Jedes Jahr sterben in Deutschland viele Menschen an Krankheiten, die sie durch ihre berufliche Tätigkeit erlitten haben. Das sind mehr als durch Arbeitsunfälle. Das gilt vor allem für Menschen, die im Job mit gesundheitsgefährdenden Stoffen in Berührung kommen. Aber auch der ständige Umgang mit Lacken, Farben und Chemikalien, kann Arbeitnehmern noch viel später teuer zu stehen kommen.
Die Anerkennung einer Erkrankung als Berufskrankheit ist schwierig, weil der Zusammenhang zwischen Erkrankung und Arbeit nicht immer eindeutig besteht. Laut Sozialgesetzbuch gelten in Deutschland 68 Erkrankungen als Berufskrankheiten.
Berufliche inhalative Noxen verursachen 9-15 % aller neu aufgetretenen Asthmafälle im Erwachsenenalter. Die Inzidenz des Berufsasthmas variiert je nach Land. Neben der Umsetzung von Präventionsmaßnahmen hängt die Häufigkeit von der Methodik und dem Zweck der Datenerhebung, der Definition der Erkrankung, der Wirtschaftsstruktur, rechtlichen Rahmenbedingungen und Verwaltungsverfahren sowie der Integration der Berufskrankheiten in das soziale Sicherungssystem ab.
Im Hinblick auf die Zunahme der Asthmahäufigkeit in Industrieländern sind Auswertungen von Berufskrankheitenstatistiken zur Identifikation von Risikobereichen und Präventionspotenzialen sowie von Forschungsbedarf wichtig. Die zuverlässigsten Angaben stammen von Ländern mit Meldepflicht wie z.B. in Finnland und Deutschland.
Geschlechtssensitive Auswertungen von Berufskrankheitenstatistiken geben Hinweise auf Präventionspotenziale und Forschungsbedarf. Ziel der Untersuchung war, die aktuellen Daten aus dem gewerblichen Bereich Deutschlands bezüglich geschlechtsspezifischer Unterschiede darzustellen.
Aus dem Datenbestand des Hauptverbands der gewerblichen Berufsgenossenschaften (HVBG) wurden für das Jahr 2004 die Fälle eines bestätigten Verdachts auf eine obstruktive Bronchialerkrankung (Berufsasthma) innerhalb der Berufskrankheiten BK 4301 (allergisierende Arbeitsstoffe), BK 4302 (chemisch-irritative oder toxische Arbeitsstoffe) und BK 1315 (Isocyanate) nach ursächlichem Stoff und Beruf aufgegliedert. Zusätzlich wurden die Jahre 1995 bis 2004 für ausgewählte Berufe nach zuerst meldender Stelle, dem Alter im Jahr der Feststellung und der Dauer der Einwirkung geschichtet.
Im Jahr 2004 bestätigten die gewerblichen Berufsgenossenschaften in 711 Fällen - darunter 224 Frauen (31,5 %) und 487 Männer (68,5 %) - den Verdacht einer Berufskrankheit (BK), die mit Berufsasthma (Bronchialobstruktion) vereinbar ist.
Als Auslöser dominierten unter Männern Mehl/-produkte, Teig-/ Back-/ Konditorware (41,1 %), Staub von Nahrungs-/ Futtermittel (9,2 %) und Isocyanate (7,8 %) sowie unter Frauen Mehl/-produkte, Teig-/ Back-/ Konditorwaren (17,9 %), Haarfärbemittel (11,6 %) und Haarfixiermittel (11,2 %).
Zu den am häufigsten betroffenen Berufen zählten Bäcker/Konditoren/Süßwarenhersteller (46,4 %), Maler/ Tapezierer/ Gebäudereiniger (4,5 %) und Schweißer/Brennschneider (4,3 %) einerseits und Friseurinnen (35,3 %), Bäckerinnen/ Konditorinnen/Süßwarenherstellerinnen (14,7 %) und Laden-/ Verkaufs-, Marktstandsverkäuferinnen (8,0 %) andererseits.
Es wurden vorliegende Prozessdaten herangezogen, um geschlechtssensitiv die BK-Anzeigen und Frühberentungen hinsichtlich des Auftretens von Berufsasthma zu beschreiben, um die Frage zu klären, warum bei Männern in einigen Arbeitsbereichen häufiger ein Berufsasthma bestätigt wurde als bei Frauen.
Zur Beurteilung möglicher Selektionsprozesse in den am häufigsten betroffenen Berufen wurde die Anzahl der bestätigten Fälle einer allergischen Atemwegserkrankung unter Bäcker/innen und Friseur/innen der Jahre 1995 bis 2004 zusammengefasst und nach der zuerst meldenden Stelle ausgewertet. Die meisten der bestätigten Verdachtsanzeigen bei Männern und Frauen wurden von Ärzten gestellt (der Anteil war mit 63,3 % am geringsten bei Friseurinnen und mit 78,8 % am höchsten bei Friseuren).
Das Arbeitsamt meldete einen höheren Anteil von Bäckerinnen/ Konditorinnen/ Süßwarenherstellerinnen als von Bäckern/ Konditoren/ Süßwarenherstellern (13,9 % vs. 9,1 %). Entsprechendes gilt für Friseurinnen im Vergleich zu Friseuren (14,4 % und 6,1 %).
Im Jahr der Feststellung der Berufskrankheit waren 40,5 % der Bäckerinnen unter 25 Jahren; bei den Bäckern waren dies nur 22,6 %. Während die Dauer der Einwirkung bei 24,3 % der Bäcker mindestens 20 Jahre betrug, traf dies nur auf 6,5 % der Bäckerinnen zu.
Auswertungen der Daten des Verbands der Deutschen Rentenversicherungsträger legen nicht nahe, dass Frauen eher als Männer aufgrund von Krankheiten der Atmungsorgane frühberentet werden. Im Jahr 2003 gab es prozentual mehr Rentenzugänge wegen verminderter Erwerbsfähigkeit aufgrund von Krankheiten der Atmungsorgane unter Männern als unter Frauen (3,1 % vs. 2,0 %).
Deskriptive Auswertungen von Routinedaten der Unfallversicherungsträger können Hinweise auf Präventionspotenziale geben. Obwohl nur knapp ein Drittel der 2004 anerkannten Fälle eines Berufsasthmas Frauen waren, ist deren Anteil hiermit höher als der Durchschnitt aller Berufskrankheiten.
Zur Klärung geschlechtsspezifische Unterschiede in Berufswahl, Tätigkeit und Atemwegsgefährdung, Expositionsdauer, Anzeige und Anerkennung der BK, Ausscheiden aus dem Berufsleben und krankheitsbedingter Frühberentung wurden weitere Prozessdaten herangezogen.
Die beobachteten geschlechtsspezifischen Unterschiede spiegeln z.T. Unterschiede in der Berufswahl wider. Laut Angaben der Beschäftigtenstatistik waren 2004 93,4 % der Friseure/innen, aber nur 34,6 % der Bäcker/innen/ Konditoren/innen/ Süßwarenhersteller/innen Frauen.
Nach den vorgelegten Daten stellen in Deutschland das Back- und Friseurhandwerk den dringlichsten Handlungsbereich dar. Information über die besondere Atemwegsgefährdung in diesen Berufen sollte auch Berufsanfängern zur Entscheidungsgrundlage zur Verfügung gestellt werden.
tags: #berufskrankheit #friseur #lungenerkrankungen
Diese Website verwendet Cookies. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen
Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.