Afrikaner Glatte Haare: Ursachen und Hintergründe eines Schönheitsideals

„So schauen deine Haare offen aus?“, fragte mich meine 16-jährige Cousine 2017 bei meinem Besuch in der Demokratischen Republik Kongo. „Warum benutzt du keinen Relaxer?“ Das ist eine weiße Creme, mit der gelockte Afrohaare, wie ich sie an jenem Tag trug, chemisch geglättet werden können. Für viele Schwarze Menschen ist es bis heute nicht leicht, zu den eigenen Locken zu stehen. Selbst ich trage meine Haare in Österreich nicht offen, aufgrund von Ausgrenzung und negativen Erfahrungen. Daher betone ich: Unsere Frisuren sind kein Trend. Sie sind Teil unserer Identität.

Man sollte meinen, dass die Entscheidung darüber, ob eine Frau ihre Haare in ihrer natürlichen Form tragen oder sie lieber verschleiern will, etwas zutiefst persönliches ist, aber für viele Women of Color ist es das leider nicht. Haare sind ein Politikum und sowohl Gesetzgeber als auch unsere Gesellschaft haben gerne ein Wort mitzureden, wenn es darum geht, wie sie präsentiert bzw. verborgen werden.

In diesem Artikel geht es um Women of Color und ihre Beziehung zu ihren Haaren. Wir erkunden zusammen mit unserer Guest Editor Kemi Fatoba in Videos, Fotostrecken und Artikeln, wie Menschen mit Rassismuserfahrungen Deutschland erleben. Als einziges österreichisches Magazin berichtet biber direkt aus der multiethnischen Community heraus - und zeigt damit jene unbekannten, spannenden und scharfen Facetten Wiens, die bisher in keiner deutschsprachigen Zeitschrift zu sehen waren.

Historische und kulturelle Einflüsse

Schon während der Kolonialzeit wurde Afrikanern und Afrikanerinnen unter Androhung von Strafen beigebracht, dass hellere Haut und glattes Haar schöner als Schwarze Haut und Afrohaar seien. Dieses Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Viele glauben daher bis heute, dass glatte Haare ein Zeichen für Wohlstand und Beliebtheit seien.

Während des Sklavenhandels wurden Fluchtwege und Codes zur Befreiung in Cornrows eingeflochten und Essen (z.B. Reiskörner) als Überlebensstrategie in den Haaren versteckt. Auch königliche Schwarze Ägypter und Ägypterinnen trugen Braids und Cornrows. Dabei haben die traditionellen Frisuren ein historisches Erbe.

Um die kulturellen Bräuche von schwarzen Menschen zu unterdrücken, mussten sie zur Kolonialzeit in den USA ihre Haare ganz kurz schneiden, erinnert Alice Hasters. Glatte Haare als Statussymbol Außerdem waren die Hellhäutigeren mit wenig Krause oft besser gestellte Sklaven. Das hat sich auch nach dem Ende der Sklaverei weiter fortgesetzt. Je näher die Menschen einem europäischen Schönheitsideal kamen, desto eher wurden sie in den USA gesellschaftlich akzeptiert.

Gesellschaftliche Wahrnehmung und Diskriminierung

Auch in Deutschland und Österreich kostet es Schwarze Menschen emotionale Überwindung, ihre Haare offen zu zeigen. Während Locs beim legendären Reggae Sänger Bob Marley cool aussehen, wirken sie an anderen Schwarzen Männern bedrohlich. So das gängige Vorurteil. Das bestätigten mir Freunde, die in Einkaufszentren häufig von der Security kontrolliert oder auf der Straße von der Polizei angehalten werden.

Bei Schwarzen Frauen wird häufig das Argument gebracht, dass ihre Haare “unprofessionell” aussehen. In New York wurde erst Anfang des Jahres 2019 ein Gesetz beschlossen, nach dem Frauen mit Afrohaaren nicht mehr diskriminiert werden dürfen, wenn sie mit Braids, Cornrows, Bantu Knots oder anderen Frisuren für natürliches Afrohaar am Arbeitsplatz erschienen. Davor war es Arbeitgebern erlaubt, sie aufzufordern, ihre Haare chemisch zu glätten oder abzuschneiden.

Als ich dann anfing, als Beauty-Journalistin zu arbeiten, war ich bei Presseveranstaltungen in der Regel die einzige Schwarze Frau (was sich auch 15 Jahre später nicht geändert hat). Außerdem wurde mir überdeutlich zu verstehen gegeben, dass eine gewisse Ästhetik vorherrschte und bevorzugt wurde.

Nicht nur war ich mit meinem natürlichen Look auf Tinder auf einmal viel weniger beliebt, sondern hatte auch weniger Likes und Follower auf Instagram. Außerdem änderte sich das Verhalten von Fremden mir gegenüber plötzlich. Ein Beispiel: Ich war letztens in einem Nagelstudio und musste leider feststellen, dass sich das Personal verächtlich mir gegenüber verhielt, während alle anderen Kund:innen freundlich behandelt und angelächelt wurden. Liegt das an meinen Haaren oder an der Farbe meiner Haut? Diese Frage kann ich beim besten Willen nicht beantworten. Was aber außer Frage steht, ist, dass mein glattes Haar besser ankommt.

Mediale Einflüsse und Schönheitsideale

Der Fernseher läuft in vielen Haushalten den ganzen Tag über. Geschaut werden häufig nicht die afrikanischen Programme - da sie als uninteressant und oft schlecht gemacht wahrgenommen werden. Spannend und beliebt ist zum Beispiel der französische Sender TF1. Noch einflussreicher sind jedoch die Spielfilme. Beliebt sind amerikanische Hollywood-Streifen, aber auch die deutsche Serie „Verliebt in Berlin” fand in ihrer französischen Synchronisation viele Fans. Afrikanische Filme sind rar und im TV so gut wie nicht vorhanden, sondern werden höchstens bei Filmfestivals einem Nischenpublikum präsentiert.

Das Aussehen der Stars spielt ebenfalls eine Rolle. Bewundert werden dunkelhäutige Sänger und Schauspieler wie beispielsweise Rihanna, Beyoncé, Alicia Keys und Halle Berry. Die kamerunische Musik-Queen Lady Ponce widerspricht dem Schönheitsideal häufig und trägt ihre Haare zu Zöpfen geflochten. Allerdings gibt es auch viele Fotos von ihr, die sie mit glatten Haaren zeigen - unter anderem auf Plattencovern.

So lange der europäische Lebensstil in Afrika weiterhin als Idealbild angesehen wird, existiert auch ein Schönheitsideal, das sich an dem des Westens orientiert. Je mehr Einfluss und Reichtum eine Frau hat, desto mehr wird sie versuchen, diesem Ideal zu entsprechen.

Die "Natural Hair Bewegung" als Gegenbewegung

Inspiriert von der Natural-Hair-Bewegung beschloss ich aber vor etwa mehr als einem Jahr, eine große Veränderung vorzunehmen und mich von meinem Relaxer zu verabschieden. Was darauf folgte, waren 52 augenöffnende und oft unbequeme Wochen. Die Natural-Hair-Bewegung ermutigte mich dazu, weiterzumachen und nicht in alte Muster zurückzufallen - diese kollektive Abkehr von überholten Schönheitsidealen, die Schwarzen Frauen das Gefühl geben, unattraktiv, unwürdig und inakzeptabel zu sein, spornte mich an und erfüllte mich mit einem Gefühl von Stolz.

„Repräsentation ist ein wichtiger Teil von Selbstakzeptanz“, sagt die Psychologin und Autorin der Studie Psychology of Black Hair Johanna Lukate. „Frauen of color haben soziale Medien dazu genutzt, um eine Fülle von Texturen - von wellig über lockig bis hin zu kraus - und Hauttönen zur Schau zu stellen, die man in traditionellen Medien sonst nicht sieht. Das hat dazu geführt, dass Afro-Haar zu einem weltweiten Thema geworden ist und dass wir jetzt positive Darstellungen von Frauen of color zu Gesicht bekommen.“ Diese Entwicklung gab mir den Mut, auszudrücken, wie stolz ich auf meine Herkunft bin, ohne Angst vor den Vorurteilen anderer zu haben.

Durch die amerikanische Bürgerrechtsbewegung in den siebziger Jahren wurde die Afrofrisur auch zum Zeichen der Rebellion und Auflehnung. Viele Schwarze wollten gerade diesem Eindruck entgehen, was zur Folge hat, dass typischen Flechtfrisuren oder Dreadlocks an Privatschulen teilweise bis heute verboten sind.

Haarpflege und Identität

Mittlerweile liebe ich meine Haare und probiere mich aus! Für viele Schwarze Menschen aber sind Haare ein Teil ihrer Identität. Auch bei mir. Jeder Schwarze Mensch in Deutschland hat besondere Geschichten aufgrund seiner Haare erlebt. Bei mir waren es Heulkrämpfe im Kindesalter, weil ich auch glatte Haare haben wollte, so wie alle anderen Kinder. Und immer wieder fassen Menschen ungefragt meinen Kopf an.

Als Polymerchemikerin und Materialwissenschaftlerin dachte ich, es wäre großartig, ein Projekt zu starten, bei dem ich die Nuancen meiner Haare untersuchen könnte, weil ich das Gefühl hatte, dass sie nicht sehr gut verstanden wurden", betont sie.

Seitdem ich mich intensiver mit meinem Lockentyp auseinandersetze, spiele ich viel mehr mit meinen Haaren. Neue Frisuren, Tücher, Stylings oder es gewinnt einfach mal die pure Faulheit, dann geht es für meine Haare in die Palmenfrisur. Liebe deine Haare genauso wie sie sind und hab Spaß daran sie zu entdecken!

Ich habe dem White Hair Privilege den Rücken gekehrt. Auch wenn diese Entscheidung meine Partnersuche erschwert oder ich durch sie krassere Formen von Diskriminierung ertragen muss, sind das Opfer, die ich bereit bin, zu bringen. Ich habe eine Verantwortung mir selbst gegenüber, all die Dinge zu akzeptieren und zu lieben, die mich zu der einzigartigen Person machen, die ich nun mal bin - lockiges Afro-Haar eingeschlossen. Ich hoffe, dass ich damit ein Vorbild für andere Frauen of color sein kann.

Wir sind eine Rarität. Wir sind divers.

Doku über Black Hair in Deutschland

Lockentypen: Eine Übersicht

Entwickelt wurde diese Klassifizierung der Haarstrukturen von Oprahs Haarstylisten Andre Walker. Dabei werden glatte (Typ 1) bis hin zu den sogenannten “coily” (Typ 4) in eine Kategorie mit Unterkategorien von a bis c, welches den Durchmesser der Wellen definiert, eingeteilt. Wir überspringen die ersten zwei Haartypen und starten direkt mit denen, die für uns interessant sind: Für Afrohaare!

LockentypBeschreibungMerkmale
3AGroße, leichte LockenGlänzend, etwa so groß wie ein Bleistift
3BGrobe, federnde LockenUmfang ähnlich einem Marker, braucht viel Feuchtigkeit
3CEnge KorkenzieherlockenUmfang vom Strohhalm bis zum Bleistift, dicht zusammengepackt, viel Volumen, anfällig für Frizz
4ADichte, federnde S-förmige WindungenUmfang einer Häkelnadel, geschmeidige Textur, weiche Fäden
4BDicht gepackte SträhnenBiegen sich in scharfen Winkeln wie der Buchstabe Z, vielfältige Stylingvariationen
4CEng gewundene SträhnenZerbrechlich, sehr enges Zick-Zack-Muster, größte Schrumpfung, braucht viel Feuchtigkeit

Es ist wichtig zu beachten, dass viele Menschen nicht nur einen einzigen Haartyp auf dem Kopf haben, sondern mehrere gleichzeitig besitzen können.

Ich hoffe, ich konnte dir mit dieser Auflistung einen guten Schritt in die große Welt der Locken bieten und bin ganz gespannt, welcher Haartyp du bist! Jetzt bin ich neugierig: Zu welcher Kategorie gehörst du?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Streben nach glatten Haaren bei Afrikanerinnen komplexe Ursachen hat, die in der Kolonialgeschichte, den gesellschaftlichen Schönheitsidealen und den medialen Einflüssen verwurzelt sind. Die "Natural Hair Bewegung" stellt eine wichtige Gegenbewegung dar, die dazu beiträgt, das Bewusstsein für die Schönheit und Vielfalt von Afro-Haar zu stärken und ein positives Selbstbild zu fördern.

Hier sind ein paar Bilder, die die Vielfalt und Schönheit von Afro-Haar veranschaulichen:

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