Die Karnevalszeit ist eine Zeit des Ausbruchs aus dem Alltag, in der viele Menschen in neue Identitäten schlüpfen. Doch was als unbeschwerter Spaß gedacht ist, kann schnell in rassistische Gefilde abdriften, insbesondere bei der Wahl von Kostümen. Ethnische Verkleidungen, die auf Stereotypen basieren, wie beispielsweise das Tragen einer Afro-Perücke oder das Schminken des Gesichts, um eine andere Ethnie darzustellen ("Blackfacing"), sind zunehmend in die Kritik geraten.
Karnevalskostüme im Wandel der Zeit (Quelle: MDR)
Im Rheinland hat ein Umdenken eingesetzt. "Bestimmte Kostümierungen, die vor zehn Jahren noch üblich waren, sind heute nicht mehr in Ordnung", beobachtet Tanja Holthaus, Sprecherin des Festkomitees Kölner Karneval. In den kleinen Karnevalsvereinen ist die Debatte über Rassismus und "Blackfacing" angekommen. Es wird erkannt, dass Rassismus nicht nur eine Frage der Absicht ist, sondern vor allem der Wirkung.
Tahir Della, Sprecher der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V., betont: "Rassismus ist nicht nur, wenn eine Intention dahintersteht. Entscheidend ist die Wirkung." Menschen, deren Ethnie im Karneval als Kostüm mit stereotypen Merkmalen wie Knochenketten oder Fellkleidung dargestellt werde, fühlten sich diskriminiert und nicht ernst genommen. Oft werde argumentiert, das sei eine Tradition und nicht rassistisch gemeint, sondern es gehe um Spaß. "Tatsache ist, dass nicht alle daran Spaß haben", entgegnet Della.
Alice Hasters, Journalistin und Autorin, hat schon als Kind Bekanntschaft mit rassistischen Stereotypen in Karnevalskostümen gemacht: Mit Kostümen, die Schwarze als Wilde oder Kannibalen zeigen. Das habe ihr Selbstbild geprägt, sagt sie. Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte und die Geschichte Afrikas an der Universität Hamburg, ergänzt: "In Deutschland wird in der Debatte immer drauf gepocht: Wenn etwas nicht rassistisch gemeint sei vom weißen Sprecher, dann sei es nicht rassistisch. Und es ist sehr schwer den Leuten klarzumachen, dass es eigentlich auf den, der sich rassistisch beleidigt fühlt, ankommt, ob etwas rassistisch wirkt."
In den USA ist man sensibilisierter, was das Blackfacing betrifft, sagt Jürgen Zimmerer. Dort sei diese Praxis eng verbunden mit der Versklavungsgeschichte. Beispielsweise wurde das Blackfacing in den Minstrel-Shows von Weißen benutzt, um sich über schwarze Amerikaner lustig zu machen. Hier in Deutschland fehle diese Sensibilität oft noch. Viele Jahre hätten wir rassistische Elemente in unserer Gesellschaft nicht ernst genug genommen, sagt der Historiker.
Ein Beispiel für ein kritisches Kostüm ist die "Afrikanische Dame" der Firma Deiters, die als "wild, sexy und unzähmbar" beworben wurde, inklusive Leoparden-Print und "wilder Afro-Perücke". Dieses Kostüm reduziert Afrikanerinnen auf Stereotypen und Klischees. Mittlerweile ist das Kostüm im Onlinestore von Deiters gelöscht.
"Aber das haben wir immer so gemacht, es ist Tradition", ist ein häufig benutztes Argument in der Debatte um diskriminierende Verkleidungen, auch von Karnevalsvereinen. Doch viele Vereine haben inzwischen umgedacht und sich umbenannt, wie beispielsweise die "Frechener Negerköpp", die nun "Wilde Frechener" heißen. Cöllen berichtet, dass die Anfeindungen überhand genommen hätten. Dass derartige Debatten heute viel schneller hochkochen und überhaupt über die Grenzen des eigenen Karnevalsumzugs bekannt werden, hat mit den neuen Medien zu tun.
Jürgen Zimmerer betont, dass wir uns ernsthaft mit Rassismus und unserer kolonialen Vergangenheit auseinandersetzen müssen. "Wir sehen Europa als Hort der Menschenrechte und der Aufklärung und blenden völlig aus, dass dies auf dem Rücken der versklavten und ausgebeuteten Menschen geschaffen wurde."
Fatih Çevikkollu, Kabarettist, rät von Ethno-Kostümen ab - weil sie recht unkreativ seien. "Durch die weltweite Vernetzung kann heute im Grunde jeder alles mitbekommen. Das verändert ganz automatisch den Blickwinkel", sagt er.
Einige Karnevalsvereine haben sich aufgrund der Debatte um Rassismus und Diskriminierung umbenannt. Hier eine Tabelle mit Beispielen:
| Alter Name | Neuer Name |
|---|---|
| Mülheimer Neger | Müllemer Klütte |
| Frechener Negerköpp | Wilde Frechener |
Kulturelle Aneignung bezeichnet die Übernahme von Elementen einer anderen Kultur, oft ohne deren Geschichte und Bedeutung zu kennen. Problematisch wird es, wenn kulturelle Elemente übernommen werden, ohne deren Geschichte zu kennen und ohne dieser respekt- und rücksichtsvoll zu begegnen.
Kulturelle Anerkennung hingegen bedeutet, sich wertschätzend und umfassend mit einer anderen Kultur auseinanderzusetzen. Auf dieser Basis kann dann jeder und jede selbst entscheiden, ob er oder sie sich ein Kostüm kaufen oder vielleicht doch lieber als etwas Originelleres verkleiden möchte.
Kulturelle Vielfalt (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)
Es ist wichtig, sich der Problematik rassistischer Stereotype bewusst zu sein und Kostüme zu wählen, die nicht diskriminierend sind. Verkleiden soll Spaß machen, ist aber kein Freifahrtschein für rassistische Klischees.
tags: #Afro #Perücke #rassistisch
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