Viele Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens bestimmte Verhaltensweisen, um mit Stress und innerer Unruhe umzugehen. Einige dieser Angewohnheiten, wie das Spielen mit den Haaren oder das Kauen auf den Nägeln, sind weit verbreitet und gelten oft als harmlos. Doch was passiert, wenn diese Verhaltensweisen zwanghaft werden und das Leben der Betroffenen beeinträchtigen? Dieser Artikel beleuchtet die psychologischen Aspekte des zwanghaften Haareziehens (Trichotillomanie) und des Skin Picking (zwanghaftes Hautpulen) und zeigt Wege zur Bewältigung auf.
Bereits 1889 beschrieb François Henri Hallopeau einen Patienten, der sich die Kopfhaare büschelweise ausrupfte und nannte das Phänomen "Trichotillomanie". Grundmerkmal der Störung: ein mindestens phasenweise kaum kontrollierbarer Drang, sich einzelne Haare oder auch Haarbüschel auszureißen. Ein Teil der Betroffenen wählt diese gezielt aus, beispielsweise dicke, graue, abstehende oder sich unregelmäßig anfühlende Haare.
Andere zupfen unbewusst und automatisch und bemerken dies erst später; viele nehmen beim Ausreißen keinen Schmerz wahr. Typisch für Trichotillomanie ist auch das Spielen mit den ausgerissenen Haaren. Die Betroffenen streichen damit über die Lippen, nehmen sie in den Mund oder ziehen die Haare durch die Finger. Die Trichotillomanie ist ein eigenständiges Krankheitsbild, sie zählt zu den psychischen Erkrankungen.
Eine einzige Ursache für Trichotillomanie gibt es nicht. Ausgelöst wird die Störung zumindest bei einem Teil der Patienten durch Spannungen innerhalb der Familie sowie Probleme in der Schule und im Umgang mit Gleichaltrigen. Daneben liegen ihr oft auch depressive Gefühle, Erschöpfung, Ärger oder Langeweile zu Grunde.
Das Ausreißen von Haaren wird dann als ablenkend, tröstend oder spannungsmindernd empfunden, wodurch sich das Verhalten verfestigt. Die Trichotillomanie dient hier der Regulation von unangenehmen Gefühlszuständen, was den Betroffenen meist nicht bewusst ist. Ängste, soziale Hemmungen, Schwierigkeiten beim Wahrnehmen und Ausdrücken von Emotionen sowie depressive Verstimmungen sorgen bei vielen Patienten dafür, dass die Symptomatik bestehen bleibt.
Oft kommt dann noch schlichte Gewohnheit hinzu: Das Ausreißen von Haaren wird zu einem Alltagsritual, beispielsweise beim Autofahren, Lesen oder Telefonieren. Es läuft unbewusst und automatisiert ab, ohne konkrete Auslöser.
Neben solchen psychosozialen Faktoren scheinen auch biologische eine wichtige Rolle zu spielen, etwa das Erbgut. So tritt die Störung überdurchschnittlich häufig auf, wenn bereits ein anderes Familienmitglied darunter leidet - das Erkrankungsrisiko steigt dann auf fünf bis acht Prozent.
Bei der Trichotillomanie nehmen Menschen einen enormen Drang wahr, sich die Haare einzeln oder büschelweise auszureißen. Die meisten Betroffenen machen das in einem unbewussten Zustand, wie in einer Art Trance. Sie nehmen sich also nicht gezielt vor, die Haare herauszureißen.
Bei der Erkrankung können Betroffene zum einen unter dem Drang selbst leiden, weil er beispielsweise den Alltag bestimmt. Viel tiefgreifender sind aber meist die Konsequenzen - zeigen sich beispielsweise auf dem Kopf kahle Stellen, meiden Menschen mit Trichotillomanie mitunter aus Scham soziale Kontakte.
Bei der Trichotillomanie gibt es keine objektiven Diagnosekriterien. In einem persönlichen Gespräch finden Mediziner und Medizinerinnen heraus, wie Betroffene die Situation beim Haareausreißen erleben, wie hoch ihr Leidensdruck ist und ob sie Beeinträchtigungen im Alltag wahrnehmen.
Weil sie sich für ihr Verhalten schämen und Entdeckung fürchten, gehen manche Patienten nicht mehr ins Schwimmbad oder in die Sauna, vermeiden Friseurbesuche, treiben keinen Sport mit anderen oder fürchten grundsätzlich alle engeren sozialen Kontakte. Weitere psychische Störungen können sowohl als Reaktion auf solche Beeinträchtigungen auftreten als auch eine Trichotillomanie mit verursachen. Am häufigsten sind Depressionen, Angststörungen und Alkoholmissbrauch, aber auch Persönlichkeitsstörungen treten nicht selten zusammen mit Trichotillomanie auf.
Einige Patienten schlucken die ausgerissenen Haare herunter, was zur Bildung eines Haarknäuels (Trichobezoar) im Magen oder Darm führen kann.
In den meisten Fällen beginnt das krankhafte Haareausreißen jedoch im Alter von 11 bis 15 Jahren, also in der Pubertät. Bisweilen tritt die Störung aber auch erst im Erwachsenenalter auf.
Hier gibt es zwei Möglichkeiten: entweder die Psychotherapie oder die medikamentöse Therapie. Die kognitive Verhaltenstherapie ist besonders erfolgsversprechend. Sie setzt bei der Trichotillomanie beispielsweise auf das Habit-Reversal-Training, zu Deutsch Gewöhnungsumkehr-Training.
Dabei geht es darum, Betroffene zunächst so anzuleiten, dass sie sich selbst beobachten können. So finden sie heraus, in welchen Situationen sich der Drang ergibt. Mit einem Protokoll halten sie fest, welche Gedanken und Gefühle in dem Moment bestehen.
Im nächsten Schritt trainieren sie eine motorische Gegenreaktion - immer wenn sie den Drang verspüren, können sie beispielsweise die Fäuste ballen oder kleine Objekte wie Kastanien in der Hand hin und her bewegen. Führen Betroffene diese Gegenreaktion beim Drang für mindestens zwei Minuten durch, kann es zu einer Entkopplung kommen - das Gefühl, sich die Haare ausreißen zu müssen, kann dann nachlassen.
Natürlich ist es wichtig, nicht nur Gegenmaßnahmen zu ergreifen, sondern auch die Auslöser zu berücksichtigen. Bei sozialen Ängsten helfen beispielsweise das Trainieren sozialer Kompetenzen und bei ausgeprägten familiären Konflikten Familiengespräche.
Außerdem sind Entspannungstrainings wie Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training oft hilfreich. Dadurch können Betroffene Stress und Anspannung reduzieren - mögliche Auslöser werden so im Vorhinein beseitigt.
Die Trichotillomanie tritt in vielen Fällen gemeinsam mit anderen psychiatrischen Störungen wie Depressionen, Angsterkrankungen, anderen Zwängen oder Suchterkrankungen auf. Ist der Fall komplex, ist eine Psychotherapie in jedem Fall ratsam.
Während es für alternative Behandlungsformen wie Diäten, Akupunktur oder Kinesiologie bislang keinen wissenschaftlichen Wirksamkeitsbeleg gibt, hat sich eine bestimmte Form der Psychotherapie, die kognitive Verhaltenstherapie, nachweislich bewährt.
Das Habit Reversal Training kombiniert verschiedene Methoden, um die Selbstwahrnehmung des Patienten zu verbessern, eingeschliffene Verhaltensweisen abzulegen und neue Gewohnheiten im Alltag zu etablieren.
Ähnlich funktioniert die "Entkopplungsmethode", bei der die Betroffenen das Haareausreißen durch ein anderes, unbedenkliches Verhalten ablösen.
Für die Patienten kommt es darauf an, das Haareausreißen erfolgreich zu bewältigen. Dieses Ziel erreichen sie im Rahmen einer Therapie meistens, allerdings kommt es eher selten zu einer völligen Symptomfreiheit.
| Behandlungsmethode | Beschreibung | Wirksamkeit |
|---|---|---|
| Kognitive Verhaltenstherapie | Fokus auf Verhaltensänderung und Bewältigungsstrategien | Nachweislich bewährt |
| Habit Reversal Training | Training zur Gewohnheitsumkehr, um das Haareausreißen durch andere Verhaltensweisen zu ersetzen | Erfolgreich bei der Reduzierung des Haareausreißens |
| Entkopplungsmethode | Ersetzen des Haareausreißens durch ein anderes, unbedenkliches Verhalten | Kann zu einer gewissen Verbesserung führen |
| Medikamentöse Therapie | Einsatz von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRIs) | Studienergebnisse widersprüchlich |
Vom Nägelkauen bis hin zum zwanghaften Kratzen - für viele körperliche Angewohnheiten kann man Stress und Ängste verantwortlich machen. Was viele nicht wissen: Auch das um den Finger wickeln von Haaren kann ein solches Symptom sein.
Laut der Trichologin Stephanie Sey ist das Haarezwirbeln weit verbreitet. „Das Zwirbeln kann verschiedene Gründe haben; von einfacher Langeweile bis hin zum Stress- oder Angstabbau.“
Abhängig von der Ursache kann das Zwirbeln unterschiedlich schwere Formen annehmen. Das ist vor allem während der Corona-Pandemie zu spüren: Immer mehr Menschen klagen über Haarverlust. Wenn sich jemand vor Corona schon aus Nervosität die Haare um den Finger gewickelt hat, kann diese momentane Phase der Ungewissheit das Zwirbeln natürlich verschlimmern.
Abhängig davon, wie stark du zwirbelst, kann das durchaus passieren, sagt Stephanie. „Das kann die Schuppenschicht beschädigen. Das führt dann zu Haarbruch und Spliss, womöglich auch zu Knoten und Verfilzungen.“ Wenn du deine Haare direkt am Ansatz um die Finger wickelst, kann dir diese dauernde Zugbelastung am Ende sogar kahle Stellen bescheren.
Simone empfiehlt, dem eigentlichen Auslöser auf die Schliche zu kommen. Liegt es am Stress, an innerer Unruhe? Simone und Stephanie sind sich einig: Eine Psycho- oder Verhaltenstherapie wäre in diesem Fall ein empfehlenswerter erster Schritt.
Liegt deine nervöse Angewohnheit tatsächlich an übermäßigem Stress oder Angstzuständen, kannst du es auch mit Achtsamkeitsübungen wie Meditation oder Sport versuchen. Auch Ablenkung kann helfen, sagt Stephanie: „Sorge dafür, dass deine Hände anderweitig beschäftigt sind“.
Simone schlägt außerdem vor: „Flechte deine Haare zum Zopf oder setze einen Hut auf - dadurch kannst du deine Haare gar nicht zwirbeln. Trotzdem solltest du eher dem Auslöser auf die Spur gehen, anstatt bloß ein Pflaster über die Symptome zu kleben.“
Stellst du jetzt fest, du könntest eventuell ein ähnliches Problem haben, könnten dir Selbsthilfegruppen oder Online-Foren guttun. Im deutschsprachigen Raum gibt es dafür zum Beispiel das Trichotillomanie Center, das nicht nur Betroffenen, sondern auch Angehörigen Informationen und Support bietet.
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