Die überraschende Geschichte des gealterten weißen Tees und die Teeindustrie in Indien

Während eines Workshops mit dem Inhaber von „One River Tea“ fiel dem Teekenner/Blogger/ Cody „OolongDrunk“ auf, dass alle gealterten weißen Tees, die in den einschlägigen Online-Shops verfügbar waren, aus den Jahren nach 2011 kamen und die derzeit neusten alten weißen Tees alle ca. 7 Jahre alt waren. Optisch fallen die alten Weißen durch mehr braune Blätter auf.

Produzenten von „One River Tea“ erklärten ihm, dass weißer Tee entweder grünlich produziert werden kann oder bräunlich. Grün ist in diesem Falle die traditionelle Pflückung und Sonnentrocknung mit dünn verteilten Blättern auf Bambusmatten oder Körben. Bei der neuen braunen Methode werden Blatthaufen an der Sonne getrocknet und die hohe Hitze im Blatthaufen lässt die Blätter stärker oxidieren und Wasser verlieren. Den eher braunen Weißen zu produzieren erfordert weniger handwerkliches Geschick und macht es möglich eine höhere Blattmasse herzustellen.

In der großen Weißtee Anbauregion Fuding existiert der Slogan „One Year Tea, Three Year Medicine, Seven Year Treasure“. Somit könnte man meinen, dass es einfach eine auf langjähriger Erfahrung basierende Weisheit ist, dass sieben Jahre alter weißer Tee der Beste ist. In vielen Gesprächen mit Betreibern chinesischer Online-Teeshops fand Cody heraus, dass ihnen diese Weisheit erst seit ca. 2010 bekannt ist - keine Spur von uralter Teeweisheit.

Verantwortlich für die Regel ist Chen Xinghua, der ehemalige Distriktleiter der KP aus Fuding. Er hatte seit 2007 eine Kommission unter seiner Kontrolle, die die Agrarwirtschaft von Fuding stärken sollte. Da Weißtee aus dieser Region schon bekannt war, baute man diese Präsenz medial stark aus und förderte die Weißtee-Produktion mit staatlichen Krediten. Auf allen großen Teemessen wurde Fuding Weißtee enorm beworben. Die Zahl der Produzenten von Weißtee in Fuding stieg innerhalb von 5 Jahren von 11 auf 400.

Im Jahr 2017 hatte sich schließlich die Fuding Weißtee Industrie international etabliert. Sie verkauften aber nicht nur neue Ernten, sondern gaben den Kunden nun exklusiv die Möglichkeit den bisherigen Geheimtipp „age white tea“ zu probieren. Der sieben Jahre alte Schatz waren also Ernten von 2010/11, die nun jahrelang zur Perfektion gereift worden waren. Mittlerweile verkaufte sich sowohl in China als auch International der braune Weißtee erfolgreicher, da dieser ja alt ist und damit besser als der frische Tee. Teebauern, regionale Händler und Fabrikbesitzer erzählen genau wie die internationalen Händler die Geschichten vom „Treasure“ des alten Weiß-Tees.

Sie alle profitieren finanziell von seiner Beliebtheit - denn er ist ja einfach in Masse herzustellen und dann teuer zu verkaufen. Da die Bauern aber auch ihre Staatskredite zurückzahlen müssen und von der Lokalregierung unter Druck gesetzt werden, sind sie vielleicht nur aus Schuldendruck auf die Idee gekommen alten weißen Tee als regionalen Geheimtipp nun international gewinnbringend zu verkaufen.

Zwischenhändler und Online-Shops geben aber das Märchen vom alten Weißtee weiter an die Kunden und keiner nahm seine alten Weißtees aus dem Sortiment als Cody sie auf diese gefälschten Tees hinwies. Cody sprach mit vielen Bekannten auf der World Tea Expo und stellte fest, dass sich niemand „mit Sicherheit“ an „aged white tea“ vor 2010 erinnern konnte. Er versuchte herauszufinden wie man echten gealterten Tee und gefälschten unterscheiden kann. Aber weder Preis, Provenienz noch Geschmack erwiesen sich als zuverlässige Parameter. So oder so stellte Cody fest, dass ihm sein gefälschter Tee zu Hause dennoch schmeckt und das sei doch das Wichtigste?

Die Anfänge der Teeindustrie in Indien

Im Februar 1834, nach dem Handelsmonopolverlust mit China, gründete die EIC eine Kommission um die Böden und das Klima in Indien auf möglichen Teeanbau zu prüfen. Ferner wurde überlegt wie man chinesische Teepflanzen importiert. Generell wurde zwischen den „wilden“ Pflanzen in Assam und den „edlen“ aus China unterschieden. Was hiervon für guten indischen Tee geeignet war, konstituierte einen jahrzehntelangen Streit der Botaniker. Die Entwicklung in Assam, von der ersten Entdeckung der Teepflanzen über die Hindernisse auf dem Weg zu einer Teeindustrie, wurde in England tagesaktuell verfolgt. Bereits 1839 orakelten einige Zeitungen, dass Assam-Tee das gesamte britische Empire verändern wird. Der Traum, Assam in einen großen Teegarten zu verwandeln, sollte Wirklichkeit werden. Für Indien war es ein Albtraum.

1838 veröffentlichte einer der Entdecker des Assam-Tees, Robert Bruce, wie sein „Chinaman“ Tee herstellte (An Account of Manufacture of Black Tea as Now Practised at Suddeya in Upper Assam). Der Import von chinesischen Teebauern gilt heute als das erste Beispiel für zwanghaften Wissenstransfer einer alten Zivilisation zu einer modernen Kolonie. Die in der ersten Zeit hochbezahlten chinesischen Facharbeiter wurden fast alle schnell Opfer des kolonialen Gewaltregimes oder der Singpho, die in ihnen Helfers Helfer der Briten sahen. Den Singpho (der dominierenden Ethnie in Assam) wurde Teeanbau nicht zugetraut und diese wehrten sich auch gegen die englische Okkupation. Ihr Assam-Urwald wurde vermessen und einheitlich in Plantagenland aufgeteilt. Ihre Besitzansprüche wurden ignoriert. In den 1830er und 1840er wurden nun hunderte experimenteller Teeplantagen gegründet.

Neben dem rein technischen Vorgang Tee zu produzieren, musste auch erprobt werden wie es zu organisieren war, wie Land und Leute eingeteilt werden mussten und welche Arbeitsprozesse effizient waren. Das Anheuern von Tagelöhner zeigte sich als nutzlos, da man Erfahrung und Geschick brauchte um Tee zu ernten. Ohne feste Arbeiter die an die Plantage gebunden werden, war es laut Bruce nicht möglich Tee zu kultivieren. Die EIC entschloss sich, nicht jede Plantage selbst zu betreiben, sondern das Land was sie als Ihren Besitz deklarierte an private Investoren zu verkaufen.

Eine Idee war auch, dass man nur die Fabriken besitzt und die Bauern selbst pflücken lässt. Dies wurde aber zugunsten einer streng regulierten Arbeiterschaft verworfen. Die in Konkurrenz zu den Singpho stehende Ethnie der Kachari war in der ersten Zeit für Arbeit auf den Plantage zu gewinnen und erhoffte sich durch die Kooperation mit den Briten ein Überleben oder gar Vorteile gegenüber den Singpho. Da die Plantagen untereinander kaum Anschluss hatten und eher weit verteilte Lichtungen im Urwald waren, mussten dortige Arbeiter selbst Nahrung anbauen.

Land wurde in weitaus größerem Maße für Tee nutzbar gemacht als geerntet werden konnte, sodass in den ersten Jahren der 1850er Jahre der Mangel an Arbeiter*innen zum Hauptproblem wurde. Streiks der Kachari, die mit der Zeit immer „unwilliger“ wurden, schlugen Polizei und Militär nieder. Um die Bevölkerung von Assam zu Plantagenarbeiter*innen zu transformieren, wurden ihnen eigenständige agrarische Tätigkeiten immer mehr versagt, sodass sie bald nur noch Geld durch Arbeit auf Plantage verdienen konnten. Da auch dies keinen zu großen Erfolg hatte, ordnete der Gouverneur an, dass man Teeplantagen wie die Zuckerfarmen in Mauritius mit Zwangsarbeitern aus der Fremde versorgen sollte.

1859 gründete Teepflanzer eine Organisation mit dem Ziel die Beschaffung von bengalischen Arbeiter*innen zu bündeln. Die importierten Bengalen kamen aus verschiedenen regionalen und sozialen Strukturen. Im Laufe der 1860er wurde das Arbeiterregiment strenger geführt und die bengalischen Fremdarbeiter wurden zu Zwangsarbeitern degradiert.

Mehr: Nitin Varma: Coolies of Capitalism. Assam Tea and the Making of Coolie Labour, De Gruyter Oldenbourg, 2016.

Assam Karte

Die Boston Tea Party und ihre Folgen

Am 16. Dezember 1773 feierte man in Boston/USA keineswegs eine große Party. Ein Trupp (= Party) von Englandgegnern kippte rund 46 Tonnen Tee von Bord englischer Handelsschiffe in den Hafen. Die meisten Zeitgenossen, darunter die späteren Gründungsväter der USA, sahen in der Vernichtung des Tees eine sinnlose Zerstörungsaktion. Keineswegs wurde die Tea Party als Startschuss für den Kampf um Souveränität verstanden. Sie erhielt erst 100 Jahre später einen prominenten Platz in der US-Geschichte.

Im Vorfeld der Tea Party waren die amerikanischen Kolonisten auf England wütend, da sie auf viele Produkte wie beispielsweise Tee nach eigener Meinung hohe Steuern zahlten, ohne dass sie politisch im Mutterland England Mitspracherechte besaßen. Die Steuerlast war aus englischer Sicht aber zu niedrig. Da man für die Kolonisten in Amerika sowohl die Native Americans ermordete als auch den Sieben-Jährigen Krieg gegen Frankreich gewonnen hatte, sollten die Kolonisten einen Teil dieser Kosten selbst tragen.

Um nicht den teuren britischen Tee kaufen zu müssen, wurden viele Kaufleute zu Schmugglern. Da die Kolonisten sogar mehr Tee tranken als die Engländer, verdienten sie mit dem illegalen niederländischen Tee ein Vermögen. Dieses benutzten sie um gegen England Propaganda zu betreiben und anti-englische Gruppen zu finanzieren. Als England dann die Teesteuer senkte, damit die Ostindische Kompanie ihre Vorräte abverkaufen konnte, war der legale Tee billiger als der Tee der Schmuggler. Sie fürchteten um ihren Reichtum und lösten gewaltsame Proteste gegen England aus. Eine dieser Aktionen an der amerikanischen Ostküste war die Boston Tea Party.

Für die Geschichte wichtiger war aber die britische Reaktion hierauf. Um die aufständischen Kolonisten zu bestrafen forderte man Reparationszahlungen, ersetzte die kolonialen Richter mit Briten, erzwang die erneute Öffnung der amerikanischen Häfen für britische Waren und erlaubte sogar den von den protestantischen Kolonisten verachteten Katholiken die freie Ausübung ihrer Religion. Im Kampf gegen diese Maßnahme etablierte sich eine Union der amerikanischen Kolonien gegen England, was letztlich zur Gründung der USA führte.

Gut 100 Jahre nach diesen Ereignissen versuchten Frauen durchzusetzen, dass Bürgerrechte nicht nur für Männer gelten sollten. Als Vorbild für ihren Kampf um Gleichberechtigung nahmen sie sich auch Frauen die an den Tea Parties beteiligt waren und machten so, ein Jahrhundert später, die Boston Tea Party weltberühmt.

Boston Tea Party

Teehandel und seine Auswirkungen auf China und Britannien

Der extrem steigende Import von China-Tee nach England (1780: 3 Mio. Tonnen; 1830: 30 Mio. Tonnen) drohte Britannien in eine defizitäre Handelsbilanz zu führen. Durch Schmuggel und Kriege um den illegalen Import von Opium lösten sie dieses Problem gewaltsam. Für die chinesische Staatsräson und Wirtschaft spielte vor diesen katastrophalen Folgen der Handel mit den westlichen Nationen übrigens keine nennenswerte Rolle. Im 18. Jh. bezahlten Engländer den Tee in China erst mit süd-amerikanischem Silber, dann mit Baumwolle und letztlich mit Opium. Fast 80 % der Handelskosten konnten durch diesen interkolonialen Handel abgedeckt werden. Nach dem Verlust des Handelsmonopols der EIC mit China setzte diese in Indien ein Produktionsmonopol durch und etablierte in der zweiten Hälfte des 19. Jh. eine britisch kontrollierte Teeindustrie.

Taiwan vs. China: Die Geschichte des Konflikts

Tee in den Kolonien

Die englischen Emigranten nahmen, wie zuvor die niederländischen Siedler, den Tee mit in die neuen Kolonien und versuchten durch treues Beibehalten von Teetrinken sich selbst immer wieder ihres „Britschsein“ zu versichern. Oft waren Teeservices die ersten Gegenstände die für das neue Haus in den Kolonien gekauft wurden. Tee war essentiell für die damalige koloniale Kultur. Bewohner der Kolonien mussten ab 1721 ihren Tee über die EIC importieren. Der direkte Handel mit Asien war verboten worden. Dies erhöhte die Einnahmen der Kolonialbehörde enorm. Interdependent mit Tee explodierte in Britannien auch der Zuckerkonsum.

In den USA sorgte die Unabhängigkeit für ein kurzes Intermezzo von fallendem Teekonsum. Spätestens nach dem Tod der Erlebnisgeneration stieg der Teekonsum wieder an. Mit der politischen Annäherung von USA und GB gegen Ende des 19. Jh. war es durchaus ein politisches Statement „englischen Schwarztee“ anstatt chinesischen Grüntee zu trinken.

In Kanada blieb der Teekonsum auch nach der Gründung der Föderation 1867 hoch. Auch hier finanzierten die Teetrinker weiterhin das britische Reich. Die Bedeutung von Tee symbolisiert bspw. dass mit den Feiern zu Queen Victorias Geburtstag (24.05) die Social Season begann. Überdies war es für die soziale Verortung der Damen in ihrer Gemeinde wichtig guten Teegeschmack und Services zu besitzen. Die politische Bedeutung von Teekonsum flackerte während des Buren-Krieges (1899-1902) wieder auf, da man durch vermehrten „India-Tea“ Konsum die britische Armee finanzieren konnte.

Die Kolonisten Nord-Amerikas, Australien und Neu-Seeland hatten einen höheren Pro-Kopf-Verbrauch von Tee als Menschen im Mutterland und befeuerten mit ihrem Teekonsum selbst nach der Souveränität die Expansion bzw. den Erhalt des Kolonialreiches.

Abschließender Fun Fact: In England wurde Tee anfangs nur ausgeschenkt und nach Gallonen besteuert. 1689 folgte die Umstellung auf Verkauf und Versteuerung von trockener Blattmasse. Thomas Garway, Londoner Pionier der Teewerbung, soll auch hier führend agiert haben.

Mehr: Sydney Cunliffe: British Imperialism and Tea Culture in Asia and North America, 1650-1950, McGill University, 2011.

Teeanbau in Burundi

Die ersten Europäer bereisten Burundi auf der Suche nach den Quellen des Nils in den 1860er Jahren. Aber weder damals, noch 25 Jahre später als Burundi dem Deutschen Reich zugeschlagen worden war, stieß das Land auf koloniales Interesse. Die Deutschen regierten das Land mit Hilfe der lokalen Adeligen. Durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg wurde das heutige Burundi Belgien zugeteilt und 1962 in die Unabhängigkeit entlassen. Der Jahrzehnte andauernde ethnopolitische Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen der Hutu und Tutsi belastet nach wie vor die Gesellschaft.

Wie in seinen Nachbarstaaten wurde in Burundi von der Kolonialregierung Tee als Exportprodukt (1931) eingeführt aber von den Belgiern kaum entwickelt. Erst nach der Unabhängigkeit konnten Plantagen und Fabriken gegründet werden. Heute sind etwa 13.000 ha unter Tee und rund 40.000 t werden produziert. Etwa 95 Prozent werden exportiert. Der Großteil wird von 50.000 Kleinbauern hergestellt, während nur 20 Prozent auf Plantagen wächst. Hinter Kaffee ist Tee das wichtigste Exportgut. Dank guter Böden und klimatischer Bedingungen kann Burundi Spitzentees herstellen, jedoch sorgen die Klimakatastrophe und Bürgerkriege immer wieder für eine stark schwankende Produktion.

Die Legenden um die Entdeckung des Tees

Einer Sage nach wurde Tee vor 5.000 Jahren vom chinesischen Kaiser Shen Nung entdeckt. Ihm fielen ein paar Blätter in seine Trinkschale und das heiße Wasser wandelte sich zu köstlichem Tee. Eine andere Legende besagt, dass ein Buddha bei der Meditation einschlief und er aus Wut seine Augenlider abriss. An dieser Stelle wuchs der allererste Teestrauch und das Getränk hieraus verhinderte, dass er erneut einschlief. Viel wahrscheinlicher ist es jedoch, dass einige Ethnien in Süd-Ost Asien vor tausenden Jahren begannen die Blätter des Teestrauchs (Camellia sinensis) für die Nahrungszubereitung zu benutzen oder pur zu essen. Sie lernten voneinander wie man die Teepf...

Teepflanze

tags: #asiatischer #eroberer #mit #roten #haaren

Populäre Artikel:

Diese Website verwendet Cookies. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen