Die Migräne ist eine der häufigsten primären Kopfschmerzerkrankungen. Erenumab ist ein Medikament, das zur Vorbeugung von Migräne-Anfällen eingesetzt wird. Es wird unter die Haut injiziert und deshalb auch als „Migräne-Spritze“ bezeichnet. Der Wirkstoff ist in der Regel gut verträglich und wirkt innerhalb der ersten Monate.
In den letzten Jahren sind zur Migräneprophylaxe mehrere monoklonale Antikörper zugelassen worden - ob Eptinezumab, Erenumab, Fremanezumab oder Galcanezumab. Sie alle richten sich gegen das Neuropeptid Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder dessen Rezeptor.
Allen Antikörpern zur Migräneprophylaxe wird eine sehr gute Verträglichkeit zugesprochen. Allerdings deuten mittlerweile mehrere Fallberichte beziehungsweise ein Literatur-Review darauf hin, dass zumindest eine seltene Nebenwirkung der CGRP-Antikörper bislang zu wenig klinische Aufmerksamkeit erfährt: die Alopezie (Haarausfall).
Die Kosten für die Behandlung werden nur unter bestimmten Bedingungen von den Krankenkassen erstattet. Lesen Sie hier, wie man Erenumab anwendet, wie das Medikament wirkt und welche Nebenwirkungen auftreten können!
Unter Erenumab-Therapie wird offenbar immer wieder Haarausfall gemeldet. | Bild: New Africa / AdobeStock
Erenumab ist in der Regel gut verträglich. Patienten leiden während der Therapie häufig (bis zu 1 von 10 Behandelten) unter Verstopfung oder Muskelkrämpfen. Vereinzelt leiden sie unter Haarausfall oder Mundschleimhautentzündungen während der Erenumab-Behandlung.
Die Einstichstelle schmerzt manchmal oder die Haut ist gerötet und juckt. Meist vergehen die Beschwerden nach kurzer Zeit von selbst. Nach der Erenumab-Anwendung haben Patienten häufig allergische Reaktionen. Dabei juckt die Haut stark oder es bildet sich ein Ausschlag mit Quaddeln. Möglicherweise schwellen Gesicht, Zunge oder Rachen an. Das Risiko für einen allergischen Schock mit Kreislauf- und Atemstillstand steigt.
Wenn Sie Hinweise auf eine allergische Reaktion bemerken, wenden sie Erenumab nicht mehr an. Lassen Sie die Beschwerden möglichst schnell ärztlich abklären. Schwellen Mund oder Rachen an, ist Ihnen schwindelig oder bekommen Sie schlechter Luft, rufen Sie einen Notarzt.
Im Mai veröffentlichte die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) in ihren „Kopfschmerz News“ einen Artikel mit dem Titel „Alopezie als seltene Nebenwirkung der CGRP-Antikörper - früher genauso oft wie unter Placebo, heute klinisch relevant“. Darin beruft sich die DMKG auf einen aktuellen Literatur-Review. In diesem wurden mithilfe der Nebenwirkungsdatenbank der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA) die CGRP-Antikörper hinsichtlich der Nebenwirkung Alopezie analysiert. Demnach findet sich in der FDA-Datenbank für Erenumab und die anderen CGRP-Antikörper eine auffällige Häufung von Alopezie-Meldungen.
Die meisten Meldungen betrafen Frauen und wurden als nicht schwerwiegend eingestuft. Derzeit gehen die Autoren der Übersichtsarbeit davon aus, dass der Haarausfall reversibel ist, da es sich um ein Telogenes Effluvium handeln soll. Dies kann auch nach körperlicher Belastung, wie beispielsweise hohem Fieber oder schwerer Krankheit, Schwangerschaft oder der Einnahme anderer Arzneimittel auftreten.
Ein Telogenes Effluvium beschreibt einen plötzlich stark auftretenden Haarausfall. Es äußert sich dadurch, dass mehr als 100 Haare pro Tag in eine Ruhephase übergehen und in der Folge ausfallen. In der Regel wird ein Telogenes Effluvium nicht behandelt, da sich der Haarausfall meist (nach circa drei Monaten) von allein zurückbildet. Die DMKG nennt als weiteres Arzneimittel-Beispiel den Haarausfall nach Zytostatika, der typischerweise erst nach zwei bis drei Monaten einsetze, was auch bei den CGRP-Antikörpern der Fall zu sein scheint.
Der FDA-Datenbank zufolge (Stand 18. August 2022) wurde Alopezie als Nebenwirkung bei folgenden Migräne-Arzneimitteln gemeldet:
Auch Gepante adressieren das Calcitonin-Gene-Related-Peptide(CGRP)-System. Die Autoren des Literatur-Reviews mutmaßen, dass der beobachtete Haarausfall durch Störungen des mikrovaskulären Kreislaufs bedingt sein könnte. Denn CGRP gilt als der stärkste Vasodilatator im menschlichen Körper. In der Fachinformation von Aimovig® (Erenumab) wird mit Stand Juni 2023 Alopezie mit unbekannter Häufigkeit als Nebenwirkung aufgeführt. Bei Emgality® (Galcanezumab), Ajovy® (Fremanezumab) und Vyepti® (Eptinezumab) findet sich derzeit kein entsprechender Hinweis. Gepante sind in Deutschland noch nicht im Handel.
Ein Fallbericht einer 69-jährigen Frau mit einer langen Migränegeschichte, der im Rahmen der Literaturrecherche geschildert wird, verdeutlicht, dass Haarausfall auch bei anderen Migräne-Arzneimitteln ein Problem sein könnte. So soll die Patientin sowohl Topiramat, Gabapentin, Valproinsäure als auch Venlafaxin - trotz Effektivität in der Migräne-Prävention - aufgrund von einsetzender Alopezie abgesetzt haben. In der aktuellen S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ wird Haarausfall bei Valproinsäure als gelegentliche Nebenwirkung aufgeführt.
Mit Propranolol schien die Patientin dann über neun Jahre (ohne Alopezie) gut eingestellt zu sein. Dann begann sie jedoch eine Erenumab-Therapie. Diese verbesserte nochmal ihre Migränesymptomatik, allerdings setzte drei Monate nach Behandlungsbeginn wieder Haarausfall ein. Auch eine Umstellung auf Fremanezumab beendete den Haarausfall nicht.
In einem weiteren Fallbericht einer 33-jährigen Frau setzte der Haarausfall bereits zwei Wochen nach Behandlungsbeginn mit Erenumab ein. Auch hier verbesserte eine Umstellung auf Glacanezumab die Alopezie nicht. Daraufhin setzte die Frau Glacanezumab komplett ab. Der Haarverlust soll sich dann innerhalb von sechs Wochen behoben haben. Nach acht Monaten erhielt sie schließlich Fremanezumab, doch auch hier trat nach drei Wochen erneut Haarausfall auf. Zuletzt konnte der Patientin mit Atogepant geholfen werden, ohne dass es erneut zu Haarausfall kam.
In dem Literatur-Review wird auf eine Pharmakovigilanz-Studie von vergangenem Jahr verwiesen, die auch auf der FDA-Datenbank basiert und ebenfalls auf einen potenziellen Zusammenhang zwischen CGRP-Hemmern und Alopezie hinweist. Die DMKG schätzt angesichts solcher Untersuchungen die Verdachtsfälle von Nebenwirkungen für die Praxis als relevant ein - könnte Alopezie doch zu Therapieabbrüchen führen, die den behandelnden Ärzten (noch) gar nicht berichtet werden.
Die Einmalspritzen (Fertigpens) mit der Injektionslösung müssen im Kühlschrank gelagert werden. Lassen Sie das Medikament etwa 30 Minuten vor der Anwendung bei Raumtemperatur liegen. Auf diese Weise verringern sich die Beschwerden an der Einstichstelle.
Mediziner setzen Erenumab zur Vorbeugung (Prophylaxe) von Migräne-Anfällen bei Erwachsenen ein. Patienten mit mindestens vier Migräne-Attacken pro Monat (in Deutschland und Österreich) oder acht (in der Schweiz) können sich die Migräne-Spritze verschreiben lassen. Wenn andere Migräne-Medikamente nicht eingenommen werden können, nicht vertragen werden oder nicht ausreichend helfen, verordnet der Arzt ebenfalls Erenumab.
Die Kosten einer Therapie mit Erenumab hängen davon ab, wie oft und über welchen Zeitraum das Medikament gespritzt wird. Bei dem empfohlenen Anwendungsintervall von vier Wochen (28 Tage) erhalten Patienten also 13 Anwendungen pro Jahr. Die Jahrestherapiekosten belaufen sich auf einen höheren vierstelligen Betrag. Erhalten Patienten eine höhere Dosis, steigen die Kosten entsprechend.
Ob die gesetzliche Krankenkasse die Kosten der Behandlung übernimmt, kommt auf den Einzelfall an. Meist müssen Patienten vorher andere Medikamente zur Migräne-Prophylaxe eingenommen haben, zum Beispiel den Betablocker Metoprolol oder das Antidepressivum Amitriptylin. Zudem hängt die Kostenerstattung davon ab, an wie vielen Tagen pro Monat die Patienten an Migräne leiden. In Deutschland und Österreich müssen es mindestens vier, in der Schweiz mindestens acht Migräne-Tage im Monat sein, damit die Kosten von der Krankenkasse erstattet werden.
Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten für Erenumab, wenn andere Medikamente:
Bessern sich die Beschwerden nach drei bis sechs Monaten nicht, erstatten die Krankenkassen in der Regel jedoch keine weiteren Erenumab-Behandlungen.
Informieren Sie sich vorher bei Ihrer Krankenkasse, ob und unter welchen Bedingungen sie die Kosten für eine Therapie mit Erenumab übernimmt.
Erenumab ist seit 2018 in der EU und der Schweiz zugelassen. Erenumab ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz verschreibungspflichtig und mit einem Rezept vom Arzt in Apotheken erhältlich.
Erenumab gibt es nur als Injektionslösung in einem Fertigpen (Einmalspritze). Der Patient spritzt die Lösung direkt unter die Haut (subkutan). Eine Spritze oder ein Pen enthalten immer die Dosis für eine einzelne Anwendung.
Erenumab wird direkt unter die Haut (subkutan) gespritzt. Die Injektion erfolgt in den Bauch oder in den Oberschenkel. Am besten spritzt man jedes Mal in eine andere Stelle. Die übliche Dosis beträgt 70 Milligramm alle vier Wochen. Manchmal steigert der Arzt die Dosis auf 140 Milligramm, sie wird ebenfalls im Abstand von vier Wochen gespritzt.
Normalerweise testet man den Wirkstoff drei Monate lang, bevor der Arzt beurteilt, ob Erenumab ausreichend wirkt. Bessern sich die Beschwerden in dieser Zeit nicht, wird die Therapie möglicherweise beendet.
Lassen Sie sich die genaue Anwendung von Ihrem Arzt, Ihrer Ärztin oder in der Apotheke erklären, bevor Sie sich zum ersten Mal die Erenumab-Lösung injizieren.
Mediziner vermuten, dass Entzündungsreaktionen und erweiterte Blutgefäße im Gehirn eine Ursache für die Migräne-Attacken sind. An diesen Vorgängen sind unterschiedliche Botenstoffe im Körper beteiligt. Einer dieser Botenstoffe ist das sogenannte Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP).
CGRP wirkt sich unter anderem positiv auf das Herz-Kreislauf-System aus. CGRP spielt jedoch auch bei der Migräne-Entstehung eine Rolle.
Bestimmte Sinneszellen, die sogenannten Nozizeptoren (Schmerzrezeptoren), setzen CGRP frei. Wenn CGRP an seine Andockstellen (Rezeptoren) auf Blutgefäßen in der Hirnhaut bindet, entspannt sich die glatte Muskulatur und die Gefäße erweitern sich. Mediziner sprechen von einer Vasodilatation. CGRP löst außerdem Entzündungen und Schmerzen aus.
Erenumab ist ein monoklonaler Antikörper. Er bindet auch an den CGRP-Rezeptor. Sobald Erenumab die Bindungsstelle blockiert, kann CGRP den Rezeptor nicht mehr aktivieren. Die Migräne-Attacken treten dann seltener auf, weil die Blutgefäße nicht erweitert und keine Entzündungen ausgelöst werden.
Erenumab hat eine lange Halbwertszeit. Der Körper hat nach etwa 27 bis 30 Tagen erst die Hälfte des Wirkstoffs abgebaut. Weil Erenumab so lange wirkt, müssen die Antikörper nur alle vier Wochen gespritzt werden.
Patienten, die überempfindlich auf den Wirkstoff oder einen der anderen Bestandteile des Medikaments reagieren, dürfen Erenumab nicht anwenden.
Schwangere und stillende Patientinnen sollten ebenfalls auf die Erenumab-Therapie verzichten, da bisher kaum Erfahrungen aus Studien vorliegen. Auch für die Anwendung bei Kindern mit Migräne liegen nicht genügend Daten vor.
Erenumab ist ein humaner monoklonaler Antikörper. Der Körper zerlegt den Wirkstoff - wie alle körpereigenen Antikörper - zum Abbau in kleinere Bestandteile, zum Beispiel in Aminosäuren. Erenumab stört die Stoffwechselvorgänge in der Leber oder Niere nicht. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die in der Leber oder Niere vom Körper verarbeitet werden, sind daher unwahrscheinlich.
Informieren Sie Ihren Arzt, Ihre Ärztin oder die Mitarbeitenden in der Apotheke über alle weiteren Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel, die Sie einnehmen. Dazu gehören auch pflanzliche Medikamente oder Präparate, die Sie ohne Rezept in einer Apotheke kaufen.
tags: #aimovig #haarausfall #nebenwirkungen
Diese Website verwendet Cookies. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen
Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.