurzer Verstand“. Die letzte galt dem weiblichen Geschlecht, dem der Mann in seiner Selbstherrlichkeit gern unterstellte, nicht klar denken zu können.

Meine Großmutter legte noch Wert auf die Unterscheidung zwischen Haaren und Haar. Das Haar in der Einzahl stand für den Wuchs auf dem Kopf, während „die Haare“ den Wuchs unter den Achseln und im Schambereich bezeichneten.

Dass Haare nicht immer so sprießen, wie wir wollen, und auch nicht immer nur dort, wo sie sollen, ist für die einen ein lästiges Ärgernis, für andere ein dankbares Geschäft. Die stetig wachsende Zahl an Waxingsalons beweist, dass der Trend zur dauerhaften Haarentfernung auch bei uns in Deutschland angekommen ist.

Manche Menschen haben sogar Haare auf Zähnen. Dies wird jedenfalls einigen besonders couragierten Frauen nachgesagt. Früher hieß es noch „Haare auf der Zunge“ und resultierte aus der Vorstellung, dass eine starke Behaarung Kraft und Durchsetzungsfähigkeit bedeutete. Bei manchen hat sich diese Vorstellung bis heute gehalten.

Haare können deinen Look vollenden, den Anfang neuer Lebensphasen markieren, dich mit Selbstbewusstsein stärken oder dir den Tag vermiesen - Stichwort: Bad Hair Day. Wir wollen nicht melodramatisch werden, aber was wir da auf dem Kopf tragen, spielt schon eine ziemlich große Rolle.

Haare markieren soziale Zuschreibungen und Abgrenzungen. Haarschnitte richten sich nach Alter, Status und Mode, spiegeln Geschlechter- und Körperbilder ihrer Epoche wider. Nicht umsonst haben wir uns vor 20 Jahren die Haare gekreppt, während der 2000er die Hälfte der Haarpracht über die Stirn gekämmt und sind voller Überzeugung mit einem Socken-Dutt auf dem Kopf durch die vergangene Dekade marschiert.

Die Geschichte der Frisuren und der Friseure

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