Anselm Kiefer: "Dein goldenes Haar Margarete" – Eine tiefgründige Interpretation

Anselm Kiefer, geboren im März 1945, gehört zu den bekanntesten und bedeutendsten Künstlern der zeitgenössischen Kunstszene. Seine Werke beeindrucken durch riesige Formate und gigantische Projekte. Kiefer versteht sich als Demiurg, als Schöpfer seiner eigenen Welt.

Kiefers Kunst ist vielfältig, und je mehr man sieht, desto kritischer wird man als Betrachter. Seit 2019 schreibt Juliane regelmäßig für n-tv.de, veröffentlicht ihre Betrachtungen in anderen Publikationen und führt Artist Talks. Für Blogbesucher bereitet sie alle sechs bis acht Wochen ihre Museums- und Galerien-Tipps frisch auf.

Ein zentrales Element in Kiefers Werk ist die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und Kultur, insbesondere im Kontext des Nationalsozialismus und der Shoah. Dabei bedient er sich verschiedener Symbole, Mythen und literarischer Bezüge, um die komplexen und oft widersprüchlichen Aspekte dieser Vergangenheit zu thematisieren. Eines seiner bekanntesten Werke in diesem Zusammenhang ist das Gemälde "Dein goldenes Haar Margarete", das eine intensive Auseinandersetzung mit Paul Celans "Todesfuge" darstellt.

Anselm Kiefer bei der Eröffnung seiner Ausstellung in der Royal Academy of Arts

Die "Todesfuge" von Paul Celan

Paul Celans "Todesfuge" (1944/45) verarbeitet unter Rückgriff auf das deutsche kulturelle Register und unter Aufnahme der Brutalität des Alltags in den Konzentrationslagern das Grauen der Schoah. Celan schreibt auf Deutsch und damit ganz bewusst in der Sprache der Täter gegen die Taten an. Die Wucht der Sprache, die den Leser gezielt in das Geschehen mit hineinnimmt, um dann zugleich eine Distanz zu schaffen, evoziert eine bezwingende Unmittelbarkeit, „weil etwas bis dahin Unerhörtes sie zum Sprechen zwingt“ (Festiner 1997, 58).

Zweimal wird im Haupttext der Todesfuge das Haar der Margarete und das Haar der Sulamith gegenübergestellt. Ebenfalls beschließt das Begriffspaar wie ein „unaufgelöster Kontrapunkt“ (Jung-Kaiser 2007, 159) das Gedicht als Ganzes. Darüber hinaus wird das goldene Haar der Margarete zwei weitere Male ohne Sulamith erwähnt.

Der kontrastierende Parallelismus will auch die Bedeutung des Alten Testaments für die deutsche Kultur hervorheben, wenn Sulamith eben nicht - wie in den Gemälden von Franz Pforr (1811) und Friedrich Overbeck (1811/12) - mit Maria, sondern mit der deutschen Margarete in Beziehung gesetzt wird (Roos 2006, 33-36). Gleichzeitig stellt Celan so die Bedeutung der Sulamith bzw. des Hohelieds auch für Goethes Werk heraus (Bohnenkamp 2005, 89-110; Schutjer 2020, 201-212) und zeigt deutlich, dass beide Figuren nicht ohne weiteres als Antithesen gesehen werden können, da sie doch zutiefst miteinander verflochten sind.

Mit der Gegenüberstellung des goldenen Haares der Margarete und dem aschenen Haar der Sulamith geht Celan über seine literarische Vorlage hinaus, da weder Goethe im Faust noch das Hohelied die Haarfarbe der Frauen nennen. Wenn Sulamith hier als die Geliebte par excellence gilt und für das jüdische Volk selbst steht (Felstiner 1997, 67), so ist Margarete die blonde, idealisierte Deutsche (Biro 1998, 183) oder schlicht Deutschland selbst.

Todesfuge (Paul Celan) with Anselm Kiefer's work

Anselm Kiefers Interpretation

Kiefers Beschäftigung mit Paul Celan beginnt im Jahr 1981, wenn er in mehreren Gemälden das Frauenpaar Margarete und Sulamit aus der Todesfuge gegenüberstellt. Um den kontrastierenden Parallelismus „dein goldenes Haar Margarete“ / „dein aschenes Haar Sulamith“ herum konstruiert Kiefer seine Bilder (Lang 1995, 213) und verleiht Celans Gedicht eine gewisse mythische Dimension.

In keinem der Bilder jedoch erscheinen beide Gestalten gemeinsam. Kiefer interpretiert die letzten Zeilen der Todesfuge also als endgültige Trennung - das Band, das beide verbindet, ist ein für alle Mal zerrissen. In den zahlreichen Bildern werden entweder der Name (Margarete bzw. Sulamit) oder die Verszeile („dein goldenes Haar Margarete“ bzw. „dein aschenes Haar Sulamith“) in die Bilder eingeschrieben, und es ist überhaupt das Haar, dass im Zentrum der Gemälde steht. Es ist zu Recht bemerkt worden, dass dem Haar in Kiefers Werk eine gewisse Autonomie innewohnt, die eine Todesbedeutung evoziert (Lang 1995, 215).

Im Bild aus dem Jahre 1983, „das vielleicht als Kiefers gelungenstes Holocaust-Mahnmal gelten darf“ (Oy-Marra 2011, 309), reduziert er Celans Gedicht auf das letzte Wort („Sulamith“), das links oben in kleinen weißen Buchstaben eingekratzt ist. Der Name ist vermutlich keine einfache Randnotiz, sondern der Beginn einer Liste der Opfer in einem Totenbuch - vielleicht eine Anlehnung an die „Halle der Namen“ in YadVashem.

Der Blick des Betrachters wird auf das hintere Ende der Halle gelenkt; hier erkennt man sieben lodernde kleine Flammen, eine offensichtliche Anspielung auf die Menora (Arasse 2001, 90) und vielleicht ein Zeichen für das Weiterleben der jüdischen Identität in Deutschland auch und gerade in den verkohlten Hallen des Nationalsozialismus. Es ist daher beinahe logisch, dass Kiefer mit diesem Bild seine Auseinandersetzung mit der Architektur des Nationalsozialismus abschließt und am Ende ein Bild steht, dass den Opfern der Shoah in einer Halle, die den arischen Helden gewidmet werden sollte, gedenkt.

Wie bei Paul Celan ist Sulamit aus Hhld 7,1 der Ausgangpunkt für die Interpretation - allerdings bei Kiefer schon durch die Aufnahme der Vielschichtigkeit des Wortes in der Deutung Celans vermittelt und ganz bewusst in ein größeres Projekt der Arbeit des Künstlers am Gedächtnis der deutschen Geschichte eingepasst.

Die Figuren Margarete und Sulamith

Die Gegenüberstellung von Margarete und Sulamith in Celans "Todesfuge" und Kiefers Interpretation verdeutlichen die komplexe Beziehung zwischen deutscher und jüdischer Kultur. Margarete, die blonde, idealisierte Deutsche, steht für die Unschuld und Schönheit, die durch die Schrecken des Nationalsozialismus zerstört wurden. Sulamith hingegen repräsentiert das jüdische Volk und dessen unendliches Leid. Durch die Verbindung dieser beiden Figuren thematisiert Kiefer die Schuld, die Trauer und die Notwendigkeit der Erinnerung.

Sulamit: Name und Bedeutung

„Sulamit“ wird vielfach als Name der Frau betrachtet, die im → Hohelied zu Wort kommt. Diese Deutung ist jedoch problematisch. Sulamit / Schulamit (שׁוּלַמִּית šûlammît) ist im Alten Testament lediglich zwei Mal belegt. In Hhld 7,1 heißt es: „Wende dich um, wende dich um Schulamit, / wende dich um, wende dich um, dass wir dich anschauen.

Sulamit wird in der Auslegung oft wie selbstverständlich als der Name der weiblichen Stimme im Hohelied betrachtet (Barbiero 2013, 204; Pardes 2019, 4), die so personifiziert wird und als Gegenüber zur Figur des → Salomo erscheint. Neben zahlreichen interpretatorischen Schwierigkeiten ignoriert eine solche vorschnelle Übertragung jedoch den sprachlichen Befund.

Die Verwendung des Artikels schließt die Interpretation als Eigennamen eigentlich aus, da bei Namen im Hebräischen kein Artikel steht (Joüon / Muraoka 2006, §137b); die Deutung als Vokativ (GesK §126e) - also: „O, Schulamit“ - wäre im ersten Teil des Verses möglich, nicht jedoch im zweiten Teil, da die Frau hier nicht direkt angesprochen wird.

Der Gebrauch des Artikels weist grammatikalisch eher auf ein nomen gentilicium hin. שׁוּלַמִּית šûlammît bezeichnet dann eine Frau aus Schulem. Die Schwierigkeit hierbei ist, dass ein Ort Schulem im Alten Testament unbekannt ist. Aufgrund einer angenommenen Konsonantenverschiebung wird Schulem dann mit → Schunem gleichgesetzt.

Dein goldenes Haar Margarete (1981) von Anselm Kiefer

Kiefers künstlerischer Ansatz

Anselm Kiefer ist ein Seher im antikischen Sinne. Ein Maler, der in die Vergangenheit schaut, in die Gegenwart und gleichzeitig in die Zukunft. Anselm Kiefer schafft Bilder, die ihre eigene Negation immer bereits in sich tragen.

Die Asche ist Kiefers Element, mit ihrer unauslöschlichen Erinnerung an das Feuer, ihrer irritierenden Fruchtbarkeit, ihrer brüchigen, düsteren Materialität. "Es gibt nichts Neues", sagt Anselm Kiefer, "außer in der Erinnerung."

Kiefer will den heiklen Traditionsbestand des deutschen Nationalerbes nicht denen überlassen, die ihn missbrauchen und missbrauchen. Dafür sollten wir ihm dankbar sein.

Ausstellungen und Rezeption

Die Auseinandersetzung mit Goethes Drama und dessen Hauptfiguren ist ein wiederkehrendes Thema in der Kunst. Bestimmend ist da in erster Linie natürlich die Romantik, der sich Künstler wie Carl Gustav Carus oder Ary Scheffer verschrieben hatten.

Anselm Kiefer setzt sie symbolisch als strohblonde Ikone in Dein goldenes Haar Margarethe (1981) in die deutsche Geschichte und in den Zusammenhang mit Paul Celans Gedicht Todesfuge. Erst in der Fotoserie Faustus (1995) des Modezars Karl Lagerfeld darf Claudia Schiffer als Gretchen ihre Lust am Geschmeide sinnlich ausleben.

Vom französischen Spätromantiker Eugène Delacroix über den großen österreichischen Salonmaler Hans Makart bis zur frühen Käthe Kollwitz zieht sich das Sujet des leidenden Gretchens im Kerker durch die Kunstepochen.

Anselm Kiefer: Ausstellungen 2024

Hier findest Du die wichtigsten → Anselm Kiefer: Ausstellungen 2024

Die Bedeutung von "Dein goldenes Haar Margarete" heute

Anselm Kiefers Werk "Dein goldenes Haar Margarete" ist nicht nur ein Mahnmal für die Schrecken der Vergangenheit, sondern auch eine Aufforderung zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und Identität. Es erinnert uns daran, dass die Vergangenheit immer präsent ist und dass wir aus ihr lernen müssen, um eine bessere Zukunft zu gestalten.

Tabelle: Gegenüberstellung von Margarete und Sulamith in Celans "Todesfuge"

Merkmal Margarete Sulamith
Symbolik Deutsche Unschuld, Schönheit Jüdisches Volk, Leid
Haarfarbe Golden Aschenfarben
Bezug Goethes "Faust" Hohelied Salomos

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