Adolf Hitlers Haare und Bartstil: Mehr als nur ein Markenzeichen

Später hieß er "Hitler-Bart", doch Adolf Hitler und seine Zeitgenossen verbanden mit dem Oberlippenbart etwas anderes.

Der Bart wurde zu seinem Markenzeichen, dabei war der markante zwei Finger breite Schnauzbart weder Adolf Hitlers Erfindung, noch zeichnete er ihn individuell aus. Neben Hitler gibt es einen weiteren bekannten Träger des Zweifingerbarts, Charlie Chaplin. Erfunden haben die beiden den quadratischen Bart nicht, prominente Träger finden sich schon hundert Jahre vorher.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg galt ein Schnurrbart als wahre Manneszier. Er wurde gepflegt, gezwirbelt und nachts trug der Mann von Welt eine spezielle Maske, damit der kostbare Bart nicht aus der Form geriet. In den Romanen der Zeit - etwa dem "Bel Ami" von Maupassant - kann man nachlesen, wie bedeutend ein Schnurrbart sein konnte. Er sollte Energie und Manneskraft ausdrücken und das weibliche Geschlecht elektrisieren.

Der quadratische Schnauzer der US-Mode - Toothbrush Moustache - war ein Bruch mit der Ästhetik des 19. Jahrhunderts. So modern war der junge Hitler nicht, vor dem Krieg trug er einen Schnurrbart wie sein Kaiser. Doch der Erste Weltkrieg setzte der Mode ein jähes Ende.

Adolf Hitler mit seinem charakteristischen "Zahnbürstenbart"

Der Einfluss des Ersten Weltkriegs

Damals wurde in den Grabenkämpfen Giftgas eingesetzt. Schützen sollten Gasmasken, die das Gesicht mit Gummi abdeckten, tragen können. Nur schauten hier die Spitzen der mächtigen Schnurrbärte unter der Maske hervor, sie schloss nicht mehr ab. Auch unter der Maske konnte man den Bart nicht stopfen, die langen Haare hätten dann Mund oder Augen verdeckt.

Alexander Moritz Frey diente mit Hitler im gleichen Regiment der bayrischen Armee, später wurde er zum erbitterten Gegner seines einstigen Kameraden. Er schrieb über ihn: "Eines Abends im Herbst 1915, kam der Meldegänger, ein bleicher, langer Mensch nach der ersten Granate hinuntergestürzt. Angst und Wut in den flackernden Augen. Ein voller Schnurrbart, der später der neuen Gasmaske wegen gekappt werden musste, verdeckte noch den hässlichen, meist verkrampften Schlitz des Mundes.

Hitler kam zu dem Zweifingerbart wie Hunderttausende andere auch. Es ist umstritten, ob Hitler den knappen Bart auch nach dem Krieg immer beibehielt oder ob er den Bart eine Zeit lang wieder hat sprießen lassen.

Der "Grabenbart" als politisches Statement

Unter dem Einfluss seines damaligen Freundes und PR-Spezialisten Ernst Hanfstaengl erkannte Hitler die Bedeutung von stilbildenden Zeichen wie etwa dem Hakenkreuz. Für sich selbst wählte Hitler den Gefreiten des Weltkrieges. Und zu dessen Zeichen zählte auch der "Grabenbart". Damals stand der Bart noch nicht für "Hitler-Bärtchen", so berühmt war er nicht. Er wies Hitler aber erkennbar als Frontkämpfer aus und spielte zudem auf seine Gasverletzung an.

Weitere Accessoires vertieften den soldatischen Eindruck. In den 1920er trug Hitler immer noch zivile Anzüge, kombinierte sie aber mit einem Trenchcoat - einem Grabenmantel, eine britische Erfindung aus dem Weltkrieg. Auf andere Kleidungsstücke, die das Soldatenimage gefährden könnten - wie etwa die von Hitler gern getragene traditionelle Lederhose - verzichtete er später. Heute wirkt die Maskerade befremdlich, damals war es ein klares Statement. Hitler betonte damit das Soldatische und seine Modernität. Der Look markierte einen sofort sichtbaren Bruch mit dem überkommenen Modell der bürgerlichen Honoratioren-Partei mit ihren gesetzten Äußeren. Gelegentlich war Hitler gezwungen, die äußeren Formen der verhassten bürgerlichen Welt anzulegen.

Diese Verbindung hatte nicht nur politische Bedeutung, sondern auch ethno-kulturell. Im Iran wurde der HJ-Schnitt in Friseur-Salons übernommen und als Modell-i Almani 'مدل موی آلمانی' bezeichnet, was eine Faszination für die deutsche Ästhetik und Disziplin widerspiegelt. Die Übernahme des Hitlerjugend-Schnitts im Iran und der weitreichende Einfluss türkischer Friseure bei der Definition deutscher Frisuren spiegelt bis heute ein komplexes Zusammenspiel kultureller Einflüsse wider. Iraner und Türken fühlten sich gleichermaßen von den wahrgenommenen Standards deutscher Präzision und Disziplin angezogen, während hierzulande bis heute die wenigsten von den historischen Konnotationen ihrer gewählten Frisuren wissen.

Egal, wo wir in der Geschichte stehen, der Name unseres Vaters schreibt sich auf unseren Körper und verfolgt uns, egal ob uns das bewusst ist oder nicht. Was die neue Generation am verblassten Haarschnitt cool findet, ist eigentlich eine Ästhetik der Disziplin. Haarschnitt und die Furcht der Kinder vor dem Friseur haben etwas mit Kastration zu tun, wenn wir das Ganze unter der Lupe der Freud'schen Analyse betrachten wollen. Aber vielleicht ist das Ganze einfacher, als es aussieht: Der Haarschnitt ist eine Spur, eine Handschrift und die Unterzeichnung des Vaters auf dem Körper seines Sohnes: Disziplin. Ein Modell von Disziplin und gleichzeitig ein Modell für Disziplin. Damals lebte die ganze Welt unter dem Regime dieser Wertvorstellungen. Und das spiegelte sich auch in der Mode.

Marken wie Hugo Boss, ursprünglich auf militärische Designs ausgerichtet, illustrierten die enge Verknüpfung von Mode, Symbolik und politischer Ideologie, indem sie während des Zweiten Weltkriegs Uniformen für die NSDAP, Schutzstaffel, Wehrmacht und die Hitlerjugend produzierten. Die deutsche Bevölkerung wurde dadurch auf Linie gebracht.

Heutzutage leben Iraner:innen und wir alle unter dem Regime der Kontrolle. Und das hinterlässt nicht nur in, sondern auch auf den Köpfen tiefgehende Spuren. Im metaphorischen Sinne ist das die Geschichte von Echo und Narziss, eine tragische Liebesgeschichte der griechischen Mythologie, in den Werken von Ovid. Echo, die Nymphe, ist von Hera dazu verflucht, nur die Worte anderer wiederholen zu können. Auf der anderen Seite ist Narziss, ein junger Mann von außergewöhnlicher Schönheit, von seiner eigenen Selbstliebe besessen. Die Geschichte dreht sich um die unerwiderte Liebe von Echo zu Narziss, der seine eigene Reflexion in einem Teich bewunderte.

Narziss, grob betrachtet, kann als passendes Symbol für den Westen dienen. Wie Narziss seine äußere Erscheinung bewunderte, fokussiert sich der Westen oft auf äußerliche Merkmale, technologischen Fortschritt und visuelle Reize. Im Gegensatz dazu repräsentiert der Osten, symbolisiert durch Echo, eine Kultur, in der auditive Intuition eine größere Rolle spielt. Die "1001 Nächte" betonen die mündliche Überlieferung, bei der Geschichten durch das Hören und Erzählen weitergegeben werden. Allerdings kann der Osten, ähnlich wie Echo, Schwierigkeiten haben, innere Emotionen genau zu übersetzen und zu kommunizieren. Der verblasste Haarschnitt kann als Echo dienen, das der Narziss, der sein eigenes Spiegelbild bewundert, oft ignoriert oder nicht hören möchte.

Adolf Hitler in den 1920er Jahren mit Trenchcoat, der den soldatischen Eindruck verstärkte.

Die Verbindung zu Charlie Chaplin

Es ist bemerkenswert, dass derselbe Bartstil von einem der lustigsten Menschen des 20. Jahrhunderts getragen wurde und zugleich von einem der bösesten. Chaplin hatte sich den Bart im Jahr 1914 einfallen lassen, für seine Figur des kleinen Tramps. Da war er 25 Jahre alt und wollte älter aussehen. 1940, als er in Der große Diktator Hitler spielte, trug er den Bart zum letzten Mal. Denn inzwischen war aus dem Zahnbürstenbart das Hitlerbärtchen geworden, der Führerbart, ein ideologisches Bekenntnis - wenige Zentimeter Gesichtshaar, die das bodenlos Böse repräsentierten. So ist es bis heute geblieben.

Der Hitlerbart starb nicht mit Hitler. Er bestand weiter. Denn Hitler starb ja nicht einfach, er verschwand, und nicht mal eine Leiche blieb zurück. Was allerdings blieb, war der Bart. Der Hitlerbart wurde zur Essenz der Existenz Hitlers, die besondere Bartform und ihr Träger wurden eins und untrennbar, der Bart wurde der Mann. Der Hitlerbart ist die wirkungsmächtigste Anordnung von Gesichtsbehaarung, die die Welt je gekannt hat.

Es gibt übrigens eine exotische Verhaltensstörung mit dem Namen Pogonophobie. Darunter versteht man die Angst vor Bärten, Bartträgern oder sogar dem eigenen Bartwuchs.

Im Verhör: »Die Rückkehr der Baseballschlägerjahre« – mit T. Heise und H. Neumann | SPIEGEL TV

Die Entwicklung des Bartes in der Gesellschaft

Der Bart ist selbstverständlich kein neues Phänomen. Die Geschichte kennt den Bart-Mann unter vielen Namen. Jesus etwa. Auf den allermeisten Darstellungen wird der Nazarener mit Bart gezeigt. Auch Dschingis Khan war ein Mann des Bartes. Der Bart Kaiser Friedrichs des Ersten, genannt Barbarossa, also Rotbart, soll derart wachstumskräftig gewesen sein, dass er noch nach seinem Tode wuchs, ja sogar durch den Tisch wuchs, an dem der tote Kaiser Platz genommen hatte.

Karl Marx trug Bart. Sein Stil hieß Demokratenbart und galt nach der Revolution von 1848/49 zunächst noch als Ausweis obrigkeitsfeindlicher Gesinnung. Nach der Reichsgründung von 1871 wurde der Bart jedoch zum spezifischen Zeichen deutscher Kaisertreue. Der Kaiserbart, wie er vom deutschen Wilhelm und vom österreichischen Franz Joseph (beide Kaiser, beide „der Erste“) getragen wurde, war eine Masse die Wangen aufplusternden Gesichtshaares, dazu ein gewaltiger Schnauzer.

Kein Hipster würde wagen, so etwas zu tragen.

Das wir gegenwärtig dennoch in der Lage sind, uns derartige Bärte in natura anzusehen, ist der organisierten Bartbewegung zu verdanken. Das sind Männer meist mittleren Alters, die sich der Pflege und der Verherrlichung des sekundären männlichen Geschlechtsmerkmals verschrieben, als Sport, wenn man so will, als Bartsport. Die organisierte Bartbewegung beschränkt sich nicht auf Deutschland (obwohl sie hier stark ist), sie ist weltweit organisiert, die Akteure in Bartvereinen zusammengefasst. Sie treffen sich jedes Jahr zu nationalen und internationalen Meisterschaften.

Am Wochenende findet in Leinfelden-Echterdingen, einer 35.000-Seelen-Gemeinde im Schwäbischen, die bereits elfte Bartweltmeisterschaft statt, mit Teilnehmern aus 19 Nationen.

Angetreten wird in drei Hauptkategorien: 1. Schnurr-, Schnauz- oder Oberlippenbart; 2. Kinn- und Backenbart; 3. Vollbart. Jede Hauptkategorie ist in genau definierte Unterkategorien aufgeteilt. Die Beschaffenheit eines jeglichen Bartes ist genauestens definiert. Wo und wie lang darf der Bart angewachsen sein? Wie genau hat er auszusehen? Welche Hilfsmittel sind erlaubt (z. B. Draht, Bartlack, Haarspray). Da gibt es den Kaiserliche Schnauzbart, den Schnauzbart Naturale, den Schnauzbart Ungarisch, den Schnauzbart Englisch. Und es gibt einen Schnauzbart namens Dali.

In seiner Autobiografie postuliert Salvatore Dali, dass er „sogar im Schnurrbart Nietzsche übertreffen will! Mein Bart soll nicht deprimierend, katastrophisch, erdrückt von Wagner-Musik und Nebel sein. - Nein! Er soll dünn, imperialistisch und ultrarationalistisch sein und in den Himmel zeigen wie der vertikale Mystizismus.“ Wie nun solch vertikaler Mystizismus zu erlangen sei, steht genauestens in den Vorschriften der Bartbewegung: „Schmal, lange Spitzen im Bogen oder steil nach oben gerichtet. Die Haare dürfen nur bis zum Ende der Oberlippe angewachsen sein. Hilfsmittel sind erlaubt.“

Weitere Kategorien sind - politisch ganz unkorrekt - der Chinese (gerne auch Dschingis-Khan- oder Fu-Manchu-Bart genannt), der Musketier, der Kaiserliche Backenbart, der Vollbart Naturale, der Vollbart mit gestyltem Oberlippenbart, der Garibaldi und der Verdi. Neben den beschriebenen Unterkategorien gibt es jeweils noch eine für transfinite Mannigfaltigkeiten (vulgo: Freistil), in der alle von diesen vorgegebenen Kategorien abweichenden Bärte bewertet werden. Zudem gibt es eine neue Kategorie, die des Trend-Bartes, ein Umstand, der zweifelsfrei dem Wiedererstarken des Bartgedankens in der Jugend geschuldet ist.

Eitelkeiten, die sich hier zeigen, liegen oft schon im verhaltensauffälligen Bereich. In den Wettbewerben wird allerdings nicht nur der jeweilige Bart bewertet, sondern der Gesamteindruck, den ein Bartmann macht. Wie passt der Bart zu der Persönlichkeit und wie drückt sich die Persönlichkeit in der Wahl der Bekleidung aus? Kein Wunder also, dass eine Bartweltmeiterschaft einem seltsamen Karneval ähnelt. Es wimmelt nur so von Männern in echten oder Fantasieuniformen, in religiösen Gewändern oder historisierenden Kostümen.

Da ist zunächst der amerikanische Westen: neben namenlosem Fußvolk (Trapper, Cowboy) gibt es immer mehrere General Custers. Musketierbartträger kleiden sich gerne als - logisch - Musketiere, „stilecht“ bis hin zum Degen, oder als - bizarr mit Bäffchen in purpur- Kardinal Richelieu, von dem es meist auch mehrere gibt. Daneben und umeinander herum paradieren preußische Wachtmeister mit Pickelhaube, Dandies, Piraten, Fremdenlegionäre, Farmer, „Inder“ und „Chinesen“. Vom Macho Magnum bis zum Alm-Öhi ist alles dabei.

Was es nicht gibt, sind bärtige Damen. Obwohl es historisch korrekt wäre und sicher auch im Sinne der Gleichberechtigung, kommt die Bartlady nicht vor, jedenfalls nicht offiziell. Was ebenfalls nicht vorkommt, ist Charlie Chaplin, eines der bekanntesten Bartgesichter überhaupt. Der Chaplin-Bart wird in der Kategorie Oberlippenbart nicht erwähnt. Das mag damit zusammenhängen, dass der - neben Chaplin - berühmteste Träger dieser Art von Bart Adolf Hitler war.

Ursprünglich hieß dieser Style Zahnbürstenbart, ein amerikanischer Import, der in Deutschland zunächst vehement abgelehnt wurde. Die New York Times schrieb 1907: "German Women resent Toothbrusch-mustache and its usurpation of the Kaiserbart."

Der Zahnbürstenbart war ein kleines, haariges Stück Modernität und Effizienz, Ausdruck jener automatisierten Moderne, die dem alten, ständischen, feudalen Europa den Garaus machen sollte. Gegen alle Widerstände wurde der Zahnbürstenbart in Deutschland jedoch überaus populär. Verantwortlich dafür war ein junger Offizier der preußischen Armee, Leutnant Hans Koeppen, der eine öffentliche Hysterie auslöste, als er als Teilnehmer des ersten Autorennens um die Welt als Sieger durchs Ziel ging. Koeppen wurde als Popstar beschrieben: „Er ist 31 Jahre alt und unverheiratet, 1,82 m groß, schlank und athletisch, und er trägt den für seine Klasse so charakteristischen Zahnbürstenbart.“ (wieder New York Times)

Charakteristisch für seine Klasse: Damit waren selbstverständlich jene Wiener und Berliner Dandies und Gecken gemeint, die den Bart bis dahin getragen hatten.

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